Arzt ohne Abi: Doktorspiele zweiter Klasse?

23. Oktober 2013
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Medizinstudium ohne Abitur? Unmöglich, werden viele denken. Doch inzwischen gibt es eine Regelung, die auch Studienaspiranten mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung dem Traum in Weiß näher bringt. Und das ganz, ohne je ein Gymnasium von innen gesehen zu haben.

Zunächst spielten Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen eine Vorreiterrolle und in den letzten Jahren sind auch die anderen Bundesländer mitgezogen und haben unter bestimmten Voraussetzungen den allgemeinen Hochschulzugang für Meister und den fachgebundenen Hochschulzugang für qualifizierte Berufstätige eröffnet. 2011 gab es in Deutschland bereits 32.187 Studierende, die ohne Abitur zugelassen wurden.

Aber Vorsicht: Es ist ein bisschen so wie mit dem Autofahren, denn nicht jeder der darf, kann es deshalb auch. Das inhaltliche Eingangsniveau an vielen Universitäten orientiert sich in der Regel am Wissen der Abiturgrundkurse; im Medizinstudium vor allem an Biologie, Chemie und Physik. Ohne dieses Wissen ist ein erfolgreiches Studium kaum möglich, denn im Studium besteht nicht oft die Zeit, den verpassten Stoff nachzuholen. Daher wird vom Kultusministerium empfohlen, sich das Vorwissen systematisch durch Schulbesuch anzueignen, beispielsweise an einer Berufsoberschule oder an einem Kolleg.

Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen?

Es ist also möglich, ein Medizinstudium ohne Hochschulreife zu absolvieren. Dazu muss man neben Mut und Engagement bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Für die Aufnahme des Medizinstudiums benötigt man in der Regel die Mittlere Reife und eine abgeschlossene Berufsausbildung. Die zweijährige Berufsausbildung muss mindestens mit der Note 2,5 abgeschlossen worden sein und inhaltliche Bezüge zum Medizinstudium aufweisen. Zusätzlich ist eine dreijährige Berufserfahrung im genannten Bereich erforderlich. Förderliche Berufsausbildungen für das Medizinstudium sind beispielsweise der Abschluss als Rettungsassistent, medizinischer Fachangestellter, Physiotherapeut, Gesundheits- und Krankenpfleger, Ergotherapeut und einige mehr.

Eine Tätigkeit als Heilpraktiker alleine reicht dagegen zum Beispiel nicht aus. Doch auch, wenn man eine vollkommen andere Berufsausbildung durchlaufen hat, ist das kein Grund schon aufzugeben. Hat man keine Ausbildung im medizinischen Bereich absolviert, kann man auch noch über eine Einstufungsprüfung zum Medizinstudium zugelassen werden, bei der man Kenntnisse auf dem Niveau eines Abiturienten nachweisen muss. Dieses Eignungsfeststellungsverfahren kann aber auch durch ein nachweislich erfolgreich absolviertes Probestudium von mindestens einem Jahr ersetzt werden. Die Zulassungsvoraussetzungen variieren zudem leicht von Bundesland zu Bundesland. Hier und auf den Seiten des Hochschulkompasses finden sich Übersichten über die Bedingungen, die die Bundesländer im Einzelnen stellen. Eine direkte Zulassung ist allerdings überall selten. Bewerber sollten mit Tests und Eignungsgesprächen rechnen. Möglicherweise erfolgt eine Zulassung auf Probe für eine bestimmte Semesterzahl, in der die Eignung bewiesen werden muss. Bei einer Zulassung zum Medizinstudium müssen außerdem häufig in den ersten Semestern alle Prüfungen im vorgegebenen Zeitrahmen erfolgreich absolviert werden.

Nicht immer leicht

Wo kann man nun diesen speziellen Weg zum Medizinstudium gehen? In Deutschland gibt es derzeit 35 medizinische Fakultäten. Medizinstudienplätze unterliegen einer Zulassungsbeschränkung, da es jedes Semester mehr Interessenten als Studienplätze gibt. Das genaue Prozedere finden findet man auf den Seiten der Stiftung für Hochschulzulassung.

