Dies also ist der Pinie Kern

27. September 2007
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Seit die Hormonersatztherapie in Ungnade gefallen ist, suchen Frauen Alternativen. Eine Schweizer Firma will jetzt mit Pinienextrakt in die Bresche springen. Doch es bleiben eine ganze Menge Fragezeichen.

Was tun mit all den Frauen, die Wechseljahrsbeschwerden haben? Die Hormonersatztherapie ist in die Kritik geraten. Die Umsätze der Präparate sind eingebrochen. Aber das medizinische Establishment hat es bisher nicht vermocht, für angemessenen Ersatz zu sorgen. Viele Ärzte trauen sich kaum mehr, die entsprechenden Medikamente anzubieten, auch wenn die Beschwerden der Frauen natürlich nicht weniger geworden sind.

Studie mit Pinie zeigt Linderung der Symptome…

Dass Alternativheiler beziehungsweise Anbieter von pflanzlichen Wirkstoffen in einer solchen Situation in die Bresche zu springen versuchen, wundert nicht. Einen solchen Versuch macht jetzt ein schweizerisch-taiwanesisch-deutsches Gemeinschaftsprojekt: Wissenschaftler des Ham-Ming Krankenhauses in Taiwan und der Universität Münster berichten in der Zeitschrift Acta obstetricia et gynecologica Scandinavica von einer randomisiert-kontrollierten Studien mit dem Präparat Pycnogenol des auf exakt diese Substanz spezialisierten Schweizer Anbieters Horphag Research. Es handelt sich um ein Extrakt aus der Pinienrinde der in Südfrankreich beheimateten Kiefernvariante Pinus pinaster. “Das Medikament wurde ausgewählt, weil es in vorhergehenden Untersuchungen einen gesundheitlichen Nutzen gezeigt hat, unter anderem in Bezug auf die kognitive Funktion, auf die Hautelastizität, auf die NO-Synthese und die antioxidative Aktivität”, sagt Dr. Peter Rohdewald vom Institut für Pharmazeutische Chemie in Münster, “das sind auch Faktoren, die im Zusammenhang mit perimenopausalen Symptomen von Bedeutung sind.”

In der Studie nahmen 155 Frauen zwischen 45 und 55 Jahren entweder zweimal am Tag das Pinienextrakt oder aber Placebo und berichteten über ihre Beschwerden auf dem standardisierten Womans's Health Questionnaire (WHQ). Dieser Fragebogen gibt unter anderem Auskunft über depressive Symptome, somatische Symptome, Schlafprobleme und Menstruationsstörungen. Alle Frauen kamen zudem nach einem, drei und sechs Monaten zur Untersuchung in die Klinik. Hier wurden unter anderem Blutdruck, Body Mass Index und Antioxidantienstatus ermittelt.

… aber Zweifel bleiben

Die Ergebnisse der Studie sind überwiegend positiv, auch wenn die Patientinnenzahl natürlich etwas zu wünschen übrig lässt. Frauen in der Verum-Gruppe berichteten nicht nur von einer raschen Besserung der perimenopausalen Symptomatik, die in der Placebogruppe nicht auftrat. Sie zeigten auch einen Abfall im LDL-Cholesterin um zehn Prozent und erhöhte Plasmaspiegel von antioxidativ wirksamen Substanzen. “Frauen suchen zunehmend nach sicheren und natürlichen Therapieoptionen, die ihnen bei ihren Beschwerden helfen können”, so Rohdewald, “was die Sicherheit angeht, ist diese Studie sehr ermutigend, weil das getestete Präparat keinerlei hormonartige Wirkungen besitzt.”Wer sich allerdings die Webseiten des Herstellers so ansieht, dem können schon gewisse Zweifel kommen. Das Präparat wurde nämlich nicht nur bei Frauen mit perimenopausalen Beschwerden getestet, sondern auch bei Kindern mit ADHS und bei Frauen mit Endometriose. Auch hier soll es jeweils helfen. Die Studien hatten 57 beziehungsweise 58 Patienten, und sie sind damit einfach wesentlich zu klein, um irgendwelche Rückschlüsse zuzulassen. Alles ein bisschen und nichts richtig, der Verdacht drängt sich zumindest auf.

Zum Teil sind die Informationen auch einfach irreführend. So wird in einer Meldung unter der Überschrift Pycnogenol reduziert Herzversagen – noch eine Indikation – zunächst einmal drei Absätze lang über die hypertensive Herzerkrankung und einen möglichen Stellenwert von Pinienextrakt als Alternative zu Betablockern oder ACE-Hemmern philosophiert, bevor dann im vierten Absatz verraten wird, dass es sich bei der angeblich erfolgreichen Therapie um ein Mausexperiment handelte, bei dem nicht einmal funktionelle sondern lediglich histologische Parameter erhoben wurden. Einen Doktor aus Arizona hielt das nicht davon ab, Pinienextrakt zu einer “crucial component in the fight against heart disease” hochzujubeln. Fazit: Pinienextrakt mag einmal ein Wundermittel werden. Oder auch nicht. Ob die Studien, die nötig wären, um das zu beurteilen, je jemand machen wird, bleibt abzuwarten.

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