Am Bett mit OLGA

11. Oktober 2007
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Ein digitaler Assistent, der dem Arzt im richtigen Moment aus der Vielzahl von Leitlinien die für den Patienten richtige an die Hand gibt - für viele gestresste Mediziner bloße Vision. Doch Forscher am Fraunhofer Institut für Angewandte Informationssysteme (FIT) arbeiten mit Ärzten der Uniklinik Gießen an der Umsetzung dieser Vision in die Realität.

Warum OLGA?

“Die meisten technischen Systeme orientieren sich bislang nur an Verwaltungsnotwendigkeiten, nicht daran, was dem einzelnen Arzt bei seinen Entscheidungen helfen könnte”, beschreibt Martin Sedlmayr die Motivation für die Einführung eines neuen Systems am Krankenbett gegenüber DocCheck. OLGA – Online Guideline Assist – kann das nach Ansicht des FIT-Mitarbeiters ändern.

Bislang plagt Ärzte häufig die Qual der Wahl – insbesondere während des hektischen Alltags auf Intensivstationen: inzwischen gibt es eine Vielzahl von medizinischen Leitlinien, also systematisch entwickelte Handlungsregelungen- und Darstellungen, die Ärzten Entscheidungen über angemessene Maßnahmen für einen Patienten ermöglichen. Jede Fachgesellschaft gibt ihre eigenen Guidelines heraus, die Entwicklungsstufen dieser Leitlinien sind unterschiedlich ausgeprägt. Der Arzt muss, um dem Wohl des Patienten und den stetig steigenden Qualitätsanforderungen im Gesundheitswesen gerecht zu werden, möglichst schnell möglichst diejenige Leitlinie im Kopf haben, die ihm Diagnostik, Indikation, Therapie und Maßnahmen vorgibt. “Besonders in der Intensivmedizin sind Prozesse häufig schwerer zu beschreiben, langfristige Therapieziele- und Abläufe gehen durch viele ad hoc Anforderungen bei den Ärzten oft unter”, erklärt Dr. Rainer Röhrig die ärztliche Sicht. Röhrig leitet die Arbeitsgruppe Klinisches Datenmanagement in Anästhesiologie und Intensivmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen/Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH. Hier beschäftigt man sich bereits seit einigen Jahren als eine der wenigen Gruppen Deutschlands wissenschaftlich mit der Anwendung von Patientendatenmanagementsystemen (PDMS).

Wie OLGA funktioniert

Mit Hilfe solcher PDMS für die Anästhesie und Intensivmedizin integriert OLGA Erkenntnisse und Werkzeuge der Entscheidungsunterstützung, des Prozessmanagements und der klinischen Datenverarbeitung in einem System. Dabei bringt es praktische Beispiele basierend auf etablierten Standards in die Anwendung. Wirft der Arzt am Krankenbett einen Blick in die Patientenakte, kann er darauf – farblich codiert – die OLGA-Empfehlungen ablesen. Dabei bemerkt er OLGA kaum, denn der Assistent arbeitet vollständig im Hintergrund und nutzt die Benutzeroberfläche und Funktionalität des PDMS.

Bei den Empfehlungen handelt es sich in erster Linie um standardisierte Arbeitsanwendungen, sogenannte Standard Operating Procedures (SOPs), der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin und des Berufsverbands Deutscher Anästhesisten. Bei einem ersten Testdurchlauf ging es beispielsweise darum, Patienten von der Langzeitbeatmung zu entwöhnen. Auch hierfür gibt es entsprechende Handlungsempfehlungen. “OLGA unterstützt den Arzt, in dem es die Zeitpunkte für notwendige Untersuchungen einträgt und in Abhängigkeit der Ergebnisse weitere Schritte bis zur Extubation in die Patientenakte einträgt”, erklärt Sedlmayr den Vorgang. Bei allen bislang gemachten Testdurchläufen half der Projektgruppe nicht zuletzt die Tatsache, dass durch das PDMS bereits alle Patientendaten auf der Intensivstation digital verfügbar waren.

Bald nur noch mit OLGA?

Ganz ohne Murren innerhalb des ärztlichen Kollegiums läuft die Einführung von IT-Lösungen jedoch nie ab. “Schließlich haben einige Ärzte eine Urangst, durch Systeme wie OLGA wegrationalisiert zu werden”, weiß Röhrig. Nicht ganz zu unrecht: die System- und Innovationsforschung nimmt zu, es eröffnen sich zunehmend neue Möglichkeiten für Informationstechnologie im Gesundheitswesen. Dabei sind viele IT-Möglichkeiten nicht nur für Patienten sinnvoll, sondern lohnen sich auch finanziell für das jeweilige Krankenhaus. Röhrig hält Ängste einiger Kollegen zwar für nachvollziehbar. “Wir sollten aber nicht vergessen, dass Computer nicht denken können und Ärzten lediglich durch ein optimiertes Informationsmanagement helfen.” Entscheidend ist aus Sicht des Mediziners, Ärzte vor der Anwendung von IT-Lösungen zu schulen. “Ihnen muss klar sein, warum OLGA eine Entscheidung wie vorgibt”, glaubt der IT-Experte.

Ob OLGA sich in der Praxis bewähren wird, entscheidet sich während der Evaluationsphase. Diese beginnt Anfang 2008, voraussichtlich – wie die Testphase – unterstützt von Geldern der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Dann testen am Projekt beteiligte Ärzte auf der Intensivstation anhand aktueller Stationsdaten, ob der digitale Assistent hält, was er verspricht. Ist das der Fall, soll der Prototyp in der klinischen Routine eingesetzt werden. OLGA könnte also in nicht allzu ferner Zukunft an vielen Patientenbetten zum Einsatz kommen. Und Ärzten den oftmals bitteren Alltag ein wenig versüßen.

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