Zwei Universitäten in Deutschland haben bereits Erfahrung mit Medizinstudierenden ohne Abitur: Die Universität Göttingen und die Universität Mainz. In Göttingen hat Eva Scheerer aus Regensburg studiert, eine der ersten, die es ohne Abitur zur Ärztin geschafft hat. Eva war Krankenpflegerin und hat eine Fachweiterbildung für Anästhesie und Intensivmedizin gemacht. Damit konnte sie sich in Göttingen bewerben und wurde aufgrund ihrer guten Note auch genommen. Dennoch erzählt sie, dass man es ihr während des Studiums nicht immer leicht gemacht hat: „Ich musste alle Scheine von Anatomie bis Biochemie planmäßig in den ersten zwei Semestern machen. Bedingung war auch, dass ich das Physikum in vier Semestern schaffe. […] Das einzig Negative war eine Kommilitonin, die meinte, ich hätte es mir ja sehr einfach gemacht. Natürlich kann man sich fragen, ob meine Fachweiterbildungs-Note dem Abitur gleichwertig ist. Allerdings musste ich mich wegen der Auflagen ja besonders hineinknien. Das Physikum nach vier Semestern schafft nur ein Drittel aller Studenten.“

„Durchs Studium gefüttert“

Eva bestand alle Prüfungen auf Anhieb und legte im Mai 2010, nach einem Universitätswechsel, in Regensburg ihr zweites Staatsexamen ab. Nun macht sie ihren Facharzt für Chirurgie und Orthopädie in Ingolstadt. Auf die Frage, ob sie ihren Weg weiterempfehlen würde, antwortet sie: „Auf jeden Fall. Dass ich kein Abitur habe, hat in meinen bisherigen Vorstellungsgesprächen niemanden gestört. Kritischer war mein hohes Alter. Aber das kompensiere ich dadurch, dass ich die Familienplanung schon abgeschlossen habe. 2006 kam unsere zweite Tochter zur Welt. Neben dem Studium Kinder großzuziehen, war natürlich stressig. Zum Glück hat mich mein Mann durchs Studium gefüttert. Der darf dafür ab sofort Teilzeit arbeiten. Jetzt bin ich mit Geldverdienen dran.“

Auch in Mainz ist es inzwischen sehr attraktiv für Medizinstudenten ohne Abitur geworden. Niclas von Harten, ehemaliger Rettungsassistent, hat gerade sein erstes Semester an der Johannes-Gutenberg-Universität beendet. Er erklärt, dass Mainz gerade deshalb so beliebt bei beruflich Qualifizierten wäre, da die Hürden hier extrem niedrig seien. Wo an anderen Universitäten häufig das Bestehen von Zulassungstests Voraussetzung für ein Studium ohne Hochschulreife ist, qualifiziert man sich in Mainz alleine über die Berufsausbildung. Auch bei anfänglichen Problemen wie fehlenden Grundkenntnissen in Physik, Biologie und Chemie erhalten die Nichtabiturienten Hilfestellung von der Universität. Sie bietet Vorkurse und Zusatztutorien während des Semesters an, um den Stoff nachzuholen. „Die Tutorien sind freiwillig und verlängern natürlich nochmals den Tag, aber sie sind wirklich sehr hilfreich und man trifft dort auf Gleichgesinnte“, erzählt Niclas, der mit den anderen beruflich Qualifizierten rund 10 bis 15 Prozent der Studenten in der Human- und Zahnmedizin an der Universität Mainz stellt. Durch die praktischen Kenntnisse, die sie während ihrer beruflichen Ausbildung erlangt haben, hätten die Mediziner ohne Abitur dann auch vor allem im klinischen Abschnitt einen großen Vorteil. „Es macht sehr viel Spaß und ich fühle mich richtig wohl hier“, betont Niclas.

Bedenken aus der Ärzteschaft

Von Ärztevertretern hört man immer wieder Bedenken gegen die Öffnung des Medizinstudiums für Nichtabiturienten. Ein Argument, das sehr oft vorgebracht wird, sind die fehlenden Kenntnisse, beispielsweise in den Bereichen Biologie oder Chemie, die sich ein angehender Medizinstudent bereits im Gymnasium angeeignet und mit der Abiturprüfung nachgewiesen hat. Dieses Wissen würde Kandidaten ohne Hochschulreife einfach fehlen. Als Niedersachsen Anfang 2010 beschloss, den Zugang zu Universitäten für Nichtabiturienten zu ebnen, kritisierten Fakultäten und Ärzteverbände den Vorstoß scharf.

