Bruchlandung im OP

24. August 2007
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In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl der Flugzeugunglücke immer mehr abgenommen. Die Regeln in der Kommunikation und der Früherkennung von Fehlern will nun auch die Medizin nutzen, um falsche Entscheidungen, Nachlässigkeiten im OP und am Krankenbett zu verhindern.

“Ärzte und Piloten haben die Tendenz, sich für kugelsicher zu halten. Sie glauben einfach nicht, dass sie Fehler machen können. ” Dieses Zitat stammt keineswegs von einem Ärztehasser. Robert Helmreich ist Professor für Psychologe an der amerikanischen Universität von Austin. Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt er sich mit Kommunikation im Team im Flugverkehr und im OP. Seine Veröffentlichungen haben zu einem Umdenken in der Luftfahrt und der Medizin geführt.

1977 kollidierten zwei Jumbo-Jets auf der Startbahn der Kanaren-Insel Teneriffa. 583 Menschen starben, weil die Kommunikation zwischen Crew und dem Piloten nicht funktionierte. Kurz darauf führten amerikanische Luftfahrtbehörden neue Richtlinien für das Verhalten im Cockpit ein. Wichtigster Grundsatz: Auch der erfahrenste Pilot macht Fehler. Im Durchschnitt, so sagen Statistiken, sind das zwei pro Flug. Eine entsprechende Zusammenarbeit im Team soll dafür sogen, dass aus den Fehlern keine Unfälle werden. Tatsächlich hat die Zahl der Opfer von Flugzeugunglücken trotz steigender Passagierzahlen abgenommen.

Nimmermüde OP-Ärzte

Auch Klinikbetreiber und medizinische Verbände hätten gerne diesen Trend bei den Opfern ärztlicher Kunstfehler. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit macht sie für rund 17 000 Todesfälle im letzten Jahr in Deutschland verantwortlich. Denn allzu oft herrscht noch blankes hierarchisches Denken im Operationssaal. Eine Studie von Helmreich im Jahr 2000 im British Medical Journal zeigt das an einem Beispiel: Der Aussage: “Selbst wenn ich müde bin, leiste ich in kritischen Situationen noch effektive Arbeit.” stimmten 70 Prozent der Chirurgen, 47 der Anästhesisten, aber nur 26 Prozent der Piloten zu. “Wir sind da, wo die Luftfahrt vor 30 Jahren war” sagt Stephen Smith, medizinischer Direktor des amerikanischen “Nebraska Medical Center” in Omaha.

In den USA haben sich inzwischen etliche Firmen auf das Fehlermanagement und die Verbesserung der Teamarbeit in den Kliniken spezialisiert. So verspricht zum Beispiel “Lifewings” eine zehnfache Reduktion der Fehlerrate und rund 40 Prozent weniger Todesopfer aufgrund von Behandlungsfehlern. Rund 70 Klinik-Kunden registriert die erfolgreiche Firma inzwischen, bei der Piloten und Mediziner Hand in Hand arbeiten. Auch in Europa bauen die ersten Beratungsgesellschaften auf dieses Modell.

So bietet beispielsweise die Assekurisk AG mit Sitz in Luxemburg entsprechende Workshops an. Dabei haben sich Norbert Pateisky, Leiter der Abteilung Risikomanagement und Patientensicherheit am Allgemeinen Krankenhaus in Wien und Hans Härting, ehemaliger Chefpilot der Lauda Air, mit dem Versicherungsmakler Rainer Grundheber zusammengetan. Die Stützpfeiler Ihres Qualitätsmanagements:
Standardisierte personalunabhängige Entscheidungsfindung entsprechend der Situation, Briefings vor und nach der Operation, Abarbeiten von Checklisten sowie einem “Crew Resource Management”. Das Prinzip “Teamwork” löst dabei das alte hierarchische System ab. Die Trierer Klinik, das Mutterhaus der Borromäerinnen, lässt sich als eine der ersten Krankenhäuser in Deutschland von der Assekurisk schulen. Zudem hat sie ihre 300 Mitarbeiter aufgefordert, jeden “Beinahe-Fehler” zu melden.

Anonyme Fehlermeldesysteme

Ein System, dass es ermöglicht, auch ohne Furcht vor Sanktionen Fehler zu melden, gibt es in der Luftfahrt in den USA bereits seit 1975. Auch hier zieht die Medizin nach langer Bedenkzeit nach: Die Webseiten des Forums Patientensicherheit, einem gemeinsamen Projekt von Bundesärztekammer und Kassenärztlicher Bundesvereinigung listen sieben webbasierte Fehler-Report-Systeme auf. www.jeder-fehler-zaehlt.de vom Institut für Allgemeinmedizin in Frankfurt ist speziell für Hausarztpraxen gedacht, um auch dort von oft vorkommenden Nachlässigkeiten oder falschen Entscheidungen zu profitieren und etnsprechende Quellen auszumerzen. Daneben hat inzwischen etwa jede zehnte Klinik ein internes System zur Meldung von Zwischenfällen eingeführt.

Im Gegensatz zu den weit über 600 000 Meldungen in der Datenbank der amerikanischen Luftfahrt seit 1975 finden sich in den Listen der hiesigen Ärzteschaft vergleichsweise wenige Einträge. “Ein Chirurg sagte mir, das System sei für Lahme und Schwache”, berichtet Helmreich von Akzeptanzproblemen in der Medizin. Fehlermanagement und klare Kommunikation innerhalb des Teams gehört seit längerem zur Piloten-Ausbildung deutscher Fluggesellschaften. In den Operationssälen dauert es wohl noch einige Zeit, bis althergebrachte Umgangsformen einer verbesserten Routine weichen.

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