Apotheker spielen Arzt

23. Oktober 2007
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Diabetes-Test, reisemedizinische Beratung, Arzneimittelkontrolle, Hausbesuche: Immer häufiger wildern Apotheker und Krankenschwestern in genuin ärztlichen Gefilden. Das ist zumindest der Eindruck, den viele Ärzte haben. Doch stimmt er auch?

Wer wollte, konnte sich Ende September wieder einmal bestätigt sehen: Per Pressemeldung teilte die in Deutschland inzwischen als Quasi-Franchise-Kette auftretende Celesio-Tochter DocMorris mit, dass künftig in all ihren Filialen ein standardisierter Diabetes-Risikotest angeboten werde. Zwar messen auch heute schon Apotheker landauf, landab den Blutzucker . Der Risikotest von DocMorris allerdings geht doch darüber hinaus. Denn erstens ist er nur der erste Schritt eines umfangreicher geplanten Gesundheitsprogramms, das künftig in allen DocMorris-Apotheken zu Minimalpreisen – der Diabetes-Check kostet einen symbolischen Euro – angeboten werden soll. Und zweitens handelt es sich bei dem DocMorris-Diabetes-Test nicht nur um einen simplen Bluttest, sondern um eine Anamnese per Fragebogen inklusive Blutzucker- und Blutdruckbestimmung. “Anhand dieser Daten können dann das individuelle Diabetesrisiko bestimmt und entsprechende Handlungsempfehlungen gegeben werden”, heißt es in einer Mitteilung lapidar.

Reisemedizinische Beratung reloaded

“Risiko bestimmen”, “Handlungsempfehlungen geben” – das klingt ohne Zweifel nach ärztlicher Tätigkeit. Luchsen die Apotheker den Ärzten jetzt Kunden ab? Immerhin sind Risikotests potenzielle individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL ) und damit unter Umständen bares Geld wert. Nicht wenige Ärzte sehen sich in dieser Hinsicht ohnehin als gebrannte Kinder: “Ich mach mir da schon Gedanken. Immerhin haben die Apotheker uns auch schon bei den reisemedizinischen Beratungen Konkurrenz gemacht”, klagt ein Berliner Hausarzt, der nicht öffentlich genannt werden möchte. Beim DocMorris-Diabetes-Programm freilich dürften solche Sorgen eher unbegründet sein. Denn jeder Kunde mit auffälligem Befund wird sich ohnehin auf den Weg zum Arzt machen. “Unsere Beratungsleistung kann und will keinen Arzt ersetzen”, beeilt sich auch DocMorris-Vorstand Thomas Schiffer zu versichern. Ziel sei es vielmehr, ein qualitativ starkes Apotheken-Partnerkonzept auf dem deutschen Markt zu etablieren. Um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen, hat sich Schiffer mit dem ärztlichen Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, Professor Stephan Martin, einen renommierten Schirmherren mit ins Boot geholt, der von ärztlicher Seite Schützenhilfe gibt: “Da der Diabetes zu Beginn der Erkrankung ohne spezielle Beschwerden bleibt, weisen die Betroffenen bei einer ärztlichen Diagnose häufig bereits schwere Folgeerkrankungen auf”, so der Experte, der aus diesem Grund die Initiative begrüßt.

Der Arzt: Existenzkampf an allen Fronten?

Ob das ausreicht, um skeptische Ärzte zu beruhigen, ist zweifelhaft. Was, wenn es nicht beim Blutzucker bleibt? Ein Apotheker beispielsweise, der mit Labors kooperiert, um Arzneimittelmonitoring zu betreiben, wäre für Ärzte schon eher “budgetrelevant”. Auch kardiovaskuläre Risikochecks – eine beliebte IGeL-Leistung – ließen sich dank moderner Technik zumindest teilweise in die Apotheke verlagern. Die Blutfette sind dort ohnehin schon angekommen. Zu Recht oder Unrecht, Ärzte sehen sich heute von den unterschiedlichsten Berufsgruppen belagert, die sich, so der Eindruck einiger, zunehmend aggressiv ein Stückchen vom ärztlichen Kuchen abschneiden möchten.

Es geht dabei um Geld, aber auch um das medizinische Wohl der Patienten. Apotheker beispielsweise, die Kunden so genannte Schnarchbremsen verkaufen, verdienen daran gut. Ärzte kritisieren, dass das “Herumapothekern” am Symptom Schnarchen eine weitergehende Diagnostik verzögert und so beispielsweise die Komplikationen reduzierende Therapie eines obstruktiven Schlafapnoesyndroms verhindert. Auch von zunehmend professionell auftretenden Krankenschwestern fühlen sich einige Ärzte bedrängt. Die “Gemeindeschwester Agnes” beispielsweise, mit der einige Bundesländer im Osten der Republik auf den Ärztemangel reagieren, beschäftigt mittlerweile selbst obere Verbands-Chargen: “Wir müssen aufpassen, dass nicht durch die Hintertür eine neue Versorgungsebene in Konkurrenz zur ärztlichen Versorgung eingeführt wird”, sagt beispielsweise Regina Klakow-Franck, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Bundesärztekammer.

Oder doch eher Gefecht gegen Windmühlen?

Das Beispiel zeigt freilich auch, dass viel Bauchgefühl im Spiel ist. Tatsächlich klammern sich deutsche Ärzte an eine ganze Reihe von Tätigkeiten, bei denen sich Ärzte in anderen Ländern freuen, wenn sie sie los sind. Vom Hausbesuch über die intravenöse Injektion bis selbst zur Akutversorgung von Patienten mit banalen Infekten reicht in den Nachbarländern das Spektrum dessen, was von Ärzten allenfalls noch beaufsichtigt, nicht aber selbst durchgeführt wird. Wer praktische Erfahrung damit hat, will die Arbeitsentlastung in aller Regel auch gar nicht mehr missen. Ein Arzt, der – wie auf Rügen – eine Krankenschwester mit Tablet-PC auf Hausbesuche schickt, sieht sich nicht in einer Konkurrenzsituation zur Schwester. Sie ist sein verlängerter Arm. Professor Wolfgang Hoffmann von der Universität Greifswald, der Initiator des Projekts, hat auch genau das im Sinn: “Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir eine qualitativ hochwertige hausärztliche Versorgung auf dem Land künftig aufrecht erhalten können. Die Tele-Gesundheitsschwester ist hierzu ein möglicher Ansatz.”

Kooperation ist auch das Stichwort, wenn es um das Verhältnis von Ärzten und Apothekern geht. Apotheker beispielsweise, die nicht Schnarchbremsen verkaufen, sondern telemedizinisches Equipment ausgeben, an dessen Auswertung dann auch ein Schlaflabor beteiligt ist, nehmen Ärzten nichts weg. Eher helfen sie ihnen, mit begrenzten Kapazitäten mehr Patienten adäquat zu versorgen. Auch der Apotheker als Medikationsmanager macht nicht nur logistisch, sondern auch medizinisch Sinn. Denn seine Informationen zu den Arzneimitteln sind schon wegen der OTC-Präparate eher vollständig als die eines einzelnen Arztes. Fazit: Wer weniger Stress will, muss auch loslassen können. Und wenn es richtig gemacht wird, leidet auch da keiner drunter.

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