„Wir sehen die Entwicklung mit Sorge“, sagte Verena Kegeler von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), „schon jetzt sind die Hörsäle überfüllt. Wo sollten wir zusätzliche Studierende unterbringen?“ Dr. Bernd Lücke vom Hartmannbund hielt Medizinische Fachangestellte führt zu unqualifiziert für das Medizinstudium. „Weder Realschulabschluss noch drei Jahre Berufsschule und schon gar nicht drei Jahre Berufserfahrung vermitteln die für das Medizinstudium zwingend erforderlichen naturwissenschaftlichen Grundlagen“, hieß es.

Studenten zweiter Klasse?

Doch die Studierendenvertretungen gaben Kontra. Es könne zwar sicherlich helfen, Vorkenntnisse in diesen Fächern aufzuweisen, aber eines hätten alle Medizinstudenten – mit oder ohne Abitur – gemeinsam: sie müssten sehr viel lernen. Da könnten auch Nichtabiturienten mit Lerneifer und Fleiß den in der Schulzeit verpassten Stoff sehr schnell nachholen. Außerdem würden viele Medizinstudenten, die nur eine durchschnittliche Abiturnote haben, zwei bis drei Jahre oder noch länger warten, bis sie aufgrund der Wartezeit endlich einen Medizinstudienplatz erhielten. Der Stoff aus dem Abitur wäre auch bei ihnen längst vergessen und sie müssten sich diesen, trotz der abgelegten Hochschulreife, wieder von neuem aneignen. Bernd Lücke beklagte aber auch, dass mit der neuen Regelung vermehrt Studienabbrecher produziert würden. „Das bedeutet noch weniger Ärzte“, so Lücke. Es gebe mehr als genug Bewerber für einen Studienplatz in Niedersachsen. Statt weitere zu produzieren, müsste das Studienplatzangebot erhöht werden.

Die Ärzteschaft bringt außerdem die Befürchtung zum Ausdruck, dass es einen Qualitätsverlust im Medizinstudium durch die „Studenten zweiter Klasse“ gäbe. Doch auch hier kontern die Studierenden, dass alle Medizinstudenten ohne Abitur die gleichen Prüfungsleistungen erbringen müssten wie ihre Kommilitonen mit Abitur. Sie erhielten während des Studiums keine Sonderbehandlung und die Professoren wüssten nicht, welche Studenten welche Voraussetzungen mitbringen und hätten somit auch keine Einflussmöglichkeiten. Wer nicht für das Medizinstudium geeignet wäre, würde rausfliegen – unabhängig davon, welche Zulassungsbedingungen der Student hatte.

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Was sagen eigentlich andere Medizinstudenten zu der Regelung, auch Berufsabsolventen zum Medizinstudium zuzulassen? Wir haben drei angehende Ärzte aus Regensburg befragt. Marcel Ritter steht der neuen Regelung eher skeptisch gegenüber: „Ich gebe zu, dass es einen vielleicht nicht zu einem besseren Arzt macht, wenn man ein super Abitur hat. Aber nur mit einer Ausbildung und ohne Abitur Medizin zu studieren, finde ich einfach nicht fair, auch wenn viele das sicher nicht verstehen können. Wir Abiturienten haben uns das fürs Studium notwendige Grundwissen vor allem in Chemie und Physik erarbeitet. Hat man das Gymnasium nicht besucht und stattdessen eine Ausbildung gemacht, so hat man zwar die praktische Erfahrung, aber keinesfalls diese Grundkenntnisse. Dadurch tut man sich dann im Studium unendlich schwerer als andere, die mit dem Stoff schon einmal konfrontiert wurden. Was ich bisher oft genug erlebt habe, waren auffällig viele Krankenschwestern, die das Studium nicht gepackt haben und abbrechen mussten oder alles nur mit größter Mühe und Not mit vielen, vielen Wiederholungsversuchen schafften. Außerdem würde ich nicht zwangsläufig sagen, dass beispielsweise Krankenpfleger bessere Ärzte werden… Pflege und Medizin sind immerhin zwei unterschiedliche Bereiche.“

