fMRT: Der Egoist wohnt hinterm Ohr

25. September 2012
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Eine kleine Hirnregion hinter dem Ohr könnte den Unterschied ausmachen, warum manche Menschen sich freigiebiger gegenüber ihren Mitmenschen verhalten als andere. Mit Hilfe der Magnetresonanz-Bildgebung gelang Forschern ein tiefer Einblick in die Gehirnanatomie.

Menschen helfen anderen Menschen, selbst wenn sie keinen direkten Nutzen davon haben. Doch nicht jeder Mensch zeigt das gleiche Ausmaß an selbstlosem Verhalten. Bisher war weitgehend unklar, wodurch diese individuellen Unterschiede verursacht werden. Ein Forscherteam der Universität Zürich konnte nun zeigen, dass ein Zusammenhang zwischen Hirnanatomie, Hirnaktivität und altrustischem Verhalten besteht. Wie die Wissenschaftler um Professor Ernst Fehr in der Fachzeitschrift Neuron mitteilten, haben altruistische Personen mehr graue Hirnsubstanz an der Grenze zwischen Scheitel– und Schläfenlappen.

Die Untersuchung

Die Züricher Forscher untersuchten bei 30 Freiwilligen, ob unterschiedliches altruistisches Verhalten neurobiologische Ursachen hat. Die Probanden konnten im Rahmen der Studie Geldbeträge zwischen sich selbst und einem anonymen Partner aufteilen. Während der Versuchsreihe lagen die Probanden einzeln im Inneren eines Kernspintomographen. Über ihrem fixierten Kopf war ein Spiegel angebracht, mit dessen Hilfe sie auf einen Monitor am Röhrenende blicken konnten. Auf diesem wurde ihnen angezeigt, über welche Entscheidungsoptionen sie verfügten.

Studienteilnehmer spielten um echtes Geld

Manche Probanden verhielten sich ausgesprochen uneigennützig, andere dagegen waren fast nie bereit, auf eigenes Geld zugunsten ihres Spielpartners zu verzichten. „Da die Studienteilnehmer echtes Geld verschenkten oder geschenkt bekamen, ihre Entscheidungen in der Realität also tatsächlich umgesetzt wurden, konnten wir ausschließen, dass sie nur aus Reputationsgründen altruistisch handelten“, sagt Professor Christian Ruff, Leiter einer Arbeitsgruppe am Laboratory for Social and Neural Systems Research der Universität Zürich und Mitautor der Publikation.

Grau oder Weiß?

Während der Entscheidungsfindung maßen die Forscher bei jedem Probanden zuerst die Verteilung der grauen und weißen Hirnsubstanz. Dabei stellte sich heraus, dass die Personen, die sich altruistisch verhielten, mehr graue Hirnsubstanz in der Übergangsregion zwischen Scheitel- und Schläfenlappen aufwiesen als die egoistisch agierenden Personen. „Vermutlich verfügen die selbstlosen Probanden über mehr Neurone in diesem Areal oder die Neurone sind besser vernetzt“, sagt Ruff. Von früheren Studien war schon bekannt, dass das temporoparietale Areal im Gehirn stark aktiviert wird, wenn sich Menschen in die Wahrnehmung ihrer Mitmenschen hineinversetzen müssen. Nach Ansicht vieler Wissenschaftler könnte diese Gehirnregion deshalb etwas mit Perspektivenübernahme oder mit moralischem Verhalten zu tun haben.

Sauerstoffverbrauch wächst mit steigender Hirnaktivität

In einer weiteren Messreihe analysierte das Team um Ruff die Hirnaktivität der Probanden. Je stärker eine bestimmte Region des Gehirns aktiv wird, desto größer ist ihr Bedarf an Sauerstoff. Der Blutkreislauf transportiert Sauerstoff mit Hilfe des Proteins Hämoglobin. „Die magnetischen Eigenschaften von Hämoglobin unterscheiden sich, je nachdem, ob das Molekül Sauerstoff gebunden hat oder nicht“, sagt Ruff. „Mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz kann man so die Sauerstoffkonzentration im Blut messen, die dort am höchsten ist, wo die Neurone besonders aktiv sind.“

Unterschied ist deutlich

Während die Studienteilnehmer ihre Entscheidungen trafen, wie sie ihr Geld aufteilen wollten, zeigten sich deutliche Unterschiede in ihrer Hirnaktivität. Bei egoistischen Personen war die gleiche Hirnregion zwischen Scheitel- und Schläfenlappen schon bei geringen Kosten einer altruistischen Handlung aktiv. Bei altruistischen Personen hingegen wurde die hinter dem Ohr liegende Hirnregion erst stärker tätig, wenn diese Kosten bereits sehr hoch waren. „Dieses Hirnareal ist folglich dann am stärksten aktiviert, wenn Menschen an die Grenzen ihrer Bereitschaft gelangen, uneigennützig zu handeln“, sagt Ruff. Weil zu diesem Zeitpunkt, so der Forscher, die größte Notwendigkeit bestehe, den natürlichen Egoismus des Menschen durch Aktivierung dieser Hirnregion zu überwinden. In keiner weiteren Hirnregion fanden die Forscher bei ihren Untersuchungen einen ähnlichen Zusammenhang zwischen Hirnaktivität und Altruismus der Probanden.

