Einfach wunderbra

6. Dezember 2007
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Nachdem das EKG-T-Shirt bis heute kein echter Renner geworden ist, begeben sich findige Forscher jetzt noch eine Kleidungsschicht tiefer. Ein BH soll künftig darüber wachen, ob frau nicht eventuell an Brustkrebs erkrankt ist. Fehlt nur noch die mobile Biopsie.

Ein wenig schwer vorstellbar ist das Ganze ja schon: Ein Wissenschaftler einer renommierten Universität, der am Labortisch steht und einen Büstenhalter präpariert? Genau so aber wird es gelaufen sein am Centre for Materials Research and Innovation der Universität Bolton in England. Eine Gruppe von Materialwissenschaftlern um Professor Elias Siores hat dort in den letzten Monaten eine Entwicklung voran getrieben, die antritt, den Brustkrebs zu besiegen – mit Mikrowellen statt Röntgenstrahlen. Die Rede ist von einem wahren Wonder-Bra, einem intelligenten BH, der Alarm schlägt, wenn seine Trägerin Brustkrebs entwickelt.

Krebs kommuniziert per Mikrowelle

Wer jetzt vermutet, die Entwickler hätten einen Mammographiescanner oder ein Kernspingerät geschrumpft, der liegt nicht ganz verkehrt, aber auch nicht ganz richtig. Siores Smart Bra arbeitet nicht mit Röntgenstrahlen und auch nicht mit Magnetresonanz, sondern mit Mikrowellen. Diese werden jedoch nicht abgestrahlt, sondern von einer Antenne aufgezeichnet, die in den Stoff des BH eingewoben wird. Die Informationen über die aufgezeichneten Mikrowellen werden dann über leitende Polymere weitergegeben und schließlich an eine Kontrolleinheit übermittelt, die die Daten auswertet.

Das Prinzip ist eine Wärmedetektion: Weil sich die Temperatur im Krebsgewebe von der in gesundem Brustdrüsengewebe unterscheidet, können Tumoren “per Thermometer” erkannt werden. Um eine simple Temperaturmessung geht es freilich nicht. Eher interessiert das “Delta”, also die Temperaturschwankungen innerhalb des Gewebes. Schließlich möchte niemand bei einer Frau, die gerade Sport macht, einen Krebsalarm haben: “Metabolische Aktivität und Durchblutung sind in der Umgebung von präkanzerösen Läsionen fast immer höher als in normalen Brustgewebe”, erläutert Siores, “die Mikrowellenantenne kann diese Temperaturunterschiede mit hoher Sensitivität entdecken.”

Demnächst in Ihrem Dessous-Shop…

Weil die Technik so einfach ist, äußert sich Siores zuversichtlich, den Smart Bra demnächst kommerziell anbieten zu können, wenn auch noch nicht zum Weihnachtsgeschäft 2007: “Wir erwarten, dass der Bra innerhalb der nächsten Jahre in Produktion geht”, so sein Erfinder, der darauf hin weist, dass das Kleidungsstück auch dazu eingesetzt werden könnte, die Effektivität einer Antitumortherapie zu überwachen. “Es gibt keinerlei Gesundheitsrisiken, und wir glauben auch nicht, dass ein solcher BH sehr viel mehr kostet als ein herkömmlicher.”

Freilich: Der Krebsfrüherkennungs-BH wäre nicht der erste von Materialwissenschaftlern entworfene Smart Bra, der kommerziell floppt. Vor ein paar Jahren entwarfen einige australische Forscher einen mit Sensoren ausgestatteten Sport-BH, der die Brustbewegungen beim Fitnesstraining aktiv begrenzen sollte. Davon hat man nie wieder etwas gehört.Auch wer etwas genauer über den neuesten Smart Bra aus England nachdenkt, stößt auf eine ganze Reihe von Fragen, die einen breiten Einsatz doch eher unattraktiv erscheinen lassen. So dürften sich Fehlalarme bei einem thermosensiblen Textil kaum ausschließen lassen. Ein BH aber, der während Tschaikowskys “Schwanensee” plötzlich anfängt, vor Brustkrebs zu warnen, obwohl der Zuschauerin vor Rührung nur die Brust in Wallungen gerät, dürfte auf Dauer wenig Akzeptanz haben. Und selbst angenommen, dass das Ganze ohne akustische Untermalung funktioniert: Was genau soll frau tun, wenn ihr Büstenhalter ihr abends berichtet, dass er heute dreimal den Verdacht auf Brustkrebs hatte? Ruhig ins Bett gehen? Oder die nächste Mammographie vorziehen?

Jetzt sind die Krankenkassen gefragt.

Hier freilich deutet sich zumindest ein Einsatzgebiet an: Während Frauen, die die Mammographie-Screening-Programme Ernst nehmen, von der zusätzlichen Alarmglocke nicht nennenswert profitieren dürften, könnte das bei jenen Frauen, die das Screening nicht mitmachen, anders aussehen. Die Frage ist allerdings, ob sich eine erklärte Gegnerin des Screening einen präventivmedizinisch angehauchten BH zulegen würde. Aber vielleicht hilft da ja ein Modell, das in den Niederlanden erfolgreich beim Gebärmutterhalskrebs-Screening praktiziert wird: Wer sich nicht screenen lässt, bekommt dort unaufgefordert einen Schnelltest auf humane Papillomaviren zugeschickt. Wenn nun eine deutsche Krankenkasse Frauen, die das Brustkrebs-Screening boykottieren, mit einem Set neuer BH beglücken würde – in der Hoffnung, dass die Frau durch die wiederholten (Fehl?)Alarme schon weich gekocht wird und irgendwann doch noch beim echten Screening erscheint? Bliebe die Frage der Körbchengröße. Aber da könnte ja vielleicht die elektronische Gesundheitskarte helfen…

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Kassen, Politik Wirtschaft

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