Jana Eckreberger sieht das hingegen anders: „Was ich als Medizinstudentin immer wieder merke ist, dass Medizin erstmal ein richtiges Paukfach ist. Wer motiviert ist, sich jeden Tag hinzusetzen und konsequent zu lernen und bereit ist in den Grundlagenfächern – besonders Biologie, Physik und Chemie – viel zu pauken und zu üben, schafft auch das Studium. Ob man ohne Abitur jetzt ein besserer oder schlechterer Arzt wird, sei mal dahin gestellt. Generell ist es mir aber lieber, wenn eine Krankenschwester nach 5 Jahren Berufserfahrung versucht, „die Seiten zu wechseln“ und schon weiß, worauf sie sich einlässt, als wenn sich ein Abiturient mit 1,0 NC entscheidet, auf Verdacht zu studieren und nach einem Jahr dann keine Lust mehr hat, weil er sich plötzlich anstrengen muss. Das Abitur ist ja kein Selbstzweck. Wenn die Leute auf anderem Wege nachgewiesen haben, dass sie die notwendigen Qualifikationen haben, warum sollte man ihnen dann nicht den Zugang zum Medizinstudium ermöglichen?“

Auswahlkriterien überdenken

Auch Martin Sonneborger ist auf Janas Seite: „Ich denke, es ist so: Medizin ist ein sehr anspruchsvolles Studium. Wer dumm ist, keine Lust zu Lernen oder kein Talent zum „Arzt-sein“ hat, wird es nicht schaffen und sollte das Studium nicht antreten. Klar hilft es, wenn man durch das Abitur bereits gut vorbereitet ist, allerdings kann man sich all das doch auch mit Intelligenz, Fleiß und Interesse nachträglich erarbeiten. Es gibt Abiturienten mit 1,0, die keine Ahnung von Chemie oder Physik haben, weil sie die Fächer in der Schule so schnell wie möglich abgewählt haben. Es gibt aber andererseits bestimmt auch welche mit 2,5, deren Lieblingsfächer das waren. Und dann gibt es noch die Krankenschwestern und -pfleger, die jede Nacht mit dem Lehrbuch unterm Kopfkissen einschlafen… die Abinote ist hier ein denkbar schlechtes Auswahlkriterium! Es sollte lieber spezielle Zulassungstests ohne Notenbeschränkung geben, die jeder machen kann und die eben die Fähigkeiten abprüfen, die ein Medizinstudent braucht. Die besten werden dann zum Studium zugelassen… das wäre fairer.“

Näher beleuchtet:

Studieren ohne Abitur – Übersicht des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE)

SZ-Artikel „Ärztin ohne Abi“

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11 Kommentare:

Student der Humanmedizin

Ob eine Person ohne Abitur das Studium schafft oder nicht, lässt sich nicht pauschal sagen.

Der immer wieder zitierte Zusammenhang zwischen Abiturnote und Abbrecherquoten ist existent, verliert jedoch zunehmend an Gültigkeit.
Er basiert auf einer inzwischen DEUTLICH mehr als 10 Jahre alten Studie, in der die Kausalität zwischen Abschlussnote und erfolgreichem Abschluss des Studiums hergestellt wurde.

Dabei wurde allerdings der immer größer werdende Bereich des 2. Bildungsweges im Wesentlichen nicht berücksichtigt. Zudem wurden lediglich Abschlussnote und Erreichen des Studienzieles (Abschluss) miteinander verglichen.
Weitere Faktoren wurden nicht berücksichtigt.

Ob und inwieweit das Abitur als Maßgabe noch zeitgemäß ist, müsste im Zuge der deutlichen Nachfrage nach Studienplätzen womöglich einmal aus aktueller Sicht ermittelt werden.

Allgemein jedoch können auch Studien dieser Art jedoch mehrere Faktoren gar nicht berücksichtigen:
– es gibt eine Reihe an Menschen, die erst lernen, wenn sie etwas tun, das ihnen Spaß macht; solche Menschen zeigen eine Leistungsspitze mit Beginn des Studiusm, während die gesamte Schullaufbahn – notenmäßig – von Mittelmäßigkeit geprägt ist
– ob und inwieweit TATSÄCHLICH Kenntnisse im Verlauf des Abiturs erworben wurden, kann nicht ermittel werden (ein auf dem Papier vorhandener und bestandener Kurs bedeutet nicht zwangsläufig langfristig erworbene Kenntnisse)
– es mangelt an der Vergleichbarkeit der Noten zwischen den verschiedenen Schulformen und davon gibt es eine breite Palette: Gymnasium 1. Bildungsweg, Gymnasium 2. Bildungsweg, Abendgymnasien 2. Bildungsweg, Tageskollegs, Berufsoberschulen, Realschulen mit gymnasialer Oberstufe, Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe sowie eine Reihe weiterer, teils nur in einzelnen Bundesländern vorhandener Schulformen sowie Sonderschulen und “alternative” Wege hin zur 12. Klasse (Berufsfachschulen, Berufsausbildung mit Abitur, Fachoberschulen usw.), an welche die 13. Klasse über weitere Wege angehangen wird

