Aktion Beischlaf

25. Oktober 2007
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Trotz Penislängen-Talkshows am Nachmittag und höschenfreier Promis: Die sexuellen Bedürfnisse behinderter Menschen sind auch im 21. Jahrhundert noch ein Tabuthema. Wem eine Behinderung "normale" Sexualität verbaut, für den gibt es Angebote, die helfen wollen - rein körperlich oder darüber hinaus.

Sex kann man kaufen, das ist nichts Neues. Beim Pascha in Köln, einem der größten einschlägigen Etablissements, bekommen behinderte Kunden zwar keinen Sonderpreis, aber doch besondere Zuwendung. “Wir haben Aufzüge für Rollstuhlfahrer und helfen jedem, der kommt”, sagt der Betreiber Armin Lobscheid im Gespräch mit dem DocCheck Newsletter. Einmal oben, werden die Kunden nicht wie kleine Kinder an der Hand genommen, sondern können sich auf den Etagen frei bewegen und mit den Mädchen verhandeln. “Ich glaube nicht, dass es anderswo noch so einen Service gibt”, sagt Lobscheid.

Ist der Kunde behindert, wird's weniger hektisch

Ein bisschen mehr Zeit lassen sich die Mädchen schon bei behinderten Kunden, aber sonst gibt es keine Unterschiede. “Die Kunden sind überwiegend Rollstuhlfahrer, aber es gibt auch geistig behinderte Menschen, die zu uns kommen”, so Lobscheid. Wie viele behinderte Kunden das Pascha genau hat, kann Lobscheid nur schätzen. 50 bis 100 Stammkunden könnten es sein, und sehr viel mehr, die ab und zu vorbei schauen. Das Angebot ist beliebt im Raum Köln: “Unsere Behinderten sind immer sehr zufrieden.”Auch bei Lothar Sandfort im niedersächsischen Trebel bieten Prostituierte für Behinderte käuflichen Sex an. Wer die Webseite Sexualbegleitung.org besucht, findet dort die Kontaktadressen von Prostituierten, wie anderswo im Web. Aber trotzdem ist hier alles anders als im Pascha. “Es geht bei uns nicht nur um schnelle Befriedigung. Wir wollen behinderten Menschen dabei helfen, ihre Attraktivität zu erhöhen”, beschreibt Sandfort die Intention. “Genauso wie andere Menschen wollen behinderte Menschen interessant sein für ihre Mitmenschen oder Lebenspartner, auch, aber eben nicht nur sexuell”.

Sexualbegleitung als Lebenshilfe

Aus dieser Erkenntnis heraus hat Sandfort, selbst körperbehindert, vor fünfzehn Jahren im Rahmen der Emanzipationsbewegung der Behinderten das Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) ins Leben gerufen. Das Angebot: Sexualbegleitung für körperlich und geistig behinderte Menschen. Die Akteure: Prostituierte, die dafür eigens in sechs Wochenendworkshops ausgebildet werden. “Wir haben Mädchen, die ihre Kontaktdaten im Internet veröffentlichen und direkt kontaktiert werden können, aber das ist nicht der Kern unseres Angebots. In der Regel steht vor dem Kontakt zur Sexualbegleiterin mindestens ein Workshop hier bei uns im Gästehaus, zu dem die Behinderten ein Wochenende lang anreisen”, erläutert Sandfort dem DocCheck Newsletter. Diese ISBB-Workshops gibt es in mehreren Varianten, etwa einen für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, einen für Körperbehinderte und so genannte Tantra-Tage, die sich an Behinderte und Nicht-Behinderte gleichermaßen richten.

Wie so ein Workshop abläuft, kann man sich bei Youtube im Internet ansehen. “In den Workshops und dann später auch bei der Sexualbegleitung ist absolute Ehrlichkeit ganz entscheidend”, so Sandfort. Das gilt für die Behinderten, genauso aber für die Prostituierten, die den Menschen nichts vorspielen sollen und offen kommunizieren müssen, wenn sie etwas stört. Damit das funktioniert, gibt es regelmäßige Supervisionen im Halbjahresrhythmus. “Bei uns wird keine Illusion verkauft, sondern ein Lernprozess”, betont Sandfort. Nach den Workshops kann dieser Lernprozess mit der individuellen Sexualbegleiterin fortgesetzt werden. Neben der Pflicht zur Ehrlichkeit unterscheidet sich auch die Preisgestaltung von der bei der herkömmlichen Prostitution. Mit 100 Euro pro Stunde gibt es einen Fixpreis, egal ob für Streicheln, Blasen oder Sex.

Auch in Online-Communities ist Sex ein Thema

Wer nicht gleich in die Vollen gehen will, sondern sich erst einmal über das Thema austauschen möchte, ist möglicherweise in Online-Communities für behinderte Menschen besser aufgehoben. Derartige virtuelle Treffpunkte gibt es einige, für querschnittgelähmte beispielsweise Startrampe.net, das in anderthalb Jahren seinen zehnten Geburtstag feiert. Sexualität ist in den Foren ganz selbstverständlich ein Thema. Am liebsten hätte man einen regen Austausch von Behinderten und Nicht-Behinderten. Doch das gestaltet sich schwierig. Eine stärkere Beteiligung Nicht-Behinderter wünschen sich fast alle Forenbetreiber – ein klassisches Problem der Selbsthilfe. Mitunter kommen aber auch Menschen, die man nicht haben will. Online-Spanner, die sich auf Behinderte spezialisiert haben, sind nicht häufig, aber es gibt sie. Werden sie identifiziert, fliegen sie in der Regel hochkant aus dem Forum, aber mitunter dauert es eine Weile, bis jemand Verdacht schöpft.

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