Darmkrebs: ASS in aller Munde

6. November 2013
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Bereits seit 45 Jahren gibt es Hinweise darauf, dass ASS bei Darmkrebs helfen kann. Welche Darmkrebspatienten offenbar von geringen, täglichen Dosen ASS profitieren, haben Wissenschaftler nun herausgefunden.

Auf dem European Cancer Congress, der vom 27. September bis 1. Oktober in Amsterdam stattfand, berichteten Wissenschaftler, warum Aspirin offenbar manchen Patienten mit Darmkrebs zu einem längeren Überleben verhelfen kann, anderen jedoch nicht. Wahrscheinlich spielt ein Oberflächenprotein auf den malignen Zellen dabei eine entscheidende Rolle. Im Visier der Wissenschaftler steht HLA Klasse 1 (Human Leukocyte Antigen class I), ein Zelloberflächenprotein, das von einer Reihe von Genen produziert wird, die alle an der Aufrechterhaltung des Immunsystems beteiligt sind.

Blutplättchen tarnen Krebszellen

Dr. Marlies Reimers von der Universität Leiden in den Niederlanden erklärte die Hintergründe: „Wir vermuten, dass die Blutplättchen daran beteiligt sind, Krebs im Körper auszubreiten. Sie schirmen die Krebszellen im Blut quasi vor dem Immunsystem ab, sodass sie sich unerkannt in fremden Organen ansiedeln können. ASS könnte dabei helfen, diese Tumorzellen zu demaskieren, indem es die Blutplättchenformation beeinflusst. Dann kann das Immunsystem die Tumorzellen wieder erkennen und eliminieren.“

Retrospektive Studie

Dr. Reimers und ihre Kollegen stellten in einer retrospektiven Studie Untersuchungen an Patienten an, die nach ihrer Darmkrebs-Diagnose ASS eingenommen hatten, zwischen 1998 und 2007 in der Eindhoven-Krebskartei registriert waren und älter als 70 Jahre waren. Dabei prüften sie in 999 Fällen, in welchem Ausmaß der Oberflächenrezeptor HLA-1 und das Enzym COX-2 bei den Patienten vorhanden waren. Außerdem isolierten die Forscher DNA aus 663 Tumoren, um sie auf Mutationen im PIK3CA Gen zu untersuchen. Denn sowohl das Vorhandensein des Enzyms COX-2, als auch Mutationen im PIK3CA Gen wurden bereits mit der Entstehung von Darmkrebs in Verbindung gebracht. Außerdem ist bekannt, dass ASS das Enzym COX-2, welches bei etwa 70 % aller Darmtumoren vorkommt, in seiner Funktion hemmt.

Oberflächenprotein HLA-1 offenbar ausschlaggebend

Die Auswertungen der Wissenschaftler zeigten, dass nur diejenigen Patienten von der Einnahme geringer Dosen ASS (80 mg pro Tag) profitierten, deren Tumoren HLA-1 auf ihrer Oberfläche trugen. Nahmen diese Patienten ASS ein, verringerte sich ihre Wahrscheinlichkeit in den nächsten vier Jahren zu versterben auf die Hälfte — verglichen mit Patienten, deren Tumorzellen ebenfalls HLA-1 exprimierten, die aber kein ASS einnahmen. Bei Patienten, die überhaupt kein HLA-1 aufwiesen, trat dieser Effekt nicht auf. „HLA-1 könnte daher als Biomarker herangezogen werden, an dem festgemacht werden kann, welche Patienten nach einer Darmkrebsdiagnose von der ASS-Einnahme profitieren können“, so Dr. Reimers. „Unsere Ergebnisse zeigen außerdem, dass das Vorhandensein von COX-2 und Mutationen im PIK3CA Gen offenbar nicht im Zusammenhang mit einer ASS Therapie stehen.“ Seither hatte man genau das Gegenteil angenommen.

ASS: präventiv gegen Darmpolypen

Doch Patienten mit einer starken COX-2-Expression hatten keinerlei Überlebensvorteil gegenüber Patienten mit einem geringen COX-2-Vorkommen. Daraus schließen Dr. Reimers und ihre Kollegen, dass ASS auf zwei verschiedenen Wegen gegen Darmkrebs wirkt: Einerseits präventiv, andererseits über die Kontrolle von Metastasen. Dazu Reimers: „Der erste Weg läuft über PIK3CA-Mutationen und die COX-2 Expression. Dieser Weg scheint bei der Prävention von Darmkrebs von Bedeutung zu sein. Vererbungsstudien haben gezeigt, dass ASS helfen kann, den Ausbruch von Darmkrebs zu verhindern, indem es die Bildung von Polypen im Darm reduziert. Darmpolypen sind oft die Vorstufen von Krebs und ihre Entstehung wird mit Mutationen in PIK3CA und der Expression von COX-2 in Verbindung gebracht.“