#11 |
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Gast
Gast

Während meiner gymnasialen Oberstufe bin ich durch eine Mischung aus Pubertät und Ignoranz der Lehrkörper nicht in die Nähe einer sehr guten Note gekommen. Ganz im Gegenteil: Ein Lehrer, mit dem ich während verschiedenen Anlässen immer wieder aneinandergeraten war, stand mir in der mündlich-praktischen Prüfung wieder entgegen und versuchte, meine Endnote nach unten zu korrigieren. Damals griffen die anderen Lehrer ein und verhinderten, dass der verbitterte alte *** seinen Frust an mir ausließ.
Wir sollten uns alle mal vor Augen halten: Das Leben ist ungerecht! Es fängt damit an, dass Pädagogen mit der Gymnasialempfehlung eine derart weitreichende Entscheidung für unser gesamtes Berufsleben treffen und sich teilweise nicht der Konsequenzen bewusst sind. Viele Schüler, auch ich, haben eine lange und teilweise schwierige Pubertät. Nicht alle “Jungs” sind brav und bereits in der 10. Klasse auf Lernen eingenordet. Bei mir dauerte es etwas länger.
Heute, nach einer Ausbildung und absolviertem Medizinstudium, darf ich behaupten, stets überdurchschnittlich gut durch die -teilweise abstrusen und realitätsfernen- Prüfungen gekommen zu sein. Und das, im Gegensatz zu vielen Einserkandidaten, die später auf halber Strecke verdurstet sind, in Regelstudienzeit. Mit Promotion und allem Drumherum…
Das Abitur ist KEIN GERECHTER Prädiktor für beruflichen Erfolg oder irgend eine Art medizinischen Talents! Es gibt sehr gute Abiturienten, die sich während des Medizinstudiums das Hirn wegkiffen/saufen und dann über BWL letztlich zu Sozialpädagogik wechseln, weil sie den Stress nicht bewältigen können. Es gibt “ältere” Einsteiger, die trotz Berufserfahrung den Dreh nicht heraus bekommen und letztlich doch abbrechen. Es gibt absolute Chiller, die von allen unterschätzt werden und schlussendlich sehr gute Ärzte werden. Ausdrücklich: ich meine eine gesunde Mischung aus Fachlichkeit und Empathie!
Viele der erforderlichen Voraussetzungen für den “idealen” (d.h. fachlich kompetenten, empathischen, mitfühlenden, verständnisvollen, lehrbereiten) Arzt kommen nun mal erst mit der Zeit (25-30 Jahre) und daher kann ein Test oder ein Abitur mit 17 oder 19 Jahren kein verlässlicher Marker sein!
Noch eins: diese Einstellungstests, wie der HAMNAT in Hamburg, sind reines Blendwerk. Da werden mit Sicherheit keine 3,0er Abiturienten mit hervorragenden Voraussetzungen eingeladen, sondern lediglich diejenigen Abiturienten, die bereits eine hervorragende Note haben, aber durch die Nachkommastelle keinen Platz erhalten haben…

#10 |
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Studentin der Humanmedizin

Wenn ich als PJler jetzt so rückblickend mal vergleiche was mir am Meisten für mein Studium und mein baldiges Berufsleben was gebracht hat, dann war es nicht das Abitur sondern meine Berufsausbildung. Die schweren Sachen wie Biochemie, Physiologie und Anatomie hatte ich eh nicht in der Schule.
Lernen muss man so oder so, und die 3 Krümmel, die man durch die Oberstufe vorher schon mehr lernt machen den Braten auch nicht fett.

