Ärztenetz: Kinzigtal betritt Neuland

13. November 2013
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Deutschlands bekanntestes Ärztenetz vollzieht den digitalen Umzug. Eine neue elektronische Patientenakte soll das erfolgreiche Netz jetzt auch digital noch stärker zusammenführen – ohne Gesundheitskarte.

Wenn Werner Witzenrath in der internistischen Hausarztpraxis, die er mit seiner Kollegin Ulrike Diener in dem Schwarzwald-Örtchen Gengenbach betreibt, die zentrale Netzakte des ambulanten Versorgungsverbunds aufrufen möchte, dann genügt jetzt ein kurzer Klick auf ein kleines Item in seinem Arztinformationssystem. Prompt öffnet sich eine Webapplikation, die die Verbindung zu dem Netzserver herstellt, der in der Zentrale des Gesunden Kinzigtals im badischen Haslach steht. Befunde, Arztbriefe, Laborwerte, was immer Kollegen aus anderen Praxen in die Netzakte eingestellt haben, Witzenrath kann es ansehen und bei Bedarf, als Fremdbefund markiert, in die eigene Dokumentation übernehmen.

Ohne Karte über 1.000 EPAs in wenigen Wochen

Das „Gesunde Kinzigtal“ ist ein mit einem Capitation-Modell arbeitender Versorgungsverbund, der gemeinsam von der auf Netzmanagement spezialisierten OptiMedis AG mit Sitz in Hamburg und dem MQNK Ärztenetz des Kinzigtals getragen wird. Die gemeinsame Patientenakte ist Teil einer neuen Netzsoftware, die derzeit ausgerollt wird. Lange Jahre hatte man im Kinzigtal für die Mitgliederverwaltung auf eine Lösung von Medaso gesetzt und bei der Patientenakte die kartenbasierte On-Lab-Akte implementiert. „Auch diese Lösung hat funktioniert. Es war eine gute Akte, aber die Akzeptanz der Ärzte war letztlich zu gering. Außerdem war die Entwicklung von Behandlungspfaden aufwändig“, sagt Kinzigtal-IT-Experte Udo Kardel.

Die Zahlen sprechen Bände

Nur 100 bis 200 Netzakten wurden von den Ärzten im Kinzigtal zuvor in sechs Jahren angelegt, bei mittlerweile über 9.000 Patienten, die in den IV-Vertrag mit der AOK Baden-Württemberg und die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (früher: LKK Baden-Württemberg) eingeschrieben sind. Das ist nicht viel. Seit im Sommer in den ersten Praxen die neue Software eingerichtet wurde, klingen die Zahlen anders. Über tausend Netzakten sind schon jetzt online.

Einer der Gründe: Das Prozedere der Freischaltung einer Akte ist wesentlich weniger aufwändig. Und das liegt unter anderem daran, dass die neue Akte ohne eine eigene elektronische Gesundheitskarte auskommt. Die mussten die Patienten im Kinzigtal bisher zusätzlich zu ihrer Versichertenkarte mit sich herumtragen, wenn die Teilnahme an der Netz-EPA gewünscht war. Viele Patienten taten das gar nicht erst. Und auch vielen Ärzten war die wiederholte Steckerei der Karten zu umständlich. Ergebnis: Abstimmung mit den Füßen. Akte gescheitert.

Das Kreuz mit der Integration

Der zweite Grund, warum die neue Netzakte bei den Kinzigtaler Ärzten bessere Noten bekommt, ist die gute Integration in die IT-Systeme der Ärzte. Auch diese bessere Integration hat einen simplen Grund: Rund 80 Prozent der Praxen im Gesunden Kinzigtal nutzen CompuGroup-Systeme, viele davon TurboMed, so auch Werner Witzenrath. Und auch die neue Netzakte stammt jetzt von dem Koblenzer Unternehmen. Gemeinsam mit OptiMedis hat der IT-Konzern seine existierende Netzlösung, teilweise unter dem Namen Cordoba bekannt, in den letzten anderthalb Jahren runderneuert. Das Ergebnis ist eine Netzsoftware mit je nach Bedarf nutzbaren Funktionen für den Patientendatenaustausch („CGM NET Communication“), für die Statistik („CGM NET Report“), für Behandlungspfade („CGM NET Pathways“) und für die Netzverwaltung („CGM NET Management“).

CGM NET ist in erster Linie eine CompuGroup-Netzsoftware mit tiefer Integration in CompuGroup Systeme. Allerdings hat man sich schon viel Mühe gegeben, auch externe Systeme einzubinden. Und man ist selbstbewusst genug, das vorzuführen. Wer sich beispielsweise in der Praxis Brigitte und Wolfgang Stundner in Zell die Anbindung der Netzakte an das System Mediamed S3 live ansieht, der glaubt gerne, dass dieser Teil des Projekts für die IT-Experten Kärrnerarbeit war. Die Lösung, eine Schnittstellensoftware namens Doc Access, kann sich sehen lassen, auch wenn das Ergebnis von einer tiefen Integration, wie sie eigene Systeme erlauben, ein Stück entfernt ist.

