Krebsfrüherkennung: Risiko der Überbehandlung

25. Oktober 2013
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Viele Ärzte informieren ihre Patienten nicht über das Risiko der Überdiagnose und Überbehandlung bei der Krebsfrüherkennung. So zumindest das Ergebnis einer aktuellen Studie.

Auf eine vor dem Brustkrebstod bewahrte Frau kommen etwa zehn überdiagnostizierte und überbehandelte Frauen. Dieses Statistikergebnis wurde bereits 2006 in einem Cochrane Review veröffentlicht und basiert auf den Daten von einer halben Million Frauen. Die meisten Patienten wissen jedoch nicht, dass dieses Risiko überhaupt besteht. Denn sie werden von ihren Ärzten nicht über das Risiko der Überdiagnose und der daraus resultierenden Überbehandlung als Folge der Krebsfrüherkennung aufgeklärt, wie eine aktuelle Studie des Harding Zentrums für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin zeigt.

„Überdiagnose ist das Auffinden von Pseudokrebs. Damit sind Gewebeveränderungen gemeint, die der pathologischen Definition von Krebs genügen, jedoch nie zu einem Tumor voranschreiten, der Symptome verursacht oder gar tödlich ist“, sagt Odette Wegwarth, die mit Gerd Gigerenzer die Studie leitete. „Die Überdiagnose resultiert dann häufig in unnötigen Operationen, Chemotherapien und Strahlenbehandlungen, die den Behandelten keinerlei Überlebensnutzen, dafür aber körperlichen und seelischen Schaden zufügen“, so Odette Wegwarth.

Kaum ein Arzt informiert richtig

Befragt wurden insgesamt 317 US-amerikanische Frauen und Männer im Alter von 50 bis 69 Jahren – die Altersgruppe, welche Krebsfrüherkennung am häufigsten nutzt. 83 Prozent der Befragten gaben an, eine oder mehrere Krebsfrüherkennungsmaßnahmen regelmäßig zu nutzen. Jedoch berichteten nur neun Prozent davon, dass ihr Arzt sie über die Möglichkeit der Überdiagnose und Überbehandlung im Vorfeld informierte.

Es fehlt den Patienten demnach an Wissen über das Risiko für eine mögliche Überdiagnose und Überbehandlung. Viele wissen weder, dass es besteht, noch was es bedeuten kann. Dabei ist der Wunsch nach Information da: So sagten 80 Prozent der Studienteilnehmer, dass sie über mögliche Schäden informiert werden möchten – und zwar, bevor sie sich einem Früherkennungsverfahren unterziehen. „Die Beratung der Ärzte stimmt nicht mit dem Informationsbedürfnis ihrer Patienten überein“, sagt Odette Wegwarth.

Ein tiefverankerter Glauben an Nutzen

Dass das Thema Krebsfrüherkennung jedoch kein rein rationales ist, zeigen weitere Studienergebnisse: Gut die Hälfte aller Befragten gab an, eine derzeit noch nicht genutzte Früherkennung nur dann beginnen zu wollen, wenn diese in nicht mehr als einer überbehandelten Person pro einer vor dem Krebstod geretteten Person resultiere. Sollten die Befragten jedoch die gleiche Entscheidung zu einem bereits genutztem Früherkennungsverfahren treffen, war die Mehrheit bereit, auch dann weiter an ihrer Früherkennung teilzunehmen, wenn diese in zehn überbehandelten Personen pro einer vor dem Krebstod geretteten Person resultiere. „Dieses Ergebnis weist darauf hin, dass viele Menschen einen tiefverankerten Glauben an den Nutzen der von ihnen bereits genutzten Krebsfrüherkennung haben, welcher selbst durch Negativinformation nur schwer zu erschüttern scheint“, so Studienleiterin Odette Wegwarth.

Originalstudie:

Overdiagnosis and Overtreatment: Evaluation of what physicians tell their patients about screening harms
Odette Wegwarth et al.; JAMA Intern Med, doi:10.1001/jamainternmed.2013.10363; 2013

33 Wertungen (4.67 ø)

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4 Kommentare:

warum regt mich dieser Laien-Beitrag so auf:
Beispiel Dickdarm-Krebs:
Dies ist bezogen auf beide Geschlechter der häufigste bösartige Tumor mit leicht steigender Tendenz, warum auch immer, in Richtung 10% der Gesammt-Bevölkerung an jährlicher Neuerkrankung, natürlich altersabhängig.
Entsprechend war früher die Mortalität kontinuierlich steigend bis ca. Anfang der 90ger Jahre mit über 30 Todesfälle /100000 Einwohner für Männer und über 20/100000 für Frauen JEDES JAHR. Seitdem geht sie zurück, AUSSCHLIEßLICH durch Früherkennung, also Vorsorgeuntersuchung ab einem gewissen Alter, wer vorher einen anderen Tod stirbt spart sich das.
Also DEUTLICHER Rückgang der Mortalität trotz steigender Morbidität NUR DURCH KREBSVORSORGE, bei Männern knapp 30% Rückgang, bei Frauen deutlich ÜBER 30% Rückgang, da sie bekanntlich mehr Vorsorge betreiben.
Denn selbst mit regionalen LK-Metastasen liegt die therapeutische Heilungsrate bei deutlich über 90%.
Nun haben wir aber immer noch zwischen 25000 und 30000 Todesfälle Pro Jahr.
Ist das nach dem gesagten nun eher ein Zeichen von zu viel oder zu wenig Krebsvorsorge???
Eine Preisfrage an alle.