Schlimmer find ich die ganzen 1er Studenten, die erstmal anfangen irgendwas angesehenes wie Medizin zu studieren nur weil sie es direkt können. Dann nach 2 Semester mal zu Jura wechseln. Oder dann doch noch was anderes machen und jedes Mal auch direkt ihren Platz bekommen. Aber die, die es wirklich wollen warten sich zum Teil den Hintern wund…

#9 |
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Gast
Gast

Dass man kein Abitur macht, heißt nicht, dass man es nicht schaffen würde.

#8 |
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Studentin der Humanmedizin

Als Student in den vorklinischen Semestern muss ich ganz ehrlich sagen: Abitur zu haben ist nice to have und zweifelsohne war es angenehm (vor allem wenn einem die Fächer in der Schulzeit ohnehin lagen) einfacher durch Chemie und Physik durchzukommen, weil mans in der Schule schonmal hatte… ich hab damals Bio abgewählt – war aus heutiger Sicht ne dumme Idee – andererseits wäre wohl von dem Wissen heute auch nicht mehr allzu viel übrig gewesen so dass ich einiges ohnehin neu hätte lernen müssen…
Fakt ist aber: die Vorklinik ist was Stoffmenge und Zeit angeht alles andere als ein Spaziergang! Ich denke wenn überhaupt dann scheitern die meisten daran, dass sie damit nicht klar kommen – bzw. ich habe einige Komilitonen die nach dem ersten Fehlversuch gleich den zweiten in den Sand setzten und dann nicht ein Jahr warten konnten um sich auf den letzten Schuß entsprechend vorzubereiten und deshalb rausgeflogen sind… und daran ändert auch kein Abitur irgendetwas. Denn dieses zu kriegen ist im Gegensatz zum Bestehen der Vorklinik ein Spaziergang… von daher ist die Diskussion für mich ein wenig am Thema vorbei… jemand der ernsthaft ein Problem damit hat das Abitur zu schaffen wird aus meiner Sicht definitiv an der Vorklinik scheitern… ob es daher Sinn macht dieses Kriterium wegfallen zu lassen sei mal dahin gestellt…

#7 |
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Gast
Gast

Ich hatte in meinem Medizinstudium (ab WS 1995/96) eine Mitstudentin mit bayrischem (!) Abitur, die in der Schule nicht eine einzige Stunde Chemie Unterricht hatte: sie war in der 11. Klasse, als in Bayern für den neusprachlichen Gymnasialzweig zum ersten Chemie unterrichtet wurde, in den USA, und hat das Fach dann natürlich nicht mehr in der Kollegstufe gewählt.
Keine Ahnung ob das heute noch ginge – aber es schwächt doch die Aussage, man wäre ohne Abitur nicht genug in Chemie und Physik gebildet, ab. Und erstaunlich war für mich v.a., dass es im Land des angeblich so hochwertigen Abiturs, in Bayern, möglich war, ohne Chemiebildung (und mit 2 Jahren Physikunterricht) Abitur zu machen!

#6 |
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R.
R.