Ein Blick auf die Nebenwirkungen von ASS

Der zweite Weg betreffe die Metastasierung und hänge mit den Blutplättchen zusammen, so Reimers. „Im Moment zwar noch reine Spekulation, aber es könnte durchaus sein, dass das Zusammenspiel von Blutplättchen mit HLA-positiven Tumorzellen, die im Blut zirkulieren, das metastasierende Potential der Krebszellen erhöht. ASS stört dieses Zusammenspiel und verhindert dadurch die Bildung von Metastasen, die letztendlich zum Tod des Patienten führen.“ Die Wissenschaftler um Dr. Reimers verweisen auf weitere Studien, die ihre Erkenntnisse möglicherweise stützen könnten. In Großbritannien und Asien läuft bereits eine multizentrische, randomisierte Studie der Phase III (ASCOLT Study), die die Wirkung von Aspirin auf Patienten mit Darmkrebs untersuche. Trotz aller Euphorie lohne auch ein Blick auf die Nebenwirkungen von ASS. Shih-Wei Lai von der School of Medicine der China Medical University in Taichung, Taiwan betonte in seinem Kommentar zur Studie außerdem, dass das Risiko von ASS, Blutungen zu verursachen, stets mit dem möglichen Nutzen des Wirkstoffs bei Darmkrebs abgewogen werden sollte.

232 Wertungen (4.58 ø)

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12 Kommentare:

Dr. med Horst Pöhlmann
Dr. med Horst Pöhlmann

Nun hat man endlich begriffen, dass Aspirin nicht vor Herzinfarkt schützt. Ja mehr noch, dass es Pancreas Ca. erzeugt. Und schon kommt es als neues Wundermittel gegen Darmkrebs zurück. Wann wird man es auch noch als Möbelpolitur empfehlen. Für nahezu alles andere soll es ja schon gut sein. Da klingt der Kommentar von Herrn Krabbe schon vernünftiger. Wenn man Giftstoffe ißt, die Krebs erzeugen (Glutamat, Azo Farbstoffe, Natriumnitrit usw) und diese auch noch länger auf die Darmwand einwirken, weil man wegen fettarmer Nahrung auch noch Verstopfung hat, ist der Darmkrebs wahrscheinlicher. Wie wäre es mit einer Studie über Hydrazinsulfat, Caesiumchlorid, DMSO oder andere als wirksam bekannte Krebsmittel? Ach ja, an Hydrazinsulfat soll EIN Patient gestorben sein – allerdings wurde nie bewiesen, dass er das Mittel überhaupt genommen hat. Ob uns da wohl jemand wieder einen alten Ladenhüter verkaufen will?

#12 |
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Dr. Klaus Richter
Dr. Klaus Richter

In letzter Zeit gab es öfter überraschende NW bei vermeintlich harmlosen Substanzen. Z.B. Antioxidantien (Vit. E) oder Calcium bei Osteoporose. Es gibt leider keinen Königsweg. Erst die prospektiven Langzeitergebnisse werden uns Aufschluss geben, was richtig ist.

#11 |
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Alexander Krabbe
Alexander Krabbe

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Teil des Lebenswerks des englischen Epidemiologen Dennis Burkitt (1911-1993). Seine Beobachtungen in Afrika zeigten, dass es dort kaum Darmkrebs gab, auch bei alten Menschen. Wissenschaftlich wurde und wird die geringere Inzidenz von Darmpolypen und Darmkrebs in Afrika auf die in Afrika geringere Kontaktzeit der Stuhlballen mit dem Darmgewebe zurückgeführt, bei einer täglichen Stuhlfrequenz von 2-3 Defäkationen pro Tag bei den beobachteten afrikanischen Populationen, was wohl auch die Kontaktzeit potenzieller Karzinogene mit der Darmschleimhaut reduziert.

Auch hängt die geringere Kontaktzeit weniger prozessierter Nahrung (einschließlich Rohkostanteile an der Nahrung) scheinbar mit einer Senkung des Cholesterinspiegels unter osmotischer Herauslösung des ansonsten im enterischen Kreislauf gebundenen Cholesterins zusammen.

ASS mag eine gute Ergänzung zu der oben beschriebenen Primärprävention sein. Allerdings sollte, wie auch schon im Artikel richtigerweise beschrieben, das Nebenwirkungsprofil von ASS nicht außer Acht gelassen werden, sowohl, was die erhöhte Blutungsneigung betrifft, als auch die problematische Wirkung kumulativer ASS-Dosen auf die Magenschleimhaut.

