Neurotechnologie: Geklautes Gedankengut?

8. November 2013
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Forschungsprojekte mit Milliardenbudget wollen sowohl in den USA als auch in Europa die Arbeitsweise des menschlichen Gehirns aufklären und modellieren. Dabei geht es jenseits der Forschung auch um die Frage: Dürfen wir ein "optimiertes Denkorgan" schaffen?

Es war so etwas wie der offizielle Startschuss zu einem der bisher größten Forschungsprojekte der Europäischen Union. Am 7. Oktober versammelten sich im schweizerischen Lausanne Vertreter von mehr als 130 Organisationen, um über Zusammenarbeit und Strategie des “Human Brain Project” zu reden. Insgesamt 1,2 Milliarden Euro will die Union investieren, um das menschliche Gehirn zu entschlüsseln und anhand von Modellen Einblick in unser Denken zu gewinnen.

Angst vor Missbrauch

Müssen wir jetzt fürchten, dass innerhalb der nächsten Jahrzehnte Forscher in der Lage sein werden, unsere Gedanken zu entschlüsseln? Werden wir bald mit Medikamenten und elektrischen Sonden Erinnerungen auslöschen oder erzeugen können? Lässt sich dann die Persönlichkeit eines Menschen digital mit den Aktivitätsdaten seiner Gehirnnerven beschreiben? Das neue Wissen soll entsprechend den großen Zielen des Projekts nicht nur dazu dienen, mentale Störungen und psychische Leiden besser zu verstehen und zu behandeln, sondern beispielsweise auch dazu, neue Computersysteme zu entwickeln, deren Funktionsweise dem menschlichen Gehirn ähneln.

In die Hoffnung der Forscher auf neue Erkenntnisse mischt sich auch Angst vor Missbrauch durch Militär oder Kommerz. Mit einem Programmschwerpunkt “Ethik und Gesellschaft“, der immerhin drei Prozent des Etats ausmacht, wollen die Organisatoren diesen Bedenken Rechnung tragen. Verschiedene Ethikkomitees sollen die Auswirkungen neuer Forschungsergebnisse diskutieren und sicherstellen, dass auch die Forschungstätigkeit selber ethischen Ansprüchen genügt.

Neurotechnische Kriegsführung

Fast gleichzeitig zum europäischen Projekt ist auch der amerikanische Gegenpart BRAIN (Brain Research through Advancing Innovative Neurotechnologies) gestartet, der das menschliche Gehirn in einer nie zuvor dagewesenen Auflösung kartieren will. Auch hier berät die Bioethik-Kommission des US-Präsidenten über die Folgen beim Vorstoß in die Tiefen des menschlichen Gehirns. Einer der drei Mitspieler der US-Regierung bei diesem Projekt ist allerdings die DARPA, Forschungsorganisation des amerikanischen Verteidigungsministeriums. Ihr geht es um Kriegsführung mit “Neurotechnik” und um Verarbeitung von physischen und psychischen Traumata im Soldatengehirn.

Schon seit längerem ist bekannt, dass etwa Serotonin auch moralische Entscheidungen des Menschen beeinflusst. In einer Veröffentlichung in “PNAS” im Jahr 2010 zeigte Molly Crockett von der englischen Cambridge University, dass ein hoher Spiegel dieses Transmitters den Menschen davor zurückschrecken lässt, andere zu verletzen – körperlich oder finanziell. So etwas könnte bei Soldaten eher unerwünscht sein. Sehr interessiert ist die DARPA dagegen an Techniken, die psychotraumatische Erinnerungen an blutige Kämpfe bei Soldaten ausschalten. Nach den Ausführungen von William Casebeer bei einem kürzlichen Ethik-Treffen in Philadelphia ist die US-Verteidigung sehr daran interessiert, mit technischen Mitteln Erinnerungen bei Soldaten zurückzuholen, die an Gedächtnisverlust nach einer Gehirnverletzung leiden.

Keine Utopie: Gedächtnismanipulation

Dass es sich dabei um mehr als Wünsche für die ferne Zukunft handelt, zeigen Ergebnisse vom Juli dieses Jahres. Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology manipulierten Mäuse mit optogenetischen Mitteln derartig, dass sie sich bei passender Gelegenheit an Ereignisse erinnerten, die niemals stattgefunden hatten. Mit der “Erinnerung” an einen bestimmten Reiz lösten die Wissenschaftler bei den Vierbeinern eine traumatische Schreckreaktion aus. Andere Studien mit Propanolol deuten darauf hin, dass der Wirkstoff bei Soldaten mit posttraumatischen Stresssymptomen üble Erinnerungen löscht.

