HPV: Schutz auf Zeit?

13. Dezember 2007
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Seit einem Jahr können Ärzte gegen Gebärmutterhalskrebs impfen, die Abrechnung ist bei vielen Kassen möglich. Die Impfung kommt gut an, wie Experten auf dem kürzlich in Hannover gelaufenen Symposium HPV 2007 im Rahmen der DSTDG-Tagung attestierten. Auch die Impfung für den Mann scheint möglich. Eine Frage aber bleibt: Wie lange wird das Vakzin wirken?

Was viele Ärzte aus der eigenen Praxiserfahrung schon seit Einführung der Vakzine im Jahr 2006 ahnten ist jetzt offiziell. Die HPV-Impfung wird in Deutschland sehr gut angenommen. Zur Verfügung stehen inzwischen gleich zwei Präparate. Neben dem bivalenten Impfstoff Cervarix® und kann auch der tetravalente Impfstoff Gardasil® eingesetzt werden. Der Clou: Die Impfung kann Gebärmutterhalskrebs vorbeugen, nach Brustkrebs immerhin die zweithäufigste krebsbedingte Todesursache junger Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren. Allein hierzulande erkranken jährlich rund 6.500 Frauen an Gebärmutterhalskrebs neu, 2.000 von Ihnen sterben daran.

Was den Weg zum Vakzin ebnete ist die Tatsache, dass in nahezu 50 Prozent der Fälle humane Papillomviren (HPV) als Auslöser nachgewiesen werden können. Zudem kommen 70 Prozent aller sexuell aktiven Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens mit HPV in Kontakt. Doch wer davon ausgeht, dass ein Virus einfach zu handeln wäre, irrt. Mehr als 100 verschiedene Typen des humanen Papillomvirus sind bekannt, davon können die onkogenen Typen 16, 18, 31, 33, 35, 39, 45, 51 und 52 Gebärmutterhalskrebs verursachen. In Europa wiederum haben die die Virustypen 16 und 18 die größte Bedeutung: Rund 75 Prozent aller Fälle von Gebärmutterhalskrebs würden “vermutlich durch diese beiden Virustypen ausgelöst”, wie es auf dem Symposium in Hannover hieß.

Mindestens 5 Jahre Ruhe

Doch kann die als Dreidosenschema an Tag 1 sowie nach 1 bzw. 2 und 6 Monaten verabreichte Impfung wirklich alle Hoffnungen der Ärzte erfüllen? Die in Hannover vorgelegten Zahlen scheinen das zu bestätigen. Denn aktuelle Phase III-Studienergebnisse belegten, “dass die HPV-Impfung zu fast 100 Prozent vor den hochgradigen zervikalen Läsionen (Cervikale intraepitheliale Neoplasie, CIN 2/3; Adenocarcinoma in situ, AIS) schützt, die mit den HPV-Typen 16 und 18 assoziiert sind”.

Dies gilt den Experten zufolge für die so genannte per-protocol-Gruppe, wenn nachweislich kein Kontakt mit den beiden Erregern vorlag und vollständig geimpft wurde. Auch in der Gesamtgruppe (Intention-to-treat), bei jenen Frauen also, bei denen nicht klar war, ob sie sich schon mit HPV 16 oder HPV 18 angesteckt hatten, sank die Zahl der nachweisbaren HPV16/18-Krebsvorstufen durch die Impfung um 44 Prozent. Die Zahl aller hochgradigen Krebsvorstufen reduzierte sich in dieser Gruppe um 17 Prozent. Geradezu märchenhaft liest sich die weitere bisherige Analyse: “Die Wirksamkeit des tetravalenten Impfstoffs (HPV 6, 11, 16, 18) bei HPV-16/18 bedingten vulvären und vaginalen Präkanzerosen (VaIN/VIN 2/3) lag ebenfalls bei 100 Prozent.”

HPV-Impfung für den Mann?

Nach den Ergebnissen der Langzeitbeobachtungen nach HPV-Impfung traten bei den geimpften Probandinnen (per-protocol-Gruppe) innerhalb von fünf Jahren nach Aufnahme in die Studie keine zervikalen intraepithelialen Neoplasien (CIN 2/3) auf, die mit den Virustypen 16 oder 18 assoziiert waren. “Die Wirksamkeit der Impfung hält also mindestens fünf Jahre an”, konstatierten die Mediziner, und: “Eine hohe Wirksamkeit wurde sogar auch bei den Studienteilnehmern gesehen, die nicht alle drei Impfdosen erhalten haben”.

Das Vakzin scheint demnach mehr als erfolgreich zu wirken – und überrascht zusätzlich mit bislang kaum bekannten Detaileigenschaften. So ist die Immunantwort bei den 9- bis 15jährigen höher als bei den 16- bis 26jährigen. Selbst bei männlichen Jugendlichen konnte eine hohe Immunantwort belegt werden, “so dass eine prophylaktische Impfung auch beim Mann wirksam sein sollte”, wie es in Hannover heiß. Ob die HPV-Impfung für den Mann tatsächlich kommt, steht freilich in den Sternen: Klinische Effektivitätsdaten sind noch nicht vorhanden.

Impfstoff auch gegen Genitalwarzen wirksam

Doch HPV kann als Übeltäter weitaus mehr. Denn die Typen 6 und 11 verursachen rund 90 Prozent aller Genitalwarzen – eine Tatsache, die nicht allen Niedergelassenen bekannt ist. Diese gutartigen Tumore nicht adäquat zu therapieren hätte weitreichende ökonomische Folgen: Genitale Warzen (Condylomata acuminata) stellen nach Meinung der DSTDG eine zunehmende Belastung für das Gesundheitssystem dar.

Daten einer aktuellen Studie aus Skandinavien belegten dass jede zehnte Frau der Allgemeinbevölkerung bis zum Alter von 45 Jahren an Condylomata acuminata leidet. Zudem nehme die Häufigkeit europaweit und vor allem in Großstädten zu. Allein hierzulande nehmen rund 400.000 Patientinnen und Patienten ärztliche Hilfe wegen genitaler Warzen in Anspruch. Worüber kaum ein Doktor nachdenken muss, beschäftigt hingegen Ökonomen: Genitalwarzen sind nicht nur ein Gesundheitsproblem, sie belasten auch die Wirtschaft. Analysen privat versicherter Personen in den USA zufolge belaufen sich die jährlichen Kosten im Zusammenhang mit Diagnostik und Therapie genitaler Warzen auf 140 Millionen US-Dollar, für Deutschland schätzen die Fachleute diese Kosten auf rund 50 Millionen Euro.

Die Weichen für die Zukunft jedenfalls sind gestellt. Das HPV-Management-Forum, eine Arbeitsgemeinschaft der Paul-Ehrlich-Gesellschaft, empfiehlt in der gerade beschlossenen AWMF-S3-Leitlinie, die HPV-Impfung bereits zwischen dem 9. und 17. Lebensjahr durchzuführen und möglichst vor dem ersten Geschlechtsverkehr vollständig, also 3 Dosen, abzuschließen. Für Frauen über dem 17. Lebensjahr könne wiederum keine allgemeine Empfehlung gegeben werden, betonten die Mediziner in Hannover. Doch allen Erfolgen zum Trotz verbleibt eine entscheidende Frage bisher unbeantwortet, wie Diane Harper, Professorin an der amerikanischen Dartmouth Medical School, vortrug: “Wie lange wird das Vakzin wirken?”

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