In 12 Semestern zum Abheftologen.

7. September 2007
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Arzt sein wäre schön, wären da nicht die Sachen, die ein Arzt gar nicht schön findet. Mit nahendem Ende des Studiums wird vielen Medizinstudenten klar, dass Arzt sein nicht nur Untersuchen, Diagnostizieren und Behandeln heißt. Viel öfter heißt es Ausfüllen, Abtippen, Abheften.

Die ärztliche Tätigkeit ist für viele Menschen immer noch von einem sagenhaften Schleier umgeben. Der Arzt hilft Kranken, behandelt ihre Leiden und erfreut sich an deren Genesung. Wie schön – und doch eher eine Story für die Märchenstunde im Kinderkanal. Vor allem junge Ärzte erleben, wie man für kleines Geld als überqualifizierte Verwaltungskraft missbraucht wird.

Stundenlang tippen statt Patienten sehen
Junge Ärzte arbeiten nicht selten systematisch länger, nicht wissend, ob die Überstunden bezahlt werden. Ein Assistenzarzt, der vor dem Job nicht schnell tippen konnte, überholt nach einem halben Jahr fast jede Sekretärin. Wer von der 8-, 10- oder 12-stündigen Arbeitszeit auch nur die Hälfte mit Patienten verbringt, ist schon als Glückspilz zu betrachten.

Mach Du erstmal die Station fertig
Während Oberärzte im OP kleine Wunder vollbringen, mit dem Endoskop Tumoren abtragen oder funktionelle Untersuchungen des Patienten vorantreiben, muss der junge Assistent erstmal die Station fertig machen. Das bedeutet, dass man möglichst zackig die 40 Betten samt Inhalt abklappert, Blut abnimmt und visitiert.
Das läuft ungefähr so: Guten Morgen Frau Schmitz – Schmerzen? – besser? – schlechter? – Ja gut, sie bekommen ein stärkeres Mittel – Erklären, was sie haben? – Später! – Heute bekommen sie eine Magenspiegelung! – Nehmen sie erst mal das Antibiotikum weiter! Dabei klingelt ständig das Diensthandy und fast jeder Patientenkontakt wird durch den penetranten Klingelton unterbrochen. Wenn das mal keine hochkarätige Medizin ist.
Nach der Visite müssen je nach Haus und Abteilung erstmal Röntgenscheine ausgefüllt werden, Befunde per Telefon angefordert werden oder neue Patienten zur Röntgenbesprechung vorgestellt werden. Bis jetzt hat man viele Patienten gesehen, aber behandelt hat man sie nicht wie ein Arzt, sondern wie ein Mitarbeiter am Check-In-Schalter eines Charterfliegers.

Willst du mein Brieffreund sein?
Ein integraler Bestandteil eines ärztlichen Arbeitstages ist das Briefe schreiben. Mal sind es 3 Briefe, mal auch 7. Fleißig werden Laborwerte und Untersuchungsbefunde eingetippt, Befunde sortiert abgeheftet und ICD-Codes in die Krankenhaussoftware eingehämmert.
Natürlich muss zwischendurch auch der Arzt bei Rehakliniken anrufen und nach Terminen für Patient X fragen und gleichzeitig die Befunde des Aufenthalts von Patient Y erfragen. Dabei wird er noch gebeten, die Befunde für X schon mal zu faxen – also ab zum Faxgerät – piep, krächz, auf den Papiereinzug warten, Sendebericht – und wieder ran an die Tastatur. Das alles findet allzu oft zu zweit in einem 8 Quadratmeter großen Raum statt.
Assistenzärzte müssen zwar viel Papierkram machen, brauchen dafür aber anscheinend keinen Arbeitsplatz, an dem man sich wohlfühlen kann. Wer im Arztzimmer ein Fenster hat, dass geöffnet werden kann, gilt da schon fast als verwöhnt. Zwischendurch muss man noch die Neuaufnahmen untersuchen, anstehende Punktionen und Verbandswechsel "erledigen" und mit den Schwestern über neue Beschwerden der Patienten reden. Patienten können ganz schön lästig sein, wenn man eigentlich Briefe schreiben muss.

Endlich Arzt sein – nach Feierabend auf dem Stationsflur
Irgendwann zwischen Schreiben, Organisieren und Patienten beschwichtigen merkt man, dass die Briefe geschrieben, die Untersuchungen für morgen angemeldet sind und auch die Zeit schon wahnsinnig fortgeschritten ist – eigentlich könnte man nach Hause gehen. Kaum ist man aus dem Arztkabuff heraus, stehen auch schon die ungeduldigen Patienten und Angehörige auf dem Flur. "Wie geht es meiner Mutter?", "Hat mein Kind eine Lungenentzündung?", "Ist die Operation gut gelaufen?"
Die meisten Assistenten haben dann eigentlich schon Feierabend, machen aber trotzdem weiter, gehen mit den Angehörigen ans Krankenbett, reden, erklären, überdenken die Anordnungen und versuchen die Beschwerden und Sorgen besser zu verstehen. Endlich ist die Medizin nicht nur Papier und Tinte. Man sieht, dass Frau Meier wieder Farbe im Gesicht hat, dass die Wunde von Herrn Müller schon fast zu ist, stellt jedoch besorgt fest, dass man der schmerzgekrümmten Frau Schmitz heute früh lieber besser zugehört hätte.
Irgendwann meldet sich der Magen, es ist schon 18:30, man ist schon viel zu lange da, morgen früh geht es um 7 Uhr weiter und man hat zu Hause gar nichts zu essen – der Alltag des Lebens schlägt zu.

Zufrieden ist, wer trotzdem lachen kann
Ein Arbeitstag für junge Assistenten ist, auch wenn nicht jeder Arbeitstag derart schwarzmalerisch geschildert wird, nur selten zufriedenstellend. Zu viel Büroarbeit in schlechter Arbeitsumgebung, zu wenig Zeit für die Belange des einzelnen Patienten und das beklemmende Gefühl, seinem Beruf oder seiner Berufung nicht gerecht zu werden, bedrücken den Großteil der jungen Ärzteschaft.
Der junge Arzt ist sich selbst am nächsten und muss in jeder Minute aktiv das Recht auf Erfahrung mit den Patienten, auf strukturierte Weiterbildung und Entlastung von der Bürokratie pochen. Dennoch wird sich die Lage von jungen Ärzten nur verbessern, wenn noch viel mehr Oberärzte und Chefärzte erkennen, dass die jungen Kollegen es besser verdient haben und sich mit ihnen zusammen für betriebliche und politische Veränderungen einsetzen.

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