Ist Altrusimus trainierbar?

Noch ist es ein Rätsel, ob altruistisches Verhalten genetisch bestimmt wird oder durch äußere Faktoren beeinflussbar ist. Seit einiger Zeit weiß man, dass das Gehirn auch im Erwachsenenalter plastisch ist und seine Strukturen sich prinzipiell durch Training verändern lassen. „Es ist nicht auszuschließen, dass sich das Gehirn auch entsprechend anpasst, wenn man im Alltag immer wieder altruistisch handelt“, findet Ruff. Er und seine Kollegen planen für die nahe Zukunft weitere Studien, die die Frage beantworten sollen, ob Altruismus angeboren ist oder nicht.

82 Wertungen (4.2 ø)
Medizin, Neurologie

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18 Kommentare:

wenn die Wissenschaft perfektioniert die menschliche Physiologie, sondern perfektioniert kann das Verhalten der Menschheit künstlerischen

#18 |
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#17 |
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Dr. Christian Messer
Dr. Christian Messer

Bedenklich, was mittlerweile unter den Deckmantel der Wissenschaftlichkeit angeboten wird!

#16 |
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Dipl. Psych. Thomas Witscher
Dipl. Psych. Thomas Witscher

Das ist so:
30 Patienten für eine fMRT Studie ist schon recht viel, es kommt immer darauf an, ob man leichte oder starke Effekte messen möchte.
Zu wissen wo etwas abläuft ist im Zweifel sehr wichtig, vor allem bei Patienten mit Hirnschädigungen.
Forschung ist sehr wichtig, da man zeigen kann, dass sich durch Therapien, z.B. Psychotherapie, die Aktivität in entsprechender Hirnregion durchaus ändern lässt. Neue Untersuchungen an Schizophrenenen können das eindrucksvoll belegen.

#15 |
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Nichtmedizinische Berufe

Bezugnehmend auf den 13. Kommentar von Karsten A. würde ich sagen, es sei im Gegenteil schon interessant, von unterschiedlicher Hirnanatomie zu erfahren, wenn Personen sich dadurch voneinander anderweitig verhalten, allerdings unter anderem Blickwinkel, denn es wird klar, wie irrelevant es werde, sobald irgendjemand erkrankt wird oder zum Opfer eines Unfalls fällt.

Fakt ist offensichtlich, daß altruistische Personen mehr graue Hirnsubstanzen in den genannten Regionen aufweisen, allerdings mit der Frage, ob es darauf zurückzuführen wäre, daß es mehrere Neurone gibt oder daß diese besser miteinander vernetzt sind.

Graue Hirnsubstanzen deuten aber schon auf die Existenz von Neuronen, egal wie gut deren Aktivitäten sind. Aufschlußreich wäre immerhin, sich vergewissern zu müssen,
daß ein Mensch etwa wie ein Computer mehr leisten oder andere Aufgaben erfüllen könnte, wenn dieser technisch erweitert wird. Im Vergleich dazu wäre es ebenfalls erklärlich, weshalb sich Menschen mit sehr kurzem Arbeitsgedächtnis für Probleme des Alltags keinen Kopf deswegen zerbrechen brauchen, vor allem bei Vorurteilen, während andere mit besserem Kurzzeitgedächtnis sich gerne den Sachen auseinandersetzen würden, beispielsweise bei Konflikten.

Unter anderem Wort läge es nahe, grob gesagt, daß ein Mensch vielleicht wohl wie ein Roboter danach handelt, mit mehr oder weniger Funktionen, über die er verfügt. Es sieht erstmals so aus, auch wenn wir uns noch irren können, schon mit bezug auf das “Unfassbare” wie die Seele bzw. den Geist etc.

Ob es angeboren ist oder nicht, wäre die Antwort ganz einfach, wenn man schon so sieht, wie ein Roboter mehr leistet, sobald etwas mehr in ihm eingebaut wird, sei es schon bei der Fabrik oder erst nachträglich.

Dieses Thema ist also m. E. nur soweit interessant, wenn es darum geht, uns einerseits zu fragen, wer wir wirklich sind, “leider” nach der Tatsache, daß unsere Köpfe sowieso mit Neuronen denken müssen, und andererseits was dies aus Sicht der Sozialpsychologie auf unsere Gesellschaft bewirkt.

Erschreckend wäre es vielleicht, sich darüber Gedanken machen zu müssen, ob wir derselbe Mensch bleiben, je nachdem was sich im Hirn verändert, im Grunde schon nicht mehr, wenn es je nachdem zu sozialpsychiatrischen Störungen führt. Die Alzheimer Krankheit stellt u. a. bereits ein gutes Beispiel dar.

Abgesehen davon gäbe es sicherlich andere Gründe für diese Studie, woran ich nicht gedacht hätte.

#14 |
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Weitere medizinische Berufe

Eigentlich interessant – aber cui bono?

#13 |
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Dr. Ralph Sucker
Dr. Ralph Sucker

Wenn ich also einem Bettler nix gebe, so liegt das an meiner Anatomie – und wenn ich mich schlecht dabei fühlen sollte, so kann ich Papa beschimpfen.

…finde ich cool!

#12 |
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Rettungsassistent

Was verät uns die Studie genau?
Das bei einem bestimmten Verhalten eine bestimmte Hirnregion tätig wird, was wahrlich keine neue Information ist (außer, das wir jetzt wissen, welche).
Wissen wir, was Henne und was Ei ist, also ob zuerst die anatomischen gegenheiten oder zuerst das verhalten da war?
Nein!
Hat es irgendeinen Einfluss auf unsere Tätigkeit?
Nein!
Braucht es ein MRT, um herauszufinden, ob jemand eher altruistisch oder egoistisch ist?
Nein!
Nutzen der Studie?
Etwas mehr Detailwissen über die Hirnanatomie, mehr nicht.

#11 |
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Eberhard Krämer
Eberhard Krämer

Jeder der mit Bewußtsein zu denken versteht, weiß mit einiger Lebenserfahrung, daß Altruismus und Egoismus vererbte Neigungen sind, die denjenigen selbst und anderen Menschen viel Kummer verursachen. Dazu hätte es keiner Studien bedarft. Doch jede Hirnforschung über die menschlichen Gemeinheiten ist sinnvoll, sofern sie nicht wieder für dieselben genutzt wird.

#10 |
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physician Silvia Bommer
physician Silvia Bommer

Faszinierend ! Und at A. Mahr : Altruismus und dessen Ausprägung ist (wie real life zeigt) unabhängig von der jeweiligen Einkommenssituation.

#9 |
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Freiherr Nicolaus Heereman
Freiherr Nicolaus Heereman

Interesant, aber auch, daß manche Leser weitere Wege der Erkenntnis überflüssig zu finden scheinen. Die Frage nach dem Nutzen ist legitim. Ein Nutzen könnte der mildere Umgang mit den Menschen sein, die von der Natur mit weniger erfreulichen Möglichkeiten ausgerüstet sind. Ein weiterer, ob und wie eine Nachrüstung möglich ist.
Und wenn der geneigte Leser sowieso schon perfekt mit den schlechteren Eigenschaften seiner Mitmenschen umgeht, weil er entsprechend erzogen ist, braucht er in der Tat nicht die Information, daß diese schlechten Eigenschaften auch ein anatomisches Korrelat haben.
Im übrigen wußte der zB christlich erzogene Mensch schon immer, daß das geübte Gute im besten Fall zum Erfolg führt.Die Hirnforschung wird es vielleicht eines Tages bestätigen können.

#8 |
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Tobias Heinemann
Tobias Heinemann

Das Ganze klingt so als wären da gleich mehrere systematische Fehler in dieser Untersuchung vorhanden. War aber vermutlich vor allem für die Probanden (wegen des Gamblings) recht kurzweilig.
Tobias Heinemann (Eigentlich mittlerweile Facharzt)

#7 |
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Dr. Detlef Menges
Dr. Detlef Menges

Klingt nach gutem Einstellungstest für Politiker, Banker und vielleicht auch Ärzte…

#6 |
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Dr.  Andrea Mahr
Dr. Andrea Mahr

Prinzipiell interessant, wenn auch kleine Zahl von Probanden.
Würde mich allerdings mal interessieren, wie erklärt wird dass die Hirnregion bei “Egoisten” schwächer ausgeprägt ist, und sie zugleich – zumindest im Fall der Entscheidungsfindung über die altruistische Handlung – eine höhere Aktivität dort haben. Sollte es nicht anders herum sein?
Zur Methode der Beurteilung des Altruismus finde ich, dass man das Einkommen mit berücksichtigen sollte.

#5 |
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Heike Knof
Heike Knof

Sehr interessant & weitere Untersuchungen sollten folgen!

#4 |
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I love it, keep the comments flowing!
Meine persönliche “Ärzte, die ich nicht empfehlen kann Liste” wächst gerade :-)

#3 |
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Medizininformatiker

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, mit welchen unsinnigen und meist nutzlosen Studien sich Geld verdienen lässt.

#2 |
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Barer Unsinn!

#1 |
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