Die durch die Hölle gehen

4. Oktober 2007
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Seine wahren Segnungen entwickelt das Internet in der Sphäre der Psychomedizin. Das Therapieprogramm "Virtual Iraq" bringt Wüste und Granaten ins Behandlungszimmer traumatisierter US-Veteranen. Zurück in der virtuellen Kriegshölle sollen sie so verdrängte Ereignisse verarbeiten können.

Fast täglich steigt die Zahl der Opfer im Irakkrieg – und mit ihnen die Zahl derjenigen, die psychische Schäden als direkte oder indirekte Folge des Kriegs davon tragen. Betroffen sind nicht nur Angehörige der Zivilisten und Soldaten, die ums Leben kommen, sondern auch jene, die ein schreckliches Ereignis überlebt haben, und die die mentalen Abbilder eines Massakers oder einer Bedrohungssituation immer weiter mit sich herum schleppen.

Virtuelle Exposition macht Schlüsselsituationen gegenwärtig

Um US-Soldaten, die den Irakkrieg überlebt haben und eine posttraumatische Belastungsstörung davon getragen haben, kümmern sich seit Kurzem nicht nur Psychologen, sondern auch Software-Programmierer. An der Universität von Südkalifornien wurde unter dem Dach des Institute for Creative Technologies eine entsprechende Arbeitsgruppe gegründet. Sie hat eine Software entwickelt hat, mit der traumatisierten Veteranen des Irakkriegs bei der Resozialisierung geholfen werden soll. Virtual Iraq holt verdrängte Situationen auf Schlachtfeldern oder bei Anschlägen wieder ins Bewusstsein, um den Betroffenen zu ermöglichen, die Ereignisse besser oder überhaupt erst einmal zu verarbeiten. Psychomedizinisch ist das nichts Neues: Eine Expositionstherapie kommt bei diversen Angsterkrankungen, vor allem Phobien, zum Einsatz. Aber nicht nur bei Phobien werden spezifisch auslösende Situationen gemieden: “Vermeidungsverhalten ist auch eines der wichtigsten Kennzeichen der posttraumatischen Belastungsstörung”, sagt Dr. Michael Kramer, der in einem Armeeklinikum in New York mit der neuen Software arbeitet. Genau dieses Vermeidungsverhalten aber hält das Trauma am Leben, die Explosion, bei der ein guter Freund zerfetzt wurde, die Situationen, in denen unschuldige Zivilisten starben, weil die Soldaten um ihr eigenes Leben fürchteten.

Heckenschützen auf Knopfdruck

Die Szenarien des “Virtual Iraq” sollen dem entgegen wirken. Die Patienten werden nicht Hals über Kopf, sondern therapeutisch kontrolliert in den Augenblick des Traumas zurück versetzt. Zu den Szenarien, die die Software bereit hält, gehört unter anderem eine typische irakische Stadtszene, in der der Proband sich am Monitor durch die Straßen bewegen kann. Der Therapeut kann nun gezielt Menschen in diesem Szenario auftauchen lassen, die “damals im Irak” eine potenziell bedrohliche Situation hätten anzeigen können und entsprechend mit Angst besetzt sind. Schrittweise können dabei zunehmend bedrohliche Konstellationen konstruiert werden, mit denen der Betroffene sich kognitiv auseinandersetzen muss. In einem weiteren Szenario fährt der Patient in einem Militärfahrzeug auf einer Überlandstraße und erlebt dort Explosionen, Schusswechsel oder Ähnliches. Er hat in der virtuellen Welt natürlich nicht die Möglichkeit, zurück zu schießen, und ist so gezwungen, dem Erlebten auf andere Art und Weise zu begegnen. Entscheidend bei all diesen Szenarien ist, dass die Exposition möglichst real sein sollte. “Eine Exposition muss einen hoch Angst auslösenden Effekt haben, um zu wirken”, sagt auch Privatdozent Andreas Ströhle von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin, der Mitte September auf dem Deutschen Ärztekongress 2007 in Berlin einen Vortrag über die Therapie von Phobien und anderen Angststörungen hielt.

Wie wird der digitale Irak möglichst real?

Genau das aber ist das Problem, das viele der modernen Technik zugeneigte Therapeuten haben: Wenn sie virtuelle Therapieszenarien entwickeln, bei denen beispielsweise Patienten mit Höhenangst einen Aufenthalt in großer Höhe simulieren können, geht das rasch ziemlich ins Geld. Denn kommt die Höhe nicht einigermaßen real herüber, kann man sich die Sache auch sparen. Bei Irakveteranen ist es insofern etwas anders, als es nicht ganz leicht ist, in der wirklichen Welt adäquate Situationen für eine Expositionstherapie bereit zu stellen, will man nicht Hollywood-ähnliche Kulissenstädte aufbauen oder ein Militärübungsplatz aufsuchen. In einer solchen Situation kann die virtuelle Realität eine therapeutische Exposition überhaupt erst möglich machen. Sie muss sie nicht simulieren. Trotzdem braucht es auch hier eine möglichst großen Realitätsnähe: Mit Hilfe von Hintergrundgeräuschen und anderen Effekten wird bei “Virtual Iraq” versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden.

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