Zurück in die Zukunft?

2. Oktober 2007
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Bei unserem heutigen Facharztbericht könnte man das fast meinen! Das Arbeitsgebiet des Facharztes für Physiologie ist so vielfältig wie die der Lebenswissenschaften im Ganzen, wobei aber der Blick auf die Dynamik biologischer Vorgänge und deren kausale Zusammenhänge gerichtet ist. Klingt spannend? Ist es auch!

Das Gebiet Physiologie umfasst die Lehre der normalen Lebensvorgänge u.a. des Bewegungsapparates, Kreislaufsystems, Sinnessystems und zentralen Nervensystems. An deutschen Universitäten ist die Physiologie des Menschen an den medizinischen Fakultäten beheimatet und zählt mit Biochemie, Anatomie und Psychologie, sowie den drei Naturwissenschaften Biologie, Chemie und Physik zu den vorklinischen Fächern, die im Rahmen des Ersten Staatsexamens eine staatliche Zwischenprüfung darstellen. Hier findet man auch die häufigsten Einsatzgebiete der "fertigen" Fachärzte für Physiologie.
Ohne die Physiologie wäre zudem eine gezielte Pharmakologie nicht möglich, denn sie kann Wirkungen, Eigenschaften und Nachteile von Medikamenten teilweise beschreiben und auch voraussagen. Dies ist ein Grund, warum auch viele ausgebildete Physiologen eine Karriere in der Industrie und Forschung anstreben.

Interview:
Das Interview haben wir mit Herrn Mehmet Heußler geführt, der sich derzeit in seiner Ausbildung zum Facharzt für Physiologie befindet. Herr Heußler ist Sohn einer türkischen Mutter und eines deutschen Vaters und hat an der Universität in Rostock sein Medizinstudium absolviert.
(Herr Heußler = Mehmet Heußler / MS = medizinstudent.de)

MS: Hallo Mehmet! Denke ich an die Physiologie, kommen mir Bilder von EEG, EKG, Nystagmus-Stühlen, Frentzel-Brillen, Blutdruckmessgeräten und schmerzlichen Blutabnahmetests an mir selbst und meinen Kommilitonen in den Sinn. Was hat Dich dazu bewogen, diesen völlig "verschulten" Facharztbereich auszuwählen?
Herr Heußler: (lacht!) Ja, diese Dinge kenne ich auch noch ganz gut! Ich hoffe aber, dass Dir all diese Tests auch in positiver Erinnerung geblieben sind? Die Physiologie ist nämlich – neben der Anatomie – meiner Meinung nach der absolut zentralste Punkt in der Humanmedizin. Ohne ein fundiertes Verständnis dieser beiden Fachbereiche ist eine sinnvolle Ausübung des Arztberufes nahezu unmöglich.

MS: Und was hat Dich gerade an diesem Fach so fasziniert, dass Du jetzt "hängen geblieben" bist?
Herr Heußler: Vor meinem Medizinstudium habe ich bereits eine Ausbildung zum Physiotherapeuten absolviert, da ich Wartesemester sammeln musste. Hier hatte ich also schon erste Berührungspunkte mit der Materie.
Wie eben schon angedeutet, stellt die Physiologie für mich auch einen ganz zentralen Punkt innerhalb der Medizin und des Verständnisses des menschlichen Körpers und dessen Funktionsweisen dar.
Da ich das Glück hatte, sehr gute Professoren und Dozenten während meiner eigenen Studienzeit in diesem Fach zu haben, wurde ich mit dem Thema regelrecht angefixt. Ich habe die Vorlesungen und die Fachbücher regelrecht verschlungen. Da ich zudem schon ein (wenn auch geringes) Vorwissen durch meine Ausbildung zum Physiotherapeuten hatte, fiel mir das Lernen doppelt leicht. Und so konnte ich relativ weit in die Materie eindringen.
Nach dem Studium war mir klar, dass ich in die Lehre gehen wollte. Nichts lag da näher, als mein "Steckenpferdchen" als Facharzt zu wählen. Natürlich ist das eine eher ungewöhnliche Weiterbildung, aber das soll mich mal nicht stören und/oder behindern! (lacht!)