Also ich verstehe die Aufregung nicht ganz.
Wenn ich ins Krankenhaus komme mit Beschwerden und ich auf einen Arzt treffe, der mich versteht, empathische ist und mich gut behandelt, sodass es mir bald besser geht, so ist es mir doch egal, ob dieser Abitur hat oder nicht. Fakt ist doch, dass dieser Mediziner seine Approbation erworben hat durch 6 Jahre Studium. Er hat in dieser Zeit bewiesen, dass er sich eine Unmenge von Lehrstoff aneignen konnte und dieses auch anwenden kann.
Es ist ein Trugschluss zu glauben, dass das Abitur die notwendige Voraussetzung für das Medizinstudium (oder jedes andere Studium) sein sollte. Wüsste nicht wofür mir Integralberechnungen, “die Gretchenfrage” oder das ökologische System im Medizinstudium nützlich sein sollten. Ihr?
Ich kann nicht leugnen, dass ein mathematisches Verständnis oder gewisse Grundkenntnisse in den Naturwissenschaften nützlich sein KÖNNEN aber sie müssen es nicht. Im vorklinischen Studium wird in einer sehr kurzen Zeit ein hohes Lernpensum abverlangt. Man muss sich durchbeißen um es zu schaffen – Abiturient oder nicht.
Der Mangel an Studienplätzen ist nicht von der Hand zu weisen. Aber das sollte doch von politischer Seite rangegangen werden um das Problem zu lösen und sollte nicht bedeuten, dass Menschen ohne Abitur jedoch Ausbildung und Berufserfahrung das Studium nicht gewährt wird.
Die Aussage, dass es viele Studienabbrecher gibt, die vorher eine Ausbildung gemacht haben…mhh…ja… da denke ich, dass das kritischer betrachtet werden sollte. Es gibt bestimmt einige auf dies das zutrifft, jedoch sollten da immer auch die Beweggründe berrücksichtigt werden, denn wenn jemand das Studium abbricht, heißt das nicht, dass dieser “zu dumm” ist um es zu schaffen. Es gibt nämlich ebenso Medizinstudenten, die abbrechen, obwohl über den NC einen Studienplatz erhalten haben. Einige haben das Lernpensum nicht geschafft oder aber auch gemerkt, dass das Studium für sie “nichts sei”. Da gibt es nämlich einen weiteren Knackpunkt. Um nochmal Bezug auf den Mangel an Studienplätzen zu nehmen, nehmen immer mehr Neuabiturienten sofort das Studium auf, obwohl sie vielleicht doch noch ein Jahr Orientierung bräuchten. Es gibt nicht viele, die genau wissen, was sie ihr späteres Leben arbeiten möchten. Ich denke, dass da ein freiwilliges soziales Jahr nur förderlich sein kann.
Gerade zu “G8” Zeiten sind viele Erstsemester gerade mal 18 Jahre alt und werden in Regelstudienzeit ihr Studium in 12 Semestern abschließen, d.h. sie sind dann 24 Jahre alt. Da kann sich dann darüber streiten, ob ein 24-jähriger den Anforderungen eines Jungmediziners gewachsen ist.
Fakt ist, dass sich bildungspolitsch einiges tun sollte in Deutschland.
Die Auswahltests, die die Uni Hamburg anbietet zum Medizinstudium finde ich super. Das sollte jede Uni versuchen einzuführen. Besonders wichtig finde ich da die praktischen Übungen, wie z.B. Anamnesegepräche, etc.

#5 |
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Gast
Gast

Wenn ich so überlege….mit noch nicht 16 Jahren hatte ich die 10.Klasse abgeschlossen, d.h. mittlere Reife gehabt, hätte ich dann 3 bzw. 2 Jahre eine Ausbildung + 3 Jahre Berufserfahrung absolviert, hätte ich mit 21 einen Studienplatz “bekommmen”.
Jetzt bin ich 22, mit einem guten Abi, nächstem Jahr einer abgeschlossenen Ausbildung und keine Sicherheit dass danach eine Zusage in Sicht kommt.
Und dies trifft nicht nur auf mich zu…
Es gibt genug Leute, die auf einen Studienplatz mehr als 5 Jahre warten.

Das, finde ich, ist dann doch nicht rechtens.
Gerne darf sich jemand umentschieden bzw. sich weiterbilden, jedoch sollten hier die gleichen Aufnahmebedingungen herrschen.

Generell finde ich diesen 1,0 NC ziemlich “…”, bin auch eher ein Fan von Auswahl- und Eignungstesten.
Vielleicht tut sich ja in absehbarer Zeit etwas, leider verliert man jedes weitere Wartesemester mehr Optimismus und Zuversicht in dieses System.

Ich bin der Meinung:
Wenn jemand wirklich Medizin studieren will, dann macht derjenige das auch.
Sei es durch Wartezeit+Ausbildung oder indem das Abi nachgeholt wird :)

#4 |
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Benjamin Neuß
Benjamin Neuß

Mahmut, aber leider darf ein Abiturient nicht studieren wann er es will.
Ich habe Abitur im ersten Bildungsweg gemacht, hatte einen schlechten NC, habe eine technische und eine medizinische Berufsausbildung absolviert und dann immer noch lange warten müssen bis ich einen Studienplatz bekam.

Jemand, der mit Miite/Ende Zwanzig und Berufsausbildung sicher ist dieses schwere Studium auf sich zu nehmen wird sich nicht von den naturwissenschaftlichen Grundlagenfächern aufhalten lassen.

