Tiger im Chianti-Country

27. September 2007
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Immer neue Tier- und Pflanzenarten besiedeln Europa und bringen oft hierzulande bislang unbekannte Krankheiten mit sich. Während auf anderen Kontinenten immer mehr gefährdete Tierarten aussterben, infizierte eine winziges "Raubtier" in Norditalien unlängst 160 Personen mit einer tropischen Krankheit: Die Tiger-Mücke.

Seit Anfang Juli erkrankten mindestens 160 Norditaliener der Region von Ravenna an dem Tropenfieber Chikungunya. Es verursacht Fieber, Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen, die über Monate lang anhalten können. Überträger der viralen Infektionskrankheit, die asiatische Tigermücke der Gattung Aedes, ist eigentlich in Ost- und Westafrika, Südostasien und Indien beheimatet. Dort lösten sie im Jahr 2005 nach zwei Jahrzehnten Ruhe in Ländern am Indischen Ozean eine der größten Chikungunya-Epidemien aus.

Heute in Italien und morgen in ganz Europa?

Erstmals wurde die Tigermücke 1979 in Albanien gesichtet, elf Jahre später in Italien. Bis jetzt ließ sie sich bereits in zwölf europäischen Staaten nachweisen. Noch scheinen sich lokale Erkrankungen an Chikungunya selbst zu limitieren, so der Tropenbiologe Andreas Krüger, Wissenschaftler der Bundeswehr am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Das Robert-Koch-Institut schätzt im aktuellen Epidemiologischen Bulletin das Risiko der Weiterverbreitung v.a. in nordeuropäische Gebiete als eher gering ein, kann es aber nicht ausschließen. Auch andere Tropenkrankheiten schaffen vielleicht bald den Sprung nach Europa. Dieselbe Mücke überträgt z.B. das weit gefährlichere Denegue-Fieber.

Chikungunya meist ungefährlich

Wenn auch ein älterer an Chikungunya erkrankter multimorbider Patient starb, verläuft die Tropenkrankheit in der Regel nicht schwer. Nach einer Inkubationszeit von drei bis sieben Tagen kommt es rasch zu ansteigendem Fieber, Kopfschmerzen, Konjunktivitis, Muskel- und teilweise monatelang persistierenden Gelenkschmerzen. Exantheme oder Hautrötungen können auftreten, daneben Petechien und Nasenbluten. Hämorrhagische Verläufe und Todesfälle sind laut RKI selten. Es kommen asymptomatische Verläufe vor. Die Behandlung ist rein symptomatisch, da gegen Viren bekanntlich kaum ein Kraut gewachsen ist.

Klimawandel geht mit Artenwandel einher

Offenbar boten steigende Temperaturen und Feuchtigkeit in Italien der Tigermücke diesen Sommer ideale Lebensbedingungen. Veränderte klimatische Bedingungen könnten auch das Krim-Kongo-Virus über Zecken nach Europa bringen, das Auslöser des viralen hamörrhagischen Fiebers ist. Bislang ist die Krankheit in Asien, Afrika, Südosteuropa und im nahen Osten verbreitet. Neben Zecken sind Hausstiere das Erregerreservoir. Eine weitere potenzielle Gefahr ist die Malaria, die vereinzelt noch vor 50 Jahren in den Küstengebieten Deutschlands auftrat.

39 Krankheitserreger in 40 Jahren

Vor neuen Seuchen warnt auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem Weltgesundheitsbericht. Eine Ursache sieht die WHO in der erhöhten Mobilität der Menschen und damit dem Verschleppen von Krankheitserregern. Innerhalb der letzten 40 Jahre wurden 39 Krankheitserreger entdeckt, darunter HIV und das Ebola-Virus. Sie fordern internationale Zusammenarbeit, um die Gesundheit weltweit zu sichern. Neben den neu auftretenden Krankheiten sind bekannte verbreitete Seuchen wie Cholera natürlich nicht zu vernachlässigen.

Andere trifft es härter

Trotzdem sind wahrscheinlich nicht vor allem wir Europäer von Seuchen bedroht. Wir können immerhin hoffen, dass im Ernstfall vergleichsweise rasch gehandelt wird. So leiteten auch die Italiener prophylaktische Maßnahmen ein, um die Larven der Tigermücke zu töten – wohl später als möglich, so Kritiker. Die Leidtragenden von Seuchen waren immer und sind weiterhin vor allem Entwicklungsländer, die weder über entsprechende finanzielle Mittel, noch über die nötige Infrastruktur verfügen, um der Seuchen Herr zu werden.

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