MS: Hat Dich denn gar kein anderer Facharzt-Zweig so fasziniert, dass Du schwach geworden wärst und gesagt/gedacht hättest: "Mensch, das könnte mich aber auch interessieren!"?
Herr Heußler: Natürlich! Ich habe während des klinischen Abschnitts des Studiums schon einige Male gedacht, dass ich durchaus einen ganz "normalen" Facharzt machen könnte. Ich habe im Gegensatz zu vielen meiner Kommilitonen übrigens auch durchaus mit der Option "Hausarzt/Allgemeinmedizin" geliebäugelt, obwohl gerade dieser Facharzt in meiner Clique keinen so tollen Ruf genossen hat. Die Vorstellung, auf dem Land in einer eigenen kleinen Praxis für die kranken Leutchen da zu sein, hätte mich aber durchaus gereizt. Letzten Endes ist es dann aber doch die Physiologie geworden – man muss eben manchmal seinem Herzen folgen!

MS: Und? Hast Du es bisher noch nicht bereut, diesen Schritt gewagt zu haben?
Herr Heußler: Johannes…ganz ehrlich: Du bist irgendwie nicht glücklich darüber, dass sich ein Mensch freiwillig für solch einen Fachbereich entschieden hat, oder?! (lacht!) Hast Du denn keine guten Erfahrungen während der Vorklinik mit den Physiologen gemacht?

MS: He…ich stelle hier die Fragen! (Gelächter!) Nein…ich kann mich nicht beschweren. Physiologie fand ich – im Gegensatz zu Biochemie und Konsorten – eigentlich immer ganz interessant!
Herr Heußler: Obwohl natürlich auch sehr viele Biochemie-Elemente in die Physiologie mit einfließen! Ohne die Kenntnis des einen erschließt sich das andere Gebiet auch nicht wirklich!

MS: Ok…nächste und letzte Frage: Du hast gesagt, dass Du nach der Weiterbildung gerne in die Lehre gehen würdest. Gibt es da schon konkrete Pläne?
Herr Heußler: Wirklich konkrete Pläne gibt es noch nicht, da ich gerade mein erstes Jahr in der Facharzt-Ausbildung hinter mir habe. Natürlich besteht auch die Option, wie viele meiner Kollegen in die (Pharma)Industrie zu wechseln. Nicht nur des Geldes wegen eine durchaus lukrative Sache!
Eine eigene Praxis ist als Physiologe zwar möglich, aber nicht gerade üblich. Es wird also schon auf die Lehre hinauslaufen. Vielleicht strebe ich sogar eine Habilitation an, mal sehen?!

MS: Was Du auch machst, Mehmet: Wir wünschen Dir viel Erfolg und Spaß in Deinem Beruf! Danke für das wirklich nette und lustige Interview!

Allgemeine Informationen

Ausrichtungen / Schwerpunkte der Ausbildung
Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten unter anderem in:

  • den Grundlagen der Physik, Physikalischen Chemie, Biochemie, Mathematik und Biostatistik einschließlich der Datenverarbeitung, Kybernetik und Bionik sowie Anatomie, Histologie und Zytologie
  • der Physiologie des Blutes, des Herzens und Blutkreislaufs sowie der Atmung, der Physiologie des Stoffwechsels, des Energie- und Wärmehaushaltes, der Ernährung und Verdauung des Elektrolyt- und Wasserhaushaltes und des endokrinen Systems sowie der homöostatischen Mechanismen und Regulationen
  • der Physiologie der peripheren Nerven und der Rezeptoren, des Muskels, des zentralen Nervensystems und des vegetativen Nervensystems
  • der Physiologie der Sinnesorgane
  • den elektrophysiologischen Methoden zur Untersuchung der Eigenschaften des zentralen Nervensystems sowie der neuralen und muskulären Elemente
  • den Methoden der Leistungsphysiologie

Aufbau der Ausbildung
48 Monate bei einem Weiterbildungsbefugten an einer Weiterbildungsstätte davon können bis zu 12 Monate in anderen Gebieten angerechnet werden.

Dauer der Ausbildung
4 Jahre

Arbeitsplätze / Arbeitgeber

  • Universität (Lehre)
  • Kliniken
  • Praxen
1 Wertungen (5 ø)
Humanmedizin, Pharmakologie

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