mfG

#4 |
  1

Irrational scheint mir der ganze Beitrag, vielleicht so etwas wie Auftragsarbeit für die AOK?
Wie soll man denn bitte das mit der “Übertherapie” verstehen, wenn es nur um Vorsorge geht. Müssen alle Patienten auch Krebs bekommen?
Eine Diagnose eines Pathologen kann zunächst nur ein Pathologe beurteilen
und nicht eine “Bildungsforscherin”.
Wer soll Pathologen weiterbilden, oder Chirurgen, die sich auf Pathologen verlassen müssen?
Alles sehr fragwürdig.
Noch nicht einmal eine genaue Definition,
was “Überbehandlung” genau sein soll.
Medizinischer Fakt ist und bleibt für die weiter Zukunft der Krebsforschung,
dass immer noch fast eine Mehrheit von bösartigen Tumoren ZU SPÄT erkannt werden! Das sind dann Todesurteile.

mfG

#3 |
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Gast
Gast

Sehr geehrte Frau Schnatterzahn, wie in diesem sehr informativen Artikel beschrieben, gehören gerade Sie zu diesen Menschen die einen tiefverwurzelten Glauben in die derzeitige Chirurgie/Radio/Chemo-Medizin zu haben scheinen. Gerade darum geht es in diesem Artikel, um Irrationalität. Solange diese herrscht, wird sich unser Verständnis und Verhältnis zu Krebs nie ändern.

#2 |
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Ingeborg Schnatterzahn
Ingeborg Schnatterzahn

Ja — und dann ? Wenn sich raus stellt , daß eine OP oder Chemo doch besser gewesen wäre ?
Wer will die Verantwortung tragen dafür ?
Diese Odette Wegwarth ?
Es ist doch sowieso so , daß dadurch , daß in den Ambulanzen an Universitäten zumeist sehr junge , unerfahrene Ärzte als erste Anlaufstelle sind — sowieso Vieles nicht gesehen wird . Gar nicht zum Tragen kommt therapeutisch , wenns nicht direkt ins Gesicht springt .

Aber vielleicht ist das auch so um der Überdiagnose und Überbehandlung aus dem Weg zu gehen ^^
Glaube ich eher nicht .

Ich bin der Ansicht > so pauschal darf man das nicht sagen >> Überdiagnose und Überbehandlung .
Immerhin geht es um Menschenleben . Und jeder Mensch ist und reagiert anders .Qualifizierte Ärzte werden das genau so sehen .

Auch , wenn heute viele Ärzte Schubladendenken haben . Kriegen sie ja auch vielfach an der Uni so bei gebracht .
Merkt man ganz genau , wer da unterrichtet . Das kann in einem anderen Bundesland ganz anders sein .
Deswegen , so um 1990 ging man dann einfach in ein anderes Bundesland .
Das ist heute bei der Vernetzung nicht mehr so einfach als Kassenpatient .
Viele machen ja auch wegen dieser Defizite Urlaub im Ausland .
Niederlande ist für seine gute “Innere” schon lange bekannt .

Oder man geht nach Bewertung . Geht auch . Diese Ärzte sind natürlich gnadenlos überlaufen . Aber für einen guten Arzt warte ich gerne .
Vor allem ist dort auch die hier an gesprochene Aufklärung super . Ob — oder ob nicht
Ab Schulter abwärts ist das kein Ding , wo man sich operieren läßt .
Aber oberhalb merkt man schon den Unterschied von Zahnarzt oder Kieferchirurg . Sieht es auch an den Nähten .
In manchen Kliniken ist außer Chefarzt kein einziger Kieferchirurg .
Das ist richtig — diese Umstände sind überdenkenswert . Zumindest sollte man mal gucken , wie die anderen aussehen .

Beide Seiten haben somit Bedenken .

Wobei “Leben um jeden Preis” ja auch im Hinblick auf die soziale Komponente zum tragen kommt . Z.B bei Gesichtsoperierten .
Habe gelesen , das steigt an mit Krebs im Mund-Rachenraum .
Da ist z.B Früherkennung ganz wichtig .
Überhaupt ist Früherkennung wichtig . Und dann möglichst ohne den Zusatz “altersgerecht”
Zur Mammographie — Diagnostik setzt man bereits Blinde ein zwecks Abtasten . Nicht hier bei uns .
Hier bei uns wird auch “nur” nach Krebs geguckt . Anderes muß der hauseigene Frauenarzt entscheiden . Deswegen läßt man sich am besten die Bilder (CD) zuschicken . Geht zu einem Radiologen und bittet ihn — da drauf zu schaun .

Das ist so , was ich dieser Frau Odette Wegwarth entgegen zu setzen habe .

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