Ich finde den Vorschlag vieler, u.a. des BÄK Präsidenten, gut, dass es Auswahltests gibt.
Wenn ich manche Kommilitonen sehe, die gleich nach dem Abi das Studium aufnehmen konnten, befürchte ich teils vieles aber keine guten Ärzte. Wir müssen von diesem Elitärgedanken weg. Wenn ich die Meinung des ersten Studenten Ritter im Beitrag lese, “Pflege und Medizin sind immerhin zwei unterschiedliche Bereiche.”, dann weiß ich was dieser und manche Menschen für ein in meinen Augen falsches Realitätsbild vom Gesundheitswesen haben. Wir sollten alle für das Gleiche einstehen und uns nicht täglich mit unserem Status beschäftigen.

Es gibt sehr differenzierte Meinungen von Ärzten und Pflegekräften welche Assistenzärzte ihnen kompetenter und selbstsicherer erscheinen. Ich sehe da die berufsvorhebildeten Kollegen vorne.

#3 |
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Hmm, ich habe mich zunächst gefragt, warum dieser Artikel denn jetzt kommt. Die Regelung, dass Ausgebildete mit Staatsexamen oder auch Meisterprüfung studieren können gibt es ja schon schließlich länger. In meinem Bekanntenkreis ist eine Anästhesistin, die ihren Meister in der IHK gemacht hat und wie ich finde eine sehr fähige Ärztin ist. Zudem kann es auch nur von Vorteil sein sich ein wenig außerhalb der Medizin aufzuhalten. Der Umgang und die Arbeit mit Menschen prägt einen nunmal und kann die Gesprächsführung mit Patienten im Verlauf des Studiums und des späteren Arbeitslebens stark erleichtern und verbessern und so zu einer besseren Beziehung zum Patienten und einer Stärkung des Vertrauensverhältnisses führen.
Zu dem Punkt, dass man verpassten Stoff nicht nachholen kann oder unbedingt GK/LK Niveau in Chemie und Biologie gehabt zu haben finde ich übertrieben. Ich habe damals noch nicht nach dem Zentralabitur abgeschlossen und hatte weder Chemie noch Biologie als Prüfungsfach. Aber auch in den Grundkursen haben wir nichts von Mitose/Meiose, Enzymen, DNA etc. gehört, was in der Vorklinik von Vorteil gewesen sein könnte. Trotzdem habe ich es mit ähnlichem Aufwand wie meine viel jüngeren Kommilitonen geschafft die Prüfungen zu bestehen und stehe jetzt kurz vor dem Examen. Auch ich habe mich nach dem Abitur zunächst beruflich teils außerhalb der Medizin bewegt. Im Rückblick hat dies meine Arbeitsweise (mit und ohne Personen) mehr geprägt, als jeder Kurs in den 13 Semestern Studium. Abitur macht meiner Meinung nach noch lange keinen guten Arzt aus. Da sollte man doch lieber Zugangsprüfungen einführen oder sogar ein soziales “Pflicht”jahr (egal nach welchem Schulabschluss), damit man ersteinmal sieht, ob man auch menschlich dazu geeignet ist auf die Patienten losgelassen zu werden.

#2 |
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Gast
Gast

Hallo. Ich finde es erstaunlich welche Argumente hier vorgebracht weden. Klar kann man ein Studium in der Medizin ohne Abitur durchziehen. Ist das aber sinnvoll? Ich selbst war Krankenpfleger und habe spaeter auf der Intensivstation gearbeitet. Habe mein Abitur nachgemacht und dann Medizin studiert und erfolgreich abgeschlossen. Das Abitur vermittelt einem nicht nur wissen in bio chemie und physik. Neben Bio hatte ich Geschichte als LK. Ich bin neinem Damaligem Lehrer Dankbar, der mich berredet hat statt chemie GK als LK zu nehmen, damit ich ein Arzt mit einem Breiten Horizint werde. Meinen Sie Aerzte aus Deutschland sind ohne Grund so gefragt im Ausland. Das ist nicht nur das reine Fachwissen. Wir haben in der Regel ein breites Wissensspektrum nach dem Abitur. Klar kann man sich das auch selbst aneignen. Wer es ernst mit dem Studium meint, der sollte auch.das Abitur hinkriegen ;-) Reine Fachidioten gibt es anderswo mehr als Genug. Ich halte nichts von Zugangspruefungen. Wer Abi hat, darf studieren wass er will :-)

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