#10 |
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Sorry, SELBSTVERSTÄNDLICH Damen und Herren1

#9 |
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Sehr geehrte Frau Schmitzer, liebe Herren positiv denkenden Kollegen!

Jetzt fehlt doch nur noch eine eindeutige Klärung und Auflistung der HLA-1 exprimierenden malignen Tumoren, oder?

#8 |
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Prof. Dr. Stefan Dove
Prof. Dr. Stefan Dove

Wenn man jede medikamentöse Therapie mit Nebenwirkungen oder unbekanntem Wirkungsmechanismus ausschließt, ist man schnell in der Nähe von unterlassener Hilfeleistung… So viel Ignoranz bei einer Ärztin? Bitte erst mal lesen (!) und vielleicht auch die Links anklicken, ehe man sich anhand von wohlfeilen Schlagwörtern ein Vorurteil bildet.

#7 |
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Ingeborg Schnatterzahn
Ingeborg Schnatterzahn

Sehr interessanter Artikel
Danke dafür
Werde auch den Querverweisen nachgehen .

Habe gelesen — OPC wirkt ähnlich wie ASS
Aber man kann ja Beides :-))

#6 |
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Es gibt zum Thema ASS und Überlebenszeit bei soliden Epithelialtumoren nicht nur diese Publikation. Wenn man sich die Mühe macht, einmal bei MEDLINE oder Scholar Google die entsprechenden Keywords einzugeben, dann wird man ohne große Mühe fündig. Um es vorweg zu nehmen: Auch diese Publiaktionen zeichnen ein ähnlich positives Bild. Und das sind keine Artikel aus dem “Metall Hammer” oder “Wild & Hund”.. ;-)
Als Praktiker sehe ich bei 80mg ASS auch langfristig nur ein geringes NW-Risiko in Relation zum möglichen Benefit. Gerade auch, wenn man einmal zum Vergleich z.B. Tamoxifen bzw. Aromatasehemmer heranzieht in der Nachsorge nach hormonsensitivem Mamma-CA, heranzieht.
Warum also warten? Bis sich das Ganze weltweit und in großen Studien als effizient gezeigt hat? Wie viele Jahre dauert das? Wie viele Leben könnte man in dieser Zeit für ein paar Cent und in Inkaufnahme eines wirklich geringen Risikos retten?
Diese Relation sollte man auch bedenken – finde ich jedenfalls.
Aude sapere!

Dirk-Rüdiger Noschinski

#5 |
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Es war doch schon immer so in der Medizin, dass man manche Vermutungen nach einger Zeit bestätitg bekommt und andere widerufen muß. Ich finde diesen Artikel seriös und wissenschaftlich in Ordnung. Nur zu kritisieren kann jeder Dumme.

#4 |
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Das haben Untersuchungen und Studien so an sich, daß bis zum Beweis alles nur Vermutungen sind, weshalb das Studiendesign auch immer mit einer These aufgestellt werden.
Immerhin besteht die retrospektive Studie nicht mit 50 Probanden, wie viele von “Pflanzlichen Mitteln”, Salben oder anderes, sondern mit ca 1000 Probanden. Und es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem Nutzen von ASS bei HLA-1 besetzten Tumoren/Metastasen. Sterberisiko-Reduktion von immerhin 40% in 4 Jahren. Welches tausendfach teurere Chemotherapeutikum schafft dies nur annähernd?! Und das mit erheblich größeren Nebenwirkungsprofilen.Warten wir die ASCOLT Studie ab, bevor wir hier alles nur kritisieren und nur wieder Pharmamanipulation wittern.
Liebe Kollegin Wegener, ich halte es nicht für reine Spekulation, was schon seit Jahren vermutet wird. Und was heißt Stichwort “Nebenwirkungen”? Verordnen Sie noch NSAR oder Coxibe? Immerhin geht es hier nicht um eine Erkrankung, die “nur” Befindlichkeitsstörungen oder Schmerzen auslöst!
Außerdem bewirken lt. eines damals mitforschenden Bayer-Chemikers 500mg ASS pro Woche wohl den gleichen Effekt bzgl der Thrombozytenaggregationshemmung wie tgl 75-100mg. Was macht ASS 500mg 1x pro Wo für NW?

#3 |
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Brigitte Gotter
Brigitte Gotter

Wieder mal nur Statistik….. und ob da noch weiteres zur Untersuchung für Jedermann folgt ???

#2 |
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Die entscheidenden Stichworte sind “vermuten”, “reine Spekulation” und “Nebenwirkungen” – damit erübrigt sich doch wohl jeder weitere Kommentar. Wieder einmal ein völlig überflüssiger und auch völlig unkritischer Artikel.

#1 |
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