Rettender Strahl?

4. Oktober 2007
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Ein neuer Urintest weist Prostatakrebs frühzeitig nach und soll spezifischer sein als die bisherige Bestimmung des PSA-Werts. Viele Experten stehen dem neuen Test allerdings skeptisch gegenüber, da noch keine genauen Daten veröffentlicht wurden.

Je früher Prostatakrebs erkannt wird, desto größer ist die Chance auf Heilung. Ein neuer Test, den die Firma Diapat aus Hannover vor einigen Monaten auf den Markt gebracht hat, verspricht die Diagnose des Tumors bereits im Frühstadium. Eine Urinprobe genügt dafür. “Wir messen Tumormarker im Urin, die bei Männern mit einem Prostatakarzinom vermehrt vorkommen”, sagt Harald Mischak, Geschäftsführer von Diapat und fügt hinzu: “Mittlerweile gelingt es uns, bösartige von gutartigen Veränderungen der Prostata mit einer Trefferquote von 90 Prozent zu unterscheiden. Unser Test verhindert so die unnötige Entnahme von Prostatagewebe.” Der Diapat-Test kostet 443 Euro, die der Patient in der Regel selbst zahlen muss.

Bisher wird Männern vom 50. Lebensjahr an empfohlen, zusätzlich zur Abtastung der Prostata jährlich die Menge des prostataspezifischen Antigens (PSA) im Blut messen zu lassen. Sobald mehr als vier Nanogramm PSA in einem Milliliter Blut enthalten sind, rät die Deutsche Gesellschaft für Urologie die Entnahme und anschließende Untersuchung von mindestens sechs Gewebeproben aus der Prostata. Zwar werden so bis zu 70 Prozent der Tumore im Frühstadium entdeckt, aber die PSA-Bestimmung ist wenig spezifisch: Experten schätzen, dass in bis zu 80 Prozent der Fälle, bei denen aufgrund eines erhöhten PSA-Wertes Prostatagewebe entnommen wird, überhaupt kein Tumor vorliegt.

Höhere Spezifität

Diapat soll Männer vor solchen unnötigen Gewebeentnahmen bewahren. Nach Angaben der Firma ist der Urintest spezifischer: Nur in 30 Prozent der Fälle ist der Test fälschlicherweise positiv. Doch viele Urologen sind skeptisch. Kürzlich warnte das Urologische Netzwerk Bonn (UNB) vor neuen kostspieligen Tests, die schon im Frühstadium des Tumors eine Diagnose mit hoher Treffsicherheit versprechen.

“Beim Test von Diapat ist die Datenlage völlig unzureichend”, sagt Stefan Müller, Mitglied im UNB und Direktor der Klinik und Poliklinik für Urologie am Universitätsklinikum Bonn. “Solange Diapat noch keine genauen Daten in Fachzeitschriften veröffentlicht hat und so der wissenschaftliche Beweis fehlt, ob der Test Prostatakrebs besser voraussagen kann als PSA-Tests, steht das Verfahren für die Patienten in keinem vertretbaren Kosten-Nutzen-Verhältnis”, sagt der Experte. Auf keinen Fall könne der Diapat-Test die Entnahme von Gewebeproben zur Diagnosesicherung ersetzen.
Diapat-Chef Mischak sieht das anders: “Wir haben in einer Studie mit rund 250 Patienten gezeigt, dass unser Test funktioniert – warum sollten wir ihn Patienten vorenthalten.” Die Ergebnisse der Studie seien immerhin bereits bei einer Fachzeitschrift zur Veröffentlichung eingereicht. Den hohen Preis des Tests erklärt Mischak mit dem großen Aufwand, der dafür nötig ist: “Allein das spezielle Messgerät, mit dem wir die Tumormarker im Urin nachweisen, kostet rund 400.000 Euro.”

Test weist Protein-Fragmente nach

Bei den Tumormarkern handelt es sich um Protein-Fragmente, die in kleinen Mengen mit dem Prostatasekret in die Harnröhre abgegeben werden. Sie entstehen, wenn der Tumor gesundes Prostatagewebe angreift und abbaut. Darum ist der Test den Angaben zufolge auch viel spezifischer als die Bestimmung des PSA-Werts. “Der PSA-Wert kann auch erhöht sein, wenn die Prostata gutartig vergrößert ist, sich entzündet hat oder durch äußeren Druck gereizt wurde”, erläutert Mischak und ergänzt: “Der Diapat-Test soll die PSA-Bestimmung aber nicht ersetzen sondern ergänzen.” Der Urintest könne für den behandelnden Arzt eine weitere diagnostische Hilfe sein, um zu entscheiden, ob Gewebe entnommen wird oder nicht.

Der Urologe Müller dagegen setzt, solange Diapat keine stichhaltigen Beweise liefert, vorrangig auf die PSA-Bestimmung. Er plädiert jedoch dafür, jeden einzelnen Fall individuell zu betrachten. Der Grund: Die Prostata wird mit zunehmendem Alter größer und der PSA-Wert steigt allein dadurch langsam an. “Ein Wert von 3 Nanogramm PSA pro Milliliter Blut ist für einen 50-Jährigen mit normal großer Prostata hochverdächtig”, sagt Müller, “aber ein 75-Jähriger darf ruhig einen Wert von 5,5 haben.” Viel aussagekräftiger als ein einzelner Messwert sei der Verlauf der Werte über einen längeren Zeitraum. Steige der Wert plötzlich stark an, sollten auf jeden Fall Gewebeproben entnommen werden, um den Verdacht abzuklären.

Prostata-Biopsie birgt Risiken

Eine solche Biopsie findet ambulant unter lokaler Betäubung statt und birgt durchaus Risiken: Als Nebenwirkungen können in seltenen Fällen Entzündungen und Blutungen auftreten. Ein weiterer Makel: Bei der ersten Biopsie wird der Krebs in rund 20 Prozent der Fälle nicht entdeckt, weil der Urologe bei der Gewebeentnahme an den oft verstreut liegenden Tumorherden vorbei sticht. Bisher gibt es noch kein bildgebendes Verfahren, mit dem Prostatakarzinome im Anfangsstadium sichtbar gemacht werden könnten. So wird die Biopsie oft mehrfach wiederholt, bis man den Krebs in der Gewebeprobe nachgewiesen hat.
“Wenn dann bei jeder Biopsie bis zu zwölf Gewebeproben entnommen werden, bleibt irgendwann von der Prostata nichts mehr übrig”, befürchtet Mischak. Mit dem Diapat-Test ließe sich die Zahl der Biopsien zum Wohl des Patienten verringern und damit zugleich eine Menge Geld einsparen, gibt er zu bedenken. Rund 500 000 Biopsien werden jedes Jahr in Deutschland vorgenommen. Eine einzelne Biopsie kostet rund tausend Euro – die Eingriffe sind also ein erheblicher Posten für die Krankenversicherungen.

Mischak hofft nun, dass die Studienergebnisse, die die Wirksamkeit des Diapat-Tests belegen, noch dieses Jahr veröffentlicht werden und die zweifelnden Urologen endgültig überzeugen. Kritiker wie Müller sind durchaus bereit dazu, ihre Meinung zu ändern: “Ich würde mich freuen”, sagt er, “wenn sich die Firmen-Angaben bewahrheiteten.”

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