Ein weiterer Aspekt tauchte bei der Diskussion im Zuge der Zusammenkunft der Ethikkommission in Philadelphia auf: David Chalmers, australischer Philosoph und kognitiver Neurowissenschaftler mit Professuren in Canberra und New York, beobachtet eine immer größere Präzision bei der Möglichkeit, Gedanken des Gehirns auszulesen, was etwa Koma-Patienten helfen kann, sich mit ihrer Umwelt zu verständigen. Was ist aber, wenn der Gehirnscanner auf Erinnerungen an einen ungesühnten Mord des Patienten stößt?

Diskussionsforen und Konferenzen mit Laien

Eine ganz besondere Herausforderung stellt das Projekt des europäischen Gehirnprojekts dar, “neuromorphe” Computertechnologie weiterzuentwickeln: Rechenmaschinen, deren Funktion der des Gehirns ähnelt und die ihre Handlungsanweisungen dann auch an Roboter weitergeben könn(t)en. Wären Computer schließlich die besseren – oder schlechteren – Menschen? Werden Computer irgendwann einmal ein Selbstbewusstsein nach Art des menschlichen Gehirns entwickeln? Schon zu Beginn des auf viele Jahre angelegten Forschungsprogramms wollen sich die Verantwortlichen für das Projekt zumindest einmal Gedanken über diese Fragen machen.

Daher soll sich beim “Human Brain Project” ein unabhängiges Ethik-Komitee mit diesen ethischen Aspekten befassen. Über Online-Foren werden auch Bürger der beteiligten Staaten mitdiskutieren können. Alle zwei Jahre soll es nach dem Willen der Planer eine Versammlung von Laien geben, die mit den Experten ihre Sorgen und Befürchtungen einer unkontrollierten Forschung bespricht.

Kernspintomograph bei Aussageverweigerung?

Nicht selten sind diese Befürchtungen unbegründet. Bis ein Roboter mit menschlichen Emotionen und Fähigkeit zu Mitgefühl, aber auch Lüge und Hass entsteht, dürften noch einige Jahre vergehen. Andererseits ist etwa die funktionelle Magnetresonanz schon jetzt in der Lage, manche Entscheidungen im Gehirn vorherzusagen, noch bevor sie im Bewusstsein des Betroffenen gefallen ist. Auch als “Lügendetektor” taugt diese Art der Bildgebung des Gehirns und hat inzwischen auch Gerichtsurteile beeinflusst.

Wird sich in Zukunft die Rechtsprechung immer mehr darauf verlassen, wie ein Gehirnscan den Angeklagten eingeschätzt hat? Unzurechnungsfähig oder voll verantwortlich für seine Tat? Eine andere Frage könnte sich stellen, wenn der Delinquent die Aussage verweigert. Kann man ihn dann in einen Kernspintomographen befördern, um seine Gedanken auszulesen?

Dass mit der detaillierten Erforschung unseres Denkorgans auch ein Stück unserer Privatsphäre verloren geht, sollte allen klar sein. Wie funktioniert das Zusammenspiel von Milliarden Zellen unseres zentrales Nervensystems? Wenn es gelingt, das Ergebnis dieser Frage eher medizinischen als militärischen, mehr wissenschaftlichen als kommerziellen Zwecken zu widmen, wäre viel gewonnen.

64 Wertungen (4.42 ø)

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11 Kommentare:

Dr. Carsten Kettner
Dr. Carsten Kettner

Ich würde die Kirche etwas im Dorf lassen und das HBP von der “Brisanz” tiefer hängen. Hirnforschung gibt es schon sehr lange und genauso lange ließen sich auch deren Ergebnisse für alle möglichen Anwendungen mißbrauchen. Das Gehirn ist extrem komplex, die Strukturen sehr anpassungsfähig und wie solche abstrakten Dinge wie bspw. Lernen und Erinnern funktionieren, sind wir noch meilenweit entfernt zu verstehen. Es gibt viele Hinweise darauf, wie diese Vorgänge funktionieren könnten.
Als das Humangenom-Projekt als abgeschlossen ausgerufen wurde, wurde mit ihm die Ausrottung von Krebs etc. ausgerufen. Auch hier sind wir meilenweit entfernt. Und auch hier liegen Mißbrauch und sinnvolle Anwendung dicht beieinander. Ein Lamento hilft nicht – aktives Hinsehen und offenes Diskutieren sehr wohl.

