Der Druck ist zu groß – Ich brech’ ab!

7. September 2007
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Das Medizinstudium ist berühmt-berüchtigt für seinen hohen Anspruch. Unvorstellbar viele Informationen müssen in kürzester Zeit auswendig gelernt werden. Etliche Universitäten sind bekannt für ihre strengen Prüfer. Das - längst überholte -"Elitedenken" ist nach wie vor an vielen Instituten verankert und trägt teilweise bedenkliche Blüten.

Samstag, 14 Uhr, auf dem Platz vor dem großen Hörsaal. Die Abschlussklausur des zweiten Semesters ist seit einer Viertelstunde vorüber. Während sich an der einen Stelle lachende und erleichterte Studierende um den Hals fallen, sitzt abseits des fröhlichen Treibens ein Mädchen, das herzerweichend schluchzt. Die Klausur ist verhauen – schlimmstenfalls kann dies den zeitlichen Verlust von einem ganzen Jahr bedeuten. Das ganze Umfeld – Eltern, der Freund, die Geschwister – haben doch so viel Hoffnung und Vertrauen in die ehemalige 1er-Abiturientin gesteckt…was ist jetzt nur schief gelaufen? Ist denn Medizin überhaupt das Richtige? Es war doch alles nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet. Und jetzt das…!

Warum scheitern so viele junge Studenten/innen am Leistungs- und Prüfungsdruck? Was ist am Medizinstudium so anders, dass die Abbrecherquote unverhältnismäßig hoch ist und mehr Studierende durch die Klausuren fallen, als in den meisten anderen Studiengängen?
Wir haben für Euch mit zwei Betroffenen gesprochen, um dem Phänomen auf den Grund zu gehen.

MS: medizinstudent.de
Stefan (ehemaliger Student an der Universität Heidelberg)
Pia (ehemalige Studentin an der Universität Mainz)

MS: Liebe Pia, lieber Stefan. Vielen Dank erst einmal, dass ihr hier Rede und Antwort stehen möchtet. Das Thema "Studienabbruch" ist ja nicht gerade eine angenehme Sache. Bitte erzählt doch ganz grob, wie es bei euch beiden war.
Pia: Ich habe im Jahr 2004 zum Wintersemester mein Medizinstudium an der Uni Mainz begonnen. Für mich ist damit anfänglich ein Traum in Erfüllung gegangen, da ich sehr lange auf einen Studienplatz warten musste. Ich habe die Zeit überbrückt, indem ich z.B. schon das Pflegepraktikum absolviert habe – auch diese Erfahrung in der Klinik hat mich in meinem Wunsch bestätigt, das Studium zu beginnen.
Die großen Probleme begannen jedoch schon im ersten Semester. Die Fülle an Information, und das völlige Fehlen von Hilfestellungen, wie und mit welchen Medien man sich am besten auf die Stoffmenge vorbereitet, hat mich im wahrsten Sinne des Wortes aus der Bahn geworfen. Ich bin sehr schnell ins Hintertreffen gekommen und musste Lücken füllen, die ich vorher als solche gar nicht wahrgenommen hatte. Besonders die vermeintlich kleinen Fächer wie Chemie und Physik haben mir große Probleme bereitet. Ich bin durch fast alle Klausuren gefallen und habe mir somit immer mehr Backsteine in den Rucksack gepackt. Früher oder später musste ich daran scheitern.
MS: Und bei dir, Stefan?
Stefan: Bei mir war das ganz ähnlich. Zuerst habe ich fast kopfgestanden vor Freude, als ich im Spätsommer 2005 die Zulassung für Heidelberg bekommen habe. Damit hatte ich eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Am Anfang war auch alles ganz easy. Ich bin sowieso ein Typ, der sehr offen ist und schnell Anschluss findet. Ich hatte auch gleich einen großen Freundeskreis durch die Präpgruppe in der Anatomie und durch die Seminare. Bei mir hat das Debakel dann mit der ersten mündlichen Prüfung in Anatomie begonnen: Ich hatte mich – warum auch immer – völlig falsch auf den Stoff vorbereitet. Leider hatten wir damals eine ziemlich unkollegiale Dozentin am Tisch, die mir während der Prüfung auch sichtlich keine Chance geben wollte, obwohl sie die Wochen zuvor gemerkt haben muss, dass ich immer motiviert und gut vorbereitet war. Diese Prüfung hat dann solch einen Schock bei mir hinterlassen, dass ich das Thema "mündliche Prüfungen" für mich quasi ausgeblendet habe. Ich habe alle mündlichen Prüfungen verschoben oder mir zuvor ärztliche Atteste geben lassen, um dort nicht antreten zu müssen. Schlussendlich hatte das den gleichen Effekt, den Pia eben ja schon kurz angesprochen hat: Ich habe immer mehr Ballast angehäuft, den ich irgendwann gar nicht mehr realistisch abarbeiten konnte.

