Dr. med. Web 2.0

11. Oktober 2007
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In Deutschland kaum zu finden, sind englischsprachige Ärzteblogs im Web bereits weit verbreitet. Der Weg zwischen authentischer Information und ärztlicher Schweigepflicht ist jedoch manchmal sehr schmal.

Die Blogosphäre breitet sich immer weiter aus. Auch Praxis- und Kliniktüren sind inzwischen kein undurchdringliches Hindernis mehr. Im Blogweb tummeln sich nicht mehr nur Patienten, die ihre tägliche Befindlichkeit über ihre Krankheit und den Umgang mit ihr und ihnen bekanntgeben, sondern in zunehmendem Maße auch die Behandelnden selber. In Deutschland ist der Ärzteblog noch nicht angekommmen. In der englischsprachigen Welt ist der bloggende Mediziner dagegen kein Exot mehr. Bloggende Mediziner n ihren Kollegen, aber auch Patienten Einblicke in Obskures, Ärgerliches oder auch Alltägliches. Allein das Verzeichnis www.medlogs.com listet fast 140 Ärzte mit eigenem Webtagebuch auf.

Patientenberichte immer verschleiern

Wie ein Artikel in der Tageszeitung “USA -Today” vom Mai dieses Jahres aufzeigt, muss aber auch bei der ärztlichen Alltags-Frust-Bewältigung die Schweigepflicht an oberster Stelle stehen. Val Jones, eine Bloggerin des amerikanischen Gesundheitsblogs “Revolution Health” beschreibt in einem Beitrag eine Patientin, der seit längerem im Koma lag und ihre Tochter, die fast rund um die Uhr an ihrem Bett wachte. “Als sie kurz zum Essen ging, kam ein junger Arzt, sah, dass es keine Hoffnung mehr gab, und drehte die lebenserhaltende Maschine ab.” Als die Tochter zurückkam, brach sie zusammen. Val Jones in ihrem Blog: “Die Schreie verfolgen mich noch heute.” Müssen Patienten nun befürchten, dass ihre Geschichte irgendwo im Netz auftaucht? Nicholas Genes, Notfallmediziner aus New York verteidigt seine Kollegen und Kolleginnen: “Die Details des Falls sind IMMER verschleiert! Wenn zum Beispiel jemand mit einem blutenden Finger kommt, ist es im Blog ein Zeh.”

Lauterbachs geschwärzte Buchseiten

Dass Beiträge in Blogs oder sogar geschlossenen Foren zuweilen zu Missverständnissen und Ärger führen können, zeigt sich im “Zweiklassenstaat”, dem neuesten Buch des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Für seine Thesen zitierte er passende Einträge aus den Foren des Ärzteportals “facharzt.de“: “Heute erfuhr ich vom Ableben eins langjährigen Patienten und ertappe mich dabei, wie ich mich freue, dass ich nun erheblich weniger Medikamente aufschreiben muss.” schreibt dort ein Augenarzt. Auch das ZDF griff die “heiße Story” zur Buchpräsentation in seiner Sendung “frontal21” am 12. Juni auf. Dass die Zitate verkürzt und als Satire gekennzeichnet waren, verschwieg der medienpräsente Buchautor sowie die ZDF-Redaktion. Das Landgericht Hamburg sorgte auf Antrag des Ärztenachrichtendienstes “änd” dafür, dass betreffende Zitate in der ersten Auflage geschwärzt wurden und in den folgenden herausgenommen wurden. Allerdings gab die Redaktion von facharzt.de auch zu, dass einige frühere Beiträge über Patienten auch “über das Ziel hinausgeschossen sind“.
Um Probleme dieser Art aus Ärzteblogs herauszuhalten, gibt es in Amerika bereits ein “Gütesiegel”, den “Healthcare Blogger Code of Ethics“. Dort verpflichten die Web 2.0.-Mediziner zu Richtlinien wie der Darstellung ihrer eigenen Kompetenz, Vertraulichkeit oder Verzicht auf persönliche Angriffe.

Deutsche Blogs im Aufwind

Ähnliche Richtlinien gibt sich auch eine der wenigen deutschen Blogsammlungen mit schreibenden Ärzten, die Themenblogs von Doccheck.de. Mit über zwei Jahren sind sie im Web 2.0 fast schon Methusalems. Im März 2007 wurden sie neu eingekleidet und erhielten Bewertungs-, Kommentar und Statistikfunktionen. Der geneigte Leser bekommt dort endlich auch hierzulande Insiderberichte und -kommentare über Klinik- und Praxisalltag, aber auch Stellungnahmen zur Gesundheitsreform aus ärztlicher Sicht.

Damit solche Medizinblogs in Deutschland nicht ein einsames Pflänzchen in der Wüste bleiben, möchte Hubert Burda mit seiner Mediengruppe mit Geld nachhelfen. “So früh wie möglich” will er die größte Wissenschafts-Community der USA mit 1,7 Millionen Besuchern jährlich ins heimische Web bringen, zusammen mit der Seed Media Group. Zum deutschen Ableger der “ScienceBlogs” werden sicher auch etliche Medizinblogs gehören. Vielleicht also bald mehr vom vom Innenleben in Kliniken, Praxen und Seelen deutscher Ärzte.

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