Schnaps, Kippen und die Prävention

26. November 2007
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Medizinstudenten und Ärzte stecken oftmals in der ethischen Zwickmühle. Während der Konsum von Tabak und Alkohol in den Untersuchungszimmern verteufelt wird, geht es in der Pause und nach Feierabend oft rund. "Wasser predigen und Wein trinken" - heucheln auf hohem Niveau!

Herr Meier ist 56 und raucht seit 40 Jahren. Frau Müller hatte mit 62 schon den zweiten Herzinfarkt, isst aber immer noch viel und zu gerne zu viele Früchstückseier. Herr Schmitz ist 39, Gastwirt und trinkt trotz Fettleberhepatitis gerne mal ein paar Kurze hinter der Theke mit.
"Es wäre besser, Sie hören das Rauchen auf"; "Sie sollten ein wenig mehr auf ihr Cholesterin achten"; "Wenn Sie so weiter trinken, bekommen wir die Leber nicht mehr in den Griff". Der junge Assistenzarzt Michael teilt in der Ambulanzsprechstunde gut aus und macht seinen Patienten ein schlechtes Gewissen. Zwischen Frau Müller und Herr Schmitz ruft er seine junge Kollegin Andrea an: "Gehen wir heute Abend noch einen zusammen trinken?"

Heuchelst du mit?
Dieses fiktive Szenario wird einigen Lesern sicher allzu bekannt vorkommen. Ärzte halten sich nicht an ihre eigenen Anweisungen. Zwischen OP und Station mal schnell ein paar Zigaretten, vor dem freien Tag mal ein ausgiebiger Alkoholexzess, bei Gelegenheit mal einen Joint, im Moment des Zweifels etwas Amphetamine, zur schicken Party ein Näschen Koks. Ärzte sind eben auch nur Menschen – oder doch nicht?
Sicher kann man seinen Beruf zu voller Zufriedenheit aller Beteiligten ausführen und seinen Süchten so nachgehen, dass die Arbeit nicht darunter leidet. Wahrscheinlich liegt es an dieser Art des ärztlichen Sucht- und Missbrauchverhaltens, dass dieses Thema oft nicht lauter diskutiert wird, als gerade notwendig.

Wer glaubt Dr. Schnapsnase?
Was, wenn Herr Meier den Arzt vor der Tür bei einer zügigen Marlboro trifft? Was denkt Frau Müller, wenn sie ihren Arzt jeden zweiten Abend im Steakhaus sitzen sieht? Was glaubt Herr Schmitz, wenn sein Arzt mit verdrehten Augen noch einen Ramazotti bestellt und sich dazu eine Zigarette ansteckt? Da wird die nächste Sprechstunde schwierig.
Mediziner neigen noch viel mehr als andere Berufsgruppen zu Suchtverhalten und Missbrauch. Mediziner rauchen und trinken öfter, als die meisten es zugeben wollen. Auch Drogenkonsum ist – zwar weitaus seltener, dennoch oft genug – ein Thema in ärztlichen Privathaushalten, nicht zuletzt, weil man durch pharmakologisches Wissen gestählt, sehr gut dosieren und probieren kann.

Problem oder Lösung?
Die Grenze zwischen akzeptabel und riskant ist fließend. Zwischen dem harmlosen Weizen zur Champions League nach einem anstrengenden Krankenhaustag und dem täglichen Schlafmittel zur Nacht bei verstörten und überforderten Jungärzten liegen oft keine großen Sprünge. Von der Zigarette zwischen zwei Eingriffen zur Glimmstengellokomotive im Kittel ist es auch kein weiter Weg. Ärzte sind eben doch nur Menschen.
Dennoch haben sie Recht, wenn sie Verzicht auf Tabak und Alkohol fordern und vor Folgen des Drogenkonsums warnen – auch wenn sie selbst trinken und rauchen oder es mal getan haben. Manche Ärzte brauchen vielleicht selbst Hilfe, schämen sich aber, darum zu bitten. Andere wiederum, wollen gar nicht aufhören, nehmen aber ihren präventiven Auftrag gegenüber den Patienten trotzdem wahr.
Von welcher Seite man es auch betrachtet. Ärzte und ihr Suchtverhalten sind eine schwierige Problematik. Lösungen sind in der Regel nur individuell zu finden. Probleme lassen sich vielleicht teilweise verhindern, wenn wir uns dem Thema nicht verschließen, ehrlicher zu uns selbst sind und auf unsere Kolleginnen und Kollegen Acht geben.

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