MS: Ganz naiv gefragt: Gab es denn keine Möglichkeit, mit Kommilitonen über dieses Problem zu sprechen? Oder was war mit den Dozenten oder dem Studiensekretariat?
Stefan: Natürlich habe ich mich einigen Bekannten an der Uni anvertraut. Wir haben sogar richtige Crashkurse für mich eingerichtet, wo mir bessere Studienkollegen helfen wollten, den Stoff zu verinnerlichen. Du darfst aber nicht vergessen, dass alle Freunde an der Uni mit den folgenden Klausuren zu kämpfen hatten. Da konnte auch nicht jeder wieder an längst bestandene (und im Geiste bereits abgehakte) Themen anknüpfen. Hier ist sich jeder zunächst einmal selbst der Nächste! Das ist ja auch verständlich!
Pia: Ich habe mich mit meinen Problemen frühzeitig an das Studierendensekretariat gewandt. Hier konnte mir aber auch nur indirekt geholfen werden. Ich denke einfach, dass in jedem Jahrgang für die Uni schon ein gewisser Prozentsatz "Ausschuss" dabei ist, den man während der Vorklinik über Bord wirft. Plakativ ausgedrückt.

MS: Und die Dozenten und Professoren?
Pia: Ich habe nur einmal bei einem Professor mein Leid geklagt. Dieser hatte mich vierzehn Tage zuvor mündlich geprüft und nach dieser Zeit nicht einmal mehr wiedererkannt. Na klar…der Mann hat jeden Tag ein gutes Dutzend Studenten und Studentinnen in seinem Büro oder im Hörsaal zur Prüfung – der kann sich nicht jedes Gesicht und das dazugehörige Schicksal merken.
Stefan: Das war bei mir ganz ähnlich. Ich habe mich sogar in einem Fall an den Institutschef gewandt, um mich über eine (in meinen Augen) viel zu schwere Prüfung zu beschweren. Obwohl der Mann als super nett und kollegial bekannt war, kam auch von dieser Seite nicht wirklich viel. Es wurde mir zwar bestätigt, dass es nicht im Interesse der Universität ist, die Studierenden "auszusortieren" und "rauszuprüfen", aber in einer ruhigen Minute hat mir der Professor dann auch gesteckt, dass die Unis immer viel mehr Studenten annehmen müssen, als eigentlich Plätze und Kapazitäten vorhanden sind. Natürlich muss man sich dieses "Ballasts" irgendwann und irgendwie entledigen.
Pia: Mir wurde im Studierendensekretariat sogar ganz offen erzählt, dass die Unis daran interessiert sind, bei den Rankings und den Bestehensquoten der Examen ganz weit vorne zu sein. Um das zu gewährleisten, wird während der Vorklinik ganz bewusst das Niveau so hoch gesetzt, dass es mittelmäßige Studenten – milde ausgedrückt – sehr schwer haben, Schritt zu halten.

