Ab ins kalte Wasser!

16. Oktober 2007
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Alle Studenten vor euch mussten da durch, alle Studenten nach euch müssen auch durch. Aller Studienanfang ist schwer! Damit ihr wisst, welche Hürden ganz normal sind und wie man galant darüber hüpft, haben wir mir älteren Studenten gesprochen...

Am Anfang steht die Immatrikulation. Doch dann? Was erwartet einen in den Hörsälen? Es gibt tausend Fragen. Wir haben uns mit Volker Kempff und Doreen Ernste getroffen, um die wichtigsten und häufigsten Probleme hier anzusprechen und zu klären, um Angst zu nehmen und eine kleine Starthilfe zu geben…

MS = Medizinstudent.de

MS: Hallo Doreen, hallo Volker! Schön, dass Ihr ein paar Minuten Zeit habt, um mit uns dieses Interview zu machen. Wir interessieren uns für die Schwierigkeiten, Hindernisse, Ängste und Probleme, die einen Jungstudenten in den ersten Tagen an der Uni erwarten. Wie sah das denn bei Euch so aus, als Ihr in der ersten Woche vor all diesen neuen Eindrücken und Herausforderungen standet?
Doreen: Ok…bei mir ist das ja schon ein bisschen her, aber ich kann mich noch sehr gut an den Schock erinnern. Ich hatte den Nachteil, dass ich noch keinen Menschen an der Uni kannte und sich in den Tagen vor Studienbeginn aber schon viele Grüppchen gebildet hatten. Für mich war es sehr schwer, hier Anschluss zu finden, da ich eh nicht so der super kontaktfreudigste Mensch bin.
Volker: Bei mir war das recht ähnlich. Ich hatte zwar schon im Vorfeld Kontakt zu einem Mitstudenten geknüpft – witzigerweise über das Forum Eurer Homepage (lacht), aber dieser war dann unglücklicherweise nicht in meinen Kursen. Eine große Hilfe war für mich diesbezüglich die Einführungswoche, welche die Uni angeboten hat. Hier habe ich viele Leute kennen gelernt – auch einige, die ich dann später in meinen Kursen wieder getroffen habe. Mein Tipp wäre auf alle Fälle: Die Einführungswoche ist weder spießig noch langweilig. Macht unbedingt alles mit, was angeboten wird; auch Stadtrallye und Kneipentour. Wichtig ist auch, bei den Führungen in der Uni und auf dem Campus dabei zu sein. Viele Gebäude sucht man sonst in den ersten Wochen vielleicht vergeblich. Viele Unis sind total unübersichtlich und verschachtelt. Da ist es gut, wenn man einen ersten fundierten Überblick bekommen kann.

MS: Was für Fallen seht Ihr noch so?
Volker: Nun gut… ein altbekanntes Thema sind auch die Lehrbücher und der Kauf der selbigen. Die Professoren listen während ihrer Einführungsvorlesungen pro Fach zirka 5 "ganz wichtige" Standartwerke auf, die man am besten alle gelesen haben sollte. Und da gibt es dann echt Leute, die sich danach sofort im Buchladen die ganzen Wälzer zulegen. Das ist ein ganz großer Fehler! Alle Bücher – selbst Atlanten oder tabellarische Literatur – müssen vorher in der Bibliothek kritisch gegengelesen werden. Jeder hat nämlich einen anderen Zugang zu Büchern und deren didaktischer Leistung. Wenn ich mir zum Beispiel einen Atlas kaufe, in den ich nicht gerne schaue, weil er mir von der Aufmachung und der Didaktik her nicht gefällt (und das sehe ich auf den ersten Blick im Buchladen vielleicht noch gar nicht), habe ich locker mal eben 40 bis 50 Euro in den Sand gesetzt. Wenn man kein Kind reicher Eltern ist, kann das empfindlich weh tun!
Doreen: Diese Erfahrung musste ich leider auch machen! Zudem hängen an den schwarzen Brettern oft Aushänge von höheren Semestern, die ihre Vorklinik-Bücher verkaufen. Die meisten Sachen sind eigentlich in tadellosem Zustand. Man muss nicht alles neu kaufen!

MS: Das ist interessant! Kommen wir jetzt mal zum eigentlichen Thema, nämlich dem Studium als solches. Was für Fallen gibt es hier, in die ein junger Studierender tappen kann?
Doreen: Gut, hier gibt es natürlich unzählige Dinge zu beachten. Ich kann nur wieder aus eigener, leidvoller Erfahrung berichten: Man sollte tunlichst aufpassen, dass man sich nicht zu viel Ballast aufhalst. Das möchte ich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Ich war im ersten Semester hoffnungslos überfordert. Obwohl ich mit einem sehr guten Abi direkt von der Schulbank gekommen war, hat mich der Stoff quantitativ erst mal völlig überfordert. Dann habe ich begonnen, Prüfungen und Klausuren zu "schieben". Das bedeutet, dass ich meist erst zu den zweiten Versuchen angetreten bin, um mehr Zeit zum Lernen zu haben und um einfach meine "Fehlversuche" nicht zu vergeuden. Das hat letztendlich aber dazu geführt, dass sich immer mehr Dinge überschnitten haben. Zum Beispiel musste ich einige Anatomie-Testate nachholen, während schon der Physikkurs stattfand. Da ich in Physik aber auch recht schwach war, musste ich parallel mehrere Dinge simultan vorbereiten und lernen. Das hat dazu geführt, dass ich mich nie wirklich auf ein Thema konzentrieren konnte und in immer größeren Stress geriet. Mein Tipp also: Bekommt keine Angst vor dem Stoff und versucht immer, Eure Scheine "in time" zu absolvieren. Die scheinbare "Mehrzeit", die Ihr Euch durch solche Aktionen, wie ich sie gerade geschildert habe, wegmogelt, ist kein Gewinn. Ihr geratet vielmehr in einen Teufelskreis, aus dem man fast nicht mehr ausbrechen kann. Ich habe das schlussendlich für mich so geregelt, dass ich sämtliche sinnbildlichen "Backsteine", die ich noch im Rucksack mit mir herumschleppen musste, in meiner vorlesungsfreien Zeit abgearbeitet habe, um im neuen Semester mit reiner Weste und ohne "Altlasten" dazustehen.
Volker: Oh je…das kenn ich auch nur allzu gut! Ich kann Doreen hier nur völlig recht geben!

MS: Das ist wirklich ein guter Tipp! Was gibt es sonst noch, das Euch spontan einfallen würde?
Volker: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass einem an der Uni eigentlich nie jemand wirklich etwas böses will. Die Einstellung "Hier kann mich eh keiner leiden, und die Uni will die Schwachen sowieso so früh wie möglich aussortieren" hat sich nach meiner Erfahrung nach jedenfalls als haltlos erwiesen. Ganz im Gegenteil: Die Professoren (jedenfalls die meisten), sowie das Dekanat und die ganzen Studiensekretariate haben eigentlich immer ein offenes Ohr und wollen einem nichts schlimmes antun. Wenn man also Kummer oder gravierende Schwierigkeiten mit dem Studium hat, sollte man nicht zögern (oder sich gar schämen), mit den Zuständigen darüber zu reden. Ein Hineinfressen der Sorgen und Nöte hilft nicht weiter – und die Lehrkörper und Verantwortlichen an der Uni sind sogar dankbar, wenn sie hin und wieder ein Feedback zu ihren Leistungen erhalten. Einfach ausprobieren!
Doreen: Das sehe ich auch so. Und ganz wichtig – sozusagen als passendes Schlusswort, wenn Ihr so wollt – möchte ich gerne noch anfügen: Das Studium ist nicht das ganze Leben! Vergesst Eure Freunde, Partner und Eltern ja nicht über den Büchern! Nehmt Euch auch hin und wieder eine Pause oder kleinere Auszeit, wenn Euch danach ist. Und selbst wenn etwas aus dem Ruder laufen sollte – es gibt keinen Grund, die Flinte vorzeitig ins Korn zu werfen. Durch das Medizinstudium sind schon so viele Tausende und Abertausende vor Euch und uns gegangen…warum wir und Ihr nicht auch?!

MS: Dem bleibt ja wirklich nichts mehr hinzuzufügen! Ich danke Euch für das Gespräch und wünsche Euch noch viel Spaß und Erfolg im Studium!

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