HDL-Cholesterin: Schutzwirkung überschätzt?

28. Oktober 2013
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Während kein Zweifel daran besteht, dass hohe Werte des LDL-Cholesterins Herzinfarkte und Gefäßerkrankungen verursachen, ist der Umkehrschluss, dass hohe Werte des HDL-Cholesterin vor diesen Erkrankungen schützen. Aufgrund neuer Forschungen ist dies zu relativieren.

Neben Diabetes, Rauchen, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Übergewicht sind auch erhöhte Blutfette Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zwar ist das zu den Blutfetten zählende Cholesterin ein lebenswichtiges Molekül, das in allen Geweben des Körpers vorkommt: als Bestandteil der Zellmembran, Energielieferant und Ausgangsstoff für viele wichtige Verbindungen wie Steroidhormone, Gallensäuren oder von Vitamin D. Ein Zuviel an Cholesterin kann aber in den Gefäßwänden abgelagert werden: Folgen sind Arterienverkalkung und Herzinfarkte.

Bei bestehender Koronarkrankheit lässt Schutzwirkung nach

In der Medizin wird zwischen dem „guten“ HDL-Cholesterin (high density lipoprotein) und dem „bösen“ LDL-Cholesterin (low density lipoprotein) unterschieden. Wissenschaftler aus Mannheim, Heidelberg, Hamburg und Bern haben nun festgestellt, dass die Schutzwirkung der HDL offenbar nachlässt, wenn bereits eine ausgedehnte Koronarkrankheit vorliegt. Sie untersuchten den Zusammenhang zwischen HDL-Cholesterin und Todesfällen im Zusammenhang mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei den über 3.000 Teilnehmern der LURIC-Studie (Ludwigshafen Risk and Cardiovascular Health). Lipoproteine binden das Cholesterin und sorgen für dessen Transport im Blut. Lipoproteine geringer Dichte (LDL) transportieren Cholesterin aus der Leber in die Körperzellen, Lipoproteine hoher Dichte (HDL) können Cholesterin aus krankhaft veränderten Gefäßen mobilisieren und überschüssiges Cholesterin aus den Zellen und dem Blut in die Leber zurückbringen. Forschungsergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass sie auch entzündungshemmend und gefäßerweiternd wirken.

Sterberaten ausgewertet

Europaweit sind sich die Experten einig, dass das LDL-Cholesterin eine Konzentration von 115 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) nicht überschreiten sollte. Für Patienten, die ein zusätzliches Risiko haben, beispielsweise Diabetiker oder Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, wird ein LDL-Cholesterin von maximal 100 mg/dl, für Patienten mit sehr hohem Risiko (Koronarpatienten) sogar ein LDL-Cholesterin unter 70 mg/dl empfohlen. Für HDL-Cholesterin fordern die Experten eine Konzentration von mehr als 40 mg/dl. Auf der Basis der LURIC-Studie machten die Wissenschaftler folgende Entdeckung: Bei Personen ohne nachweisbare koronare Herzkrankheit und hohem HDL-Cholesterin (über 42 mg/dl) ist die Sterberate über den Beobachtungszeitraum von etwa zehn Jahren um 63 Prozent niedriger als bei niedrigem HDL-Cholesterin (kleiner 34 mg/dl). Bei Patienten mit chronischer oder akuter Koronarkrankheit waren die Sterberaten jedoch nur um 19 bzw. 9 Prozent niedriger, wenn Patienten mit hohem HDL-Cholesterin mit solchen mit niedrigen Werten verglichen wurden.

Gesunde Lebensführung und körperliche Aktivität beste Vorbeugung

Diese Ergebnisse wurden in zwei weiteren Studien (ESTHER-Studie und AtheroGene-Studie) sowie in einer gemeinsamen Auswertung aller drei Studien bestätigt. „Unsere Arbeit zeigt erstmals, dass bei Patienten mit einer koronaren Herzkrankheit das HDL-Cholesterin anders zu bewerten ist als bei noch nicht Erkrankten“, so der Erstautor der Studie, Dr. Günther Silbernagel, Bern. „Bereits erkrankten Menschen kann es deutlich weniger Schutz bieten als gesunden.“ „Umso wichtiger ist es, durch gesunde Lebensführung und körperliche Aktivität es gar nicht erst zum Auftreten einer koronaren Herzerkrankung kommen zu lassen“, warnt der Stoffwechselforscher Professor Dr. Winfried März. „Sind die Gefäße erst einmal in Mitleidenschaft gezogen, so kann ein hohes HDL offenbar nichts mehr ausrichten“.

Originalpublikation:

High-density lipoprotein cholesterol, coronary artery disease, and cardiovascular mortality
Günther Silbernagel et al.; European Heart Journal, doi: 10.1093/eurheartj/eht343, 2013

49 Wertungen (4.2 ø)

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3 Kommentare:

Heilpraktiker

Vielleicht liegt’s auch beim Cholesterin an einer Verkennung von Ursache und Wirkung.
Eine fast hundertjährige Tradition in der Zuordnung von Cholesterin zu den Ursachen und eine hohe Umsatzrate bei Cholesterinsenkern würden selbst dann die zutreffende Einordnung behindern, wenn die Cholesterinwerte halt doch sehr viel eher “Wirkung” als “Ursache” sind.
Im Jahr 2013 wirkt dann die Einleitung zu dem Thema mit der Formulierung “… kein Zweifel daran besteht…” doch etwas antiquiert.

#3 |
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Gast
Gast

Genauso ist es!!

#2 |
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Hohe Werte verursachen gar nichts, RIsikofaktor ist nicht gleich Ursache!

#1 |
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