MS: Provokant gefragt: Ist es denn nicht sinnvoller, sich von – wie von Dir ausgedrückt – "mittelmäßigen" und schlechteren Studenten zu trennen? Immerhin geht es ja darum, später gute Ärzte auf die Menschheit loszulassen?!
Stefan: Es ist eine altbekannte Frage, ob denn wirklich nur fachliches Wissen über den guten Arzt entscheidet, oder ob nicht vielmehr solche Dinge wie soziale Kompetenz und menschliche Reife eine entscheidende Rolle spielen?! Ich kenne wirklich viele sehr gute Studenten/innen aus meinem früheren Semester, die fachlich hervorragend waren. Manche von diesen hatten bei Klausuren immer 80 oder mehr Prozent richtig gekreuzt und wurden bei mündlichen Prüfungen lobend erwähnt. Bei den Hospitationen saßen sie aber teilweise verschüchtert in der Ecke der Praxis und konnten den Patienten kaum die Hand geben, ohne rot anzulaufen und zu stottern. Ich weiß nicht – ohne den Betreffenden hier jetzt zu nahe treten zu wollen – was für den späteren Beruf hier tatsächlich wichtiger ist.

MS: Ich bleibe provokant: Ist das nicht auch ein bisschen der Neid und die späte "Rache" an den guten Mitstudenten/innen von früher, wie Ihr das jetzt darstellt?
Stefan: (lacht) Ach…ich glaube nicht, dass ich das wirklich nötig habe. Ich habe mit dem Thema auch schon soweit abgeschlossen, dass ich hier bestimmt neutraler als früher drüber sprechen kann.
Pia: Natürlich ist man neidisch auf die hervorragenden Ergebnisse, die andere Kommilitonen erzielen, während man selbst immer wieder scheitert. Es ist auch blöde, immer wieder aus dem gewohnten Umfeld gerissen zu werden, wenn man Zeit an der Uni verliert. Sobald man in eine neue Gruppe kommt, wissen ja eigentlich alle sofort, dass man zu den schlechteren Studenten gehört, die sich immer nur so ganz knapp durch die Prüfungen mogeln. Natürlich stehen da auch viele drüber – ich habe aber teilweise schon starke Ablehnung zu spüren bekommen. Gerade von den so genannten "Strebern". Das Verrückte an der Sache ist, dass ich mich früher selbst als einen solchen bezeichnet hätte, da ich immer zwischen "Sehr gut" und "Gut" in der Schule war.

MS: Mit dem Abstand, den Ihr nun zum Studium habt: Was würdet Ihr Studienbeginnern raten, wie man sich verhalten sollte? Gibt es psychologische Tricks?
Stefan: Ganz wichtig ist, dass man sich nicht von dem Stress und dem "Wahnsinn" an der Uni anstecken lässt. Je verrückter man sich machen lässt, umso verrückter, unsicherer und nervöser wird man dann auch tatsächlich. Prinzipiell kann und möchte einem in einer Prüfung keiner an den Karren fahren. Wenn man immer und von Anfang an adäquat vorbereitet ist, kann nicht viel passieren. Ausnahmen bestätigen die Regel – mein Tipp ist jedoch: Nichts auf die lange Bank schieben. Missglückte Versuche schnellstmöglich wieder ausbügeln und immer am Ball bleiben. Die Geschwindigkeit, mit welcher der Stoff in der Medizin durchgeprügelt wird, ist gigantisch. Wer da den frühen und rechtzeitigen Aufsprung auf den Zug verpasst, sieht immer nur noch die Rücklichter.
Pia: Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen. Ich würde heute auch vieles anders machen. Jeden Tag ein bis zwei Stunden den Stoff des vergangenen Tages daheim zu repetieren, ist schon ziemlich gut. Wenn man dann frühzeitig noch die geeignete individuelle Lernform für sich findet, ist man auf der sicheren Seite. Die Vorklinik ist, aus heutiger Sicht, absolut machbar. Man muss sich halt zwingen, sehr viel (auch unnötigen) Stoff in kürzester Zeit auswendig zu lernen. Wenn man hierbei keinen Zugang findet, muss man das Vorhaben Medizinstudium überdenken. Ich finde, man merkt recht schnell, ob man bei der Medizin an der richtigen Adresse ist. Wenn nicht, sollte man das Thema schnell vergessen. Ansonsten macht man sich nur verrückt und bekommt Depressionen (lacht).

MS: Ich danke Euch Beiden herzlich für das interessante Gespräch und wünsche Euch noch viel Glück bei Eurem weiteren Lebensweg!

(Als Fortsetzung zum Thema "Prüfungsangst" folgt im nächsten Monat ein ausführliches Interview mit einem Psychologieprofessor.)

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