Es ist, wie es ist, und das seit zehn Jahren und länger: An dem von allen Praxis-IT-Herstellern in Deutschland und nicht zuletzt der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gemeinsam zu verantwortenden Grundproblem der fehlenden Schnittstelle für einen sauberen ambulanten Datenaustausch kann auch die neue Software im Kinzigtal nichts ändern. Auch Doc Access / CGM NET nutzt bei Fremdsystemen die Geräteschnittstelle GDT als Krücke, mit allen damit verbundenen Kompromissen. Dass die CompuGroup sich jetzt dieser Schnittstellenlösung bedient, die sie in anderen Kontexten einst mit Macht bekämpft hat, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Es ist aber auch irgendwo sympathisch: Es geht allen so, in allen denkbaren Herstellerkonstellationen.

Behandlungspfade bringen medizinische Intelligenz in die Akte

Wie intensiv die elektronische Patientenakte im Alltag genutzt wird, werden die nächsten Monate zeigen. Es wäre aber unvollständig, die Kinzigtaler Netzsoftware allein auf die EPA zu reduzieren. Sie ist, und das durfte man bei einer Kooperation mit OptiMedis schon erwarten, auch eine leistungsfähige Software für die integrierte Versorgung. Diese IV-Module, wenn man sie einmal so nennen möchte, laufen nicht irgendwo nebenher, wo sie dann wieder separat aufgerufen werden müssten. Sie sind vielmehr genauso tief in den Arztarbeitsplatz eingebunden wie die Akte.

Das durch das Gesunde Kinzigtal zustande gekommene „Special“ ist ohne Zweifel die Integration von derzeit acht Behandlungspfaden, die sich im Schwarzwald teils seit Jahren bewährt haben und die via CGM NET nun auch anderen Netzen zur Verfügung stehen. Darunter sind Pfade für die Osteoporose, für Depression und für Rauchentwöhnung. Diese Behandlungspfade sind für das Netzmanagement auswertbar und entsprechend ein zentraler Bestandteil der Verhandlungen mit den Krankenkassen, die im Kinzigtal gerade wieder Fahrt aufnehmen. So konnte das „Gesunde Kinzigtal“ beispielsweise bei der Osteoporose zeigen, dass durch die Einschreibung in den Behandlungspfad nicht nur erwartungsgemäß der Anteil der adäquat therapierten Patienten steigt, sondern auch die Frakturquoten und sogar die Sterblichkeit sinken.

65 Wertungen (3.62 ø)

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13 Kommentare:

Medizinjournalistin

Ich stehe dem sehr kritisch gegenüber. Bislang kommt mir bei allen diesen Angeboten der Patientendatenschutz viel zu kurz. Ich recherchiere seit Langem zu diesem Thema. Gerade habe ich in Hamburg ein sehr langes Gespräch mit einem der Anwälte der Initiative “Anwälte gegen die Totalüberwachung” geführt. Ich war auch in Berlin auf dem World Health Summit 2013. Und beim Kongress “Big Data” in Bonn. Die IMS Health sammelt seit Jahren Daten, um sie zu vermarkten. Apotheken locken mit Punkte- und Rabattsystemen. Die wenigsten Menschen haben eine konkrete Vorstellung davon, was man mit diesen Daten alles machen kann, weshalb sie auch sehr blauäugig damit umgehen. Das gilt für Ärzte und Patienten. Fragen Sie doch mal ihren Arzt, ob er seine Computer von einem IT-Fernwartungsanbieter warten lässt. Wenn ja, ob er von dieser Firma eine Datenschutzerklärung vorliegen hat. Oder welche der vielen Programme auf dem Praxiscomputer sich automatisch in irgendwelche andere Systeme zwecks Datenübertragung einwählen. Stichwort “Blutzuckermeßgeräte”. Und für welche Beobachtungsstudien er von der Pharmaindustrie bezahlt wird.
Oder nehmen Sie gar das Smartphone mit ins Behandlungszimmer? Und benutzt ihr Arzt WhatsApp? Der Präsident der Bundesärztekammer (Prof. Dr. Ulrich Frank Montgomery) hat in der F.A.S. freimütig bekannt, dass er WhatsApp nutzt. WhatsApp ist einer der größten Datensammler überhaupt. Das sollte doch aufhorchen lassen, wenn so wenig Problembewußtsein sogar beim Präsidenten der Bundesärztekammer vorhaden ist.

Vielleicht erinnert sich der eine oder die andere noch an die Zeit, als uns Banken erzählt haben, dass unsere EC- und Kreditkarten vollkommen sicher seien.

#13 |
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Gratulation an Herrn Paul Meyer. !!Die Ärzte haben Angst, dass ihre Fehldiagnosen und Fehleinschätzungen öffentlich werden. !!
Soviel Blödsinn muss man sich schon mal trauen, zu äußern.
Und Ihnen empfehle ich ganz dringend eine wunderbar öffentlich Patienten akte, worin einzusehen ist, woran es so hapert bei Ihnen. Oder was zuviel ist.
Damit sich als wirklich jeder ein Bild bis ins letzte Detail von Ihnen machen kann.
Na dann.

#12 |
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Dr.med Stephan Heinke
Dr.med Stephan Heinke

Bei Quartalsfallwerten von 30 EUR könnte ich maximal 10 cent pro Patient und Quartal für so ein System opfern – dafür bekommt man wahrschinlich gerade mal das Prospekt zugesendet.
Das Ganze ist eine Sackgasse. Es fehlt eine gesamtdeutsche, besser : europäische Norm, wie die Daten aus und wieder in die Praxis- / Klinikssoftware zu kommen haben; kann wohl nur ein XML-basierter Ansatz, verpackt in einen Kryptocontainer sein. Der muss auf die EG-Card zu spielen sein, nur optional auf einen Server.

#11 |
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Paul Meyer
Paul Meyer

Ich verstehe als Patient die Kommentare nicht. Ich denke, die Ärzte, die mit NSA und sonstigen kommentieren, haben Angst, dass Ihre Fehldiagnosen und Fehleinschätzungen öffentlich werden. Für mich als Patient klingt Zusammenarbeit und Vernetzung super gut und ich begrüße die Zukunft des Gesundheitswesens. Endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Ich mache gern mit.

#10 |
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Ulf Werner
Ulf Werner

Sehr geehrter Herr Christmann,

Kinzigtal liegt natürlich in Deutschland. Und die ärztliche Schweigepflicht und der Datenschutz gelten auch dort – auch wenn in dem Artikel von Herrn Grätzel dies nicht so hervorgehoben wurde.
Das Datenschutzkonzept für die zentrale Patientenakte im Kinzigtal sieht folgende Regelungen vor:
1. Der Patient willigt zunächst mit Einschreibung in die Integrierte Versorgung darin ein, dass seine Daten in den zentrale Patientenakte übernommen werden.
2. Zugriff auf die Patientendaten haben nur – nach Einwilligung des Patienten – die an der Behandlung des Patienten beteiligten Ärzte.
3. Der Patient muss bei jeder Behandlung zustimmen, dass die neu erstellten Daten in die zPA übernommen werden dürfen.
4. Auf die Patientendaten hat kein Externer (nicht einmal die Compugroup) Zugriff.
Für weitere Fragen zum Datenschutz stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Ulf Werner – Pressesprecher OptiMedis AG

#9 |
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Dr. Christoph Christmann
Dr. Christoph Christmann

Doppelplusgut!

“Wenn Werner Witzenrath in der internistischen Hausarztpraxis, die er mit seiner Kollegin Ulrike Diener in dem Schwarzwald-Örtchen Gengenbach betreibt, die zentrale Netzakte des ambulanten Versorgungsverbunds aufrufen möchte, dann genügt jetzt ein kurzer Klick auf ein kleines Item in seinem Arztinformationssystem. Prompt öffnet sich eine Webapplikation, die die Verbindung zu dem Netzserver herstellt, der in der Zentrale des Gesunden Kinzigtals im badischen Haslach steht. Befunde, Arztbriefe, Laborwerte, was immer Kollegen aus anderen Praxen in die Netzakte eingestellt haben, Witzenrath kann es ansehen und bei Bedarf, als Fremdbefund markiert, in die eigene Dokumentation übernehmen.”

In unser Klinik braucht man für jeden dieser Datensätze eine Schweigepflichtentbindung. Aber vielleicht liegt Kinzigtal ja nicht in Deutschland…

#8 |
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Stefan A. Kolb
Stefan A. Kolb

eine datenbank mehr für nsa. auch wenn die idee gut wäre

glg

#7 |
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Dr.vet.med. Ferdinand Hackmann
Dr.vet.med. Ferdinand Hackmann

Mal sehen , was Frau Merkel dazu sagt, wenn Herr Obama sich für die Ergebnisse der letzten gynäkologischen Untersuchung interessiert haha

#6 |
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Zahnarzt

Mal abwarten, wenn die ersten Patienten oder Ärzte Probleme mit einer Versicherung oder mit dem Erhalt eines Kredites bekommen.
Wenn dann einer klagt wegen Bruch des Arztgeheimnisses….!!!

#5 |
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Dipl.Biol. Anneliese Pohlmann
Dipl.Biol. Anneliese Pohlmann

Kaum zu glauben….am besten gleich an alle Versicherer weiterreichen, dann aus mit BU, LV und was es noch so gibt.

#4 |
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Karl-Heinz Hildebrandt
Karl-Heinz Hildebrandt

Eine:
“Netzsoftware mit je nach Bedarf nutzbaren Funktionen für den Patientendatenaustausch”
Mir wird schlecht.
Wie sicher so etwas ist wissen wir Presse und Fernsehen….

#3 |
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Monika Geissler
Monika Geissler

Der gläserne Patient läßt grüßen. Woher nimmt man das Recht, ohne Einverständniserklärung des Patienten diese Daten zur Verfügung zu stellen und zu nutzen?

#2 |
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Dr Clemens Petau
Dr Clemens Petau

Interessant wäre es etwas über die Installations-, Wartungs- und Netzkosten zu erfahren
Petau

#1 |
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