Doping legal: Mit Placebo aufs Treppchen

3. Januar 2008
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Wenn Patienten von der Wirkung eines Medikaments nur fest genug überzeugt sind, genügt manchmal schon ein Placebo für den gewünschten Therapieerfolg. Auch Sportler sind gegen die Wirkung der Scheinpräparate nicht immun. Das lässt sich für den Wettkampf nutzen, denn der Trainer kann so die Leistung seines Schützlings steigern - völlig legal.

“Quäl Dich, Du Sau!” Nur wenige Sätze aus dem Bereich des Leistungssports sind so bekannt geworden wie jener von Udo Bölts an seinen Teamkollegen Jan Ullrich auf der Tour de France im Jahr 1997. Nur wenige Sportereignisse haben in den Augen des Publikums so viel mit Selbstüberwindung und Quälerei zu tun wie die berühmte Frankreich-Runde. Und wenige Sportarten haben in den letzten Jahren so viel Schlagzeilen zum Thema Doping gemacht wie der Radsport.

Schmerz-Hemmer wie Morphin stehen auf der Liste jener Medikamente, die im Wettkampf verboten sind. Eine Forschergruppe der Universität Turin hat nun einen Wirkstoff gefunden, der im Körper die gleichen Wirkung wie das Opioid hervorruft und dennoch nie auf der schwarzen Liste der Dopingagentur WADA auftauchen wird: Physiologische Kochsalzlösung, intramuskulär gespritzt. Dabei geht es nicht um Homöopathie, sondern um Präkonditionierung. Fabrizio Benedetti und sein Team beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Geheimnis von Zuckerpillen und Salinelösungen. Ihr Arbeitsgebiet: Die Wirkung von Placebos. Im Journal of Neuroscience stellt er die Frage: Ist das Unterdrücken von Schmerzen und die Leistungssteigerung durch Placebos Doping?

Schmerz-Training mit Opioiden

Fabrizo