Der “Eva-Infarkt”

6. September 2007
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Lange galt er als typisch "männlich." Inzwischen erleiden deutlich mehr Frauen einen Herzinfarkt. Und der wird häufig zu spät erkannt: Nur dreißig Prozent der Patientinnen haben klassische Symptome. Beim Rest überwiegt ein Komplex an Symptomen - bekannt als "Eva-Infarkt." Mehrdeutigkeit mit fatalen Folgen.

Evas Herzen werden immer anfälliger: Laut Statistischem Bundesamt beträgt heute der Anteil von kardiovaskulären Erkrankungen an der Gesamtsterblichkeit bei Frauen 49,3 Prozent, bei Männern 38,1 Prozent. Vor allem “die Sterblichkeit am akuten Infarkt ist bei Frauen in allen Altersgruppen höher,” so die Expertin Professor Vera Regitz-Zagrosek, Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin (GiM) an der Charité Berlin.

Frauen, die neue Risikogruppe. Das zeigt auch das Berliner Herzinfarktregister (BHIR), in dem seit 1999 Daten zur stationären Therapie von Herzinfarktpatienten gesammelt und ausgewertet werden: 2004 fielen rund 87.000 Frauen und 78.000 Männer dem Infarkt zum Opfer. Laut Regitz-Zagrosek, die seit 2002 die Professur für Frauengesundheitsforschung Schwerpunkt Kardiologie hält, steigt das Infarktrisiko besonders bei den 35- bis 54jährigen – um bis zu 55 Prozent.

Dennoch: In einer Umfrage des Emnid-Instituts, die 2005 im Auftrag der “Initiative Frauenherz” bei 531 Frauen zwischen 45 und 75 Jahren durchgeführt wurde, werteten 61 Prozent der Befragten den Herzinfarkt als “typisch männliches Problem”. Vier von fünf Frauen gingen zudem davon aus, dass sie die gleichen oder sogar besseren Chancen haben, einen Infarkt zu überstehen.

Der Eva-Infarkt

Warum sind Frauenherzen so gefährdet? Unter anderem deshalb, weil sich eine KHK bei Frauen anders zeigt und per Angiogramm nicht unbedingt festzumachen ist. Vor allem die Anzeichen des weiblichen Herzinfarktes sind eher untypisch. Wie eine Studie der University of Arkansas for Medical Sciences ergab, treten die klassischen Leitsymptome eines Infarktes nur bei rund dreißig Prozent der Patientinnen auf. Statt heftigem Druck im Brustkorb und starkem Engegefühl haben die meisten vielmehr Schmerzen im Oberbauch und zwischen den Schulterblättern, begleitet von Kurzatmigkeit, Schweißausbrüchen, heftiger Atemnot, Übelkeit und Erbrechen. Dieser Symptomenkomplex tritt meist schon einen Monat vor dem kardiovaskulären Ereignis auf und ist sehr mehrdeutig – was den “Eva-Infarkt” auch so tückisch macht.

Denn die Symptome werden häufig falsch interpretiert, so Dr. Brita Larenz von der “Initiative Frauenherz”, einem Zusammenschluss aus Kardiologen, Hausärzten, Sport und Ernährungsmedizinern: “Damit geht wertvolle Zeit, die über Leben und Tod entscheidet, verloren.” Dass Fehldeutungen wie vermeintliche Magen- oder Atembeschwerden im klinischen Alltag sehr häufig sind, bestätigt auch Regitz-Zagrosek. Umso mehr bei medizinischen Laien: Frauen mit akutem Herzinfarkt wenden sich im Schnitt bis zu einer halben Stunde später an einen Notarzt als Männer – überlebenswichtige Minuten verrinnen. Mit der Konsequenz, dass mehr als die Hälfte der weiblichen Patienten ihren ersten Infarkt nicht überleben. Tun sie es doch, schweben sie weiter in Gefahr: Die Überlebenschancen von Frauen nach einem Infarkt sind um ein Drittel schlechter als die von Männern.

Risikofaktor weiblich

Gleichberechtigung – im Sinne einer Gleichbehandlung – lässt in der Kardiologie wie auch in anderen medizinischen Fachgebieten auf sich warten. Bereits 1991 wies die US-amerikanische Herzmedizinerin Bernadette Healy in einer Studie nach, dass weibliche KHK-Patienten schlechter versorgt werden. Healys Befund aus den Neunzigern hat bis heute reichhaltige Bestätigung gefunden.

So zeigen beispielsweise die Daten einer Studie der Universität Bremen, die unter Leitung des Gesundheitsexperten Gerd Glaeske die Versorgung von 1,4 Millionen Versicherten der Gmünder Ersatzkasse unter die Lupe nahm, das mit männlichen KHK-Patienten anders umgegangen wird. Cholesterinsenkende Arzneimittel erhalten nur 35 Prozent der weiblichen Infarktpatienten, bei Männern sind es dagegen 55 Prozent. Auch die medikamentöse Auflösung von Blutgerinnseln wird bei Frauen seltener durchgeführt als bei Männern.

Dass von den stetigen Fortschritten in der Kardiologie eher Männer profitieren, belegt auch die REACH-Studie: Frauen mit koronarer Herzkrankheit werden weniger intensiv medikamentös behandelt als Männer. Die internationale Meta-Analyse umfasst Daten von über 63.000 Patienten im Alter über 45 Jahren aus mehr als 40 Ländern. Deren Auswertung wurde erstmals auf dem kardiologischen Jahreskongress 2005 in Paris präsentiert und zeigte, dass Frauen weniger Thrombozytenhemmer, wie beispielsweise Azetylsalizylsäure, aber auch weniger Statine erhalten. Invasive Techniken werden bei Frauen seltener angewandt, selbst wenn man Patientinnen mit eindeutigen Symptomen berücksichtigt. Bei entsprechender Indikation erhielten nur 35 Prozent der Frauen einen Stent oder Bypass, verglichen mit 42 Prozent der Männer. Frauen erreichen zudem seltener die empfohlenen Therapieziele der internationalen Leitlinien – sowohl in der Primär- als auch in der Sekundärprävention. Doch es ginge auch anders, wie eine Untersuchung zeigt, die 2003 vom Deutschen Herzzentrum München und der 1. Medizinischen Klinik Rechts der Isar durchgeführt wurde. Diese kam zum Ergebnis, dass sich die Überlebenschancen weiblicher Infarktpatienten durch die heute verfügbaren Maßnahmen durchaus verbessern lassen. Worauf wartet die Kardiologie also noch?

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