#11 |
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Annika Diederichs
Annika Diederichs

Eigentlich bräuchten wir solche Technologien doch gar nicht mehr in einer Welt, in der die meisten Menschen Großteile ihres Privatlebens jedem dahergelaufenen Datensammler freiwillig zur Verfügung stellen.

#10 |
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dr. med.dent. Wolfgang Stute
dr. med.dent. Wolfgang Stute

armer Herr Lederer ,
was wäre denn damit gewonnen ?
woher, wohin, warum , wer kann das befriedigend beantworten ?
Die menschliche Hybris kennt keine Grenzen :
die reale Welt ist die Geistige , von mir aus die Geistig-seelische oder ?

#9 |
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Ingeborg Schnatterzahn
Ingeborg Schnatterzahn

Neurotechnische Kriegsführung

um nichts anderes geht es seit eh und je
Weltherrschaft .
Bei der breiten Masse könnte es gehen
bzw
ging es bereits .
Also nichts Neues

#8 |
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Krankenpflegehelferin

Warum nicht gleich eine Menschenähnliche Roboter Familie so erbauen, sodass der herkömmliche Mensch mit all seinen Fehler überflüssig ist? Anschließend lässt man die Menschheit entweder aussterben oder die Menschen werden durch Kriege auszurottet. Horror Science-Fiction pur!

Was das ausradieren von Traumatischen Gedankengut anbelangt:
Kann so eine Aktion nur den Tätern dienen!
So diese als solches nicht mehr erkannt und auch nicht mehr für ihre Untaten zur Rechenschaft gezogen werden können. Unglaublich!

#7 |
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Ärztin

brave new world lässt grüßen!

#6 |
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Dr. Rike Born
Dr. Rike Born

Alles zutiefst beunruhigend, wenn auch nicht überraschend. Jetzt wird neben unserer medialen Privatsphäre auch noch unsere aller innerste Privatsphäre ausgespãht. Das wars dann wohl mit:”die Gedanken sind frei”.

#5 |
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Matthias Honold
Matthias Honold

“Dass mit der detaillierten Erforschung unseres Denkorgans auch ein Stück unserer Privatsphäre verloren geht, sollte allen klar sein.”

Wenn ich dieses von Erich Lederer lese, frage ich mich, ist der Schreiber so naiv oder tut er nur so!

Wer die USA kennt, weiß, dass sie die Herrschaft über die Welt übernehmen möchte und dies auf allen Wegen und mit allen Mitteln versucht.

Im Übrigen ist das Untersuchen des Gehirns schon lange üblich! Schon während der Weltwirtschaftskrise und erst danach wurde von den USA und vor allem im Hitler-Deutschland Versuche mit Menschen gemacht und Gehirne untersucht.

Auch hier ging es um Kriegsvorbereitungen. Der einzige Unterschied ist der, dass es diesmal tiefer geht und NUR von den Militärs für ihre Zwecke verwendet werden soll!

Insofern ist der Rechtsextremismus immer noch im Umlauf und nicht ausgerottet, wie sicherlich manch einer glaubte!

#4 |
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Michaela Günter
Michaela Günter

Wie üblich spielt die Menschheit mal wieder mit Dingen herum, für die sie moralisch einfach noch nicht reif ist.
Im Bereich der Energiegewinnung (AKWs) und Waffentechnologie (Atombomben) hatten wir das doch schon mal…

Was von solchen Ethikkommissionen zu halten ist, weiß auch jeder: Menschen töten ist böse, außer man macht es im Krieg. Dann ist man ein guter, treuer und vaterlandsbewusster Soldat. Und dass Kommissionen aller Art meist in den Händen derer sind, denen sie am meisten nützen, ist auch nichts Neues.
Wann wacht die Menschheit endlich auf?
Ein perfekteres Mittel zur allgemeinen Versklavung dürfte es die nächsten 200 Jahre wohl nicht geben.

#3 |
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Nichtmedizinische Berufe

Liebe Frau Lippert,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Der Fehler wurde korrigiert.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr DocCheck News-Team

#2 |
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Annemarie Lippert
Annemarie Lippert

Bitte im Abschnitt “Neurotechnische Kriegsführung” ende erster Absatz korrigieren: vermutlich geht es um Traumen, nicht um Träume ;)
Ansonsten: interessanter Artikel.

#1 |
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