Mein Körper, meine Grenzen

25. Oktober 2007
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Angst, Enttäuschung und schlimmstenfalls Übergriffe führen oft dazu, dass sich geistig und körperlich Behinderte für ihre Sexualität schämen. Deshalb ist es wichtig, früh und richtig aufzuklären. Drei Sexualberater für behinderte Menschen - zwei davon selbst körperlich behindert - erzählen im Gespräch mit DocCheck, worauf es bei der Aufklärung ankommt.

Sexualität, weiß Wiebke Hendeß, ist ein Bereich, in dem es viel zu lernen gibt. Durch ihre eigene Behinderung – Hendeß ist durch progressive Muskeldystrophie körperbehindert – weiß die Diplombiologin, wie schwierig dieser Lernprozess ist. Insbesondere für Menschen mit einer Lernschwäche. Schließlich werden Behinderten bei vielen Dingen unsichtbare Grenzen aufgezeigt, Selbstverständliches wird zum Kraftakt. Oder vielleicht sogar ganz unmöglich.

Seit einigen Jahren arbeitet die 36-Jährige als Sexualberaterin für behinderte Menschen. Darüber hinaus hält sie Vorträge an Schulen, in Selbsthilfegruppen oder auf Rehabilitationsmessen. Denn Sexualität und Behinderung, sagt sie, "ist ein Tabu-Thema, das Aufklärung braucht". Dabei klärt sie Eltern auf, die das Thema Sexualität bei ihren behinderten Kindern am liebsten umgehen würden. Sie berät aber auch Gleichbetroffene, wenn es um Themen wie Verhütung, Wege zur Befriedigung oder um Schwangerschaft geht.

Aufgaben von Eltern und Betreuern

Was Eltern von behinderten Kindern wissen sollten: "Sie sollen sich trauen, die Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen", empfiehlt Hendeß. Medikamente gegen Lust oder Totschweigen von Sexualität seien der völlig falsche Ansatz. Auch sei es falsch, behinderte Kinder für ihr Masturbieren in der Öffentlichkeit zu bestrafen. Hier hält Hendeß es für die Aufgabe der Eltern oder einer Bezugsperson im Wohnheim, Regeln in Ruhe zu erklären und festzuschreiben. Zudem bräuchten behinderte Kinder und Jugendliche Freiräume und Hilfsmittel, um ihre Sexualität erstmals erleben zu können. Eine Möglichkeit ist nach Ansicht der Sexualberaterin, Kinder oder Jugendliche ab und an etwas länger in der Badewanne zu lassen und den Raum zu verlassen. Oder aber Massage-Düsen anzubringen und Sex-Spielzeuge zu kaufen, sollten aufgrund der körperlichen Behinderung Probleme mit dem Anfassen bestehen.

Aufgabe der Eltern oder der Betreuer in Wohnheimen sollte es Hendeß zufolge auch sein, Körperteile zu erklären, die Menstruation zu beschreiben oder über Verhütung zu sprechen. Vor allem dürfe man abhängig vom Grad der Lernbehinderung nicht müde werden, diese Dinge wieder und wieder zu erklären. Bis die Bedeutung irgendwann angekommen sei. "Doch leider", erzählt die Sexualberaterin, "begegne ich immer wieder Frauen mit Mitte 30, die sich noch nie in ihrem Leben im Intimbereich berührt haben."

"Konkrete" Formen der Aufklärung

Das beobachtet auch Christiana Dürr. Die Ergotherapeutin arbeitet beinahe seit 30 Jahren mit Menschen mit geistig- oder körperlichen Behinderungen, 1992 hat sie gemeinsam mit einer Kollegin die Arbeitsgruppe (AG) "Behinderung und Sexualität" der Spastikerhilfe Berlin ins Leben gerufen. Die Spastikerhilfe versucht, Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft einzugliedern, entsprechend den individuellen Bedürfnissen und den jeweiligen Behinderungen unterstützt, begleitet und berät sie Behinderte bei der Bewältigung des Alltags. Der Anlass für Dürr, die AG zu gründen: eine zu Betreuende der Spastikerhilfe hatte um Hilfe bei der Selbstbefriedigung gebeten, woraufhin Dürr und ihre Kollegen erst einmal überfordert waren. Heute weiß sie: "Die wenigsten Bewohner haben ein erfülltes Sexualleben, viele erleben überhaupt keines." In der Arbeitsgruppe wird unter anderem versucht, "sehr konkret" aufzuklären, beispielsweise in Form von selbstgebastelten Plazentas aus Schaumgummi. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Aufklärungsbüchern und DVDs, in einem roten Koffer befinden sich verschiedene Verhütungsmittel, Vibratoren und eine aufblasbare Puppe.

Die Scham bei sexuellen Übergriffen

Die Unwissen- und Unerfahrenheit im Zusammenhang mit Sexualität führt bisweilen noch zu etwas anderem: zu sexuellen Übergriffen. Dabei spielen nach Aussagen von Matthias Vernaldi häufig Abhängigkeitsverhältnisse eine Rolle, und "viel Scham", so der Leiter von Sexybilies. Der 48-Jährige ist wie Hendeß seit vielen Jahren von fortschreitendem Muskelschwund betroffen, 2000 gründete er mit Unterstützung der Berliner Arbeitsgemeinschaft für selbstbestimmtes Leben schwerstbehinderter Menschen die Initiative "Sexybilities". Im Rahmen von Themenabenden oder Einzelgesprächen gibt der Berliner Gleichbetroffenen Ratschläge, Missbrauch ist dabei immer wieder ein Thema. Grundsätzlich versucht er Behinderten zu vermitteln, dass jeder wirklich nur das tun und mit sich machen lassen sollte, womit er sich wohl fühlt. Das ist nicht leicht. Schließlich, ergänzt Vernaldi, ist das Selbstbild einer behinderten Person häufig ein Schlechtes.

Was ist schon normal?

Schwierig wird es für Vernaldi auch, wenn er mit Fragen zu Partnerschaft und Familie konfrontiert wird. "Zwar sollte man solche Wünsche immer ernst nehmen." Dennoch gelte es, das Umfeld des Behinderten zu betrachten, also zu schauen, ob ein Partner vorhanden ist und wie das Kind aufwachsen könnte. "Pauschalantworten", so der Leiter von Sexybilities, "gibt es bei uns nicht, denn Liebe und Sexualität sind nicht pauschal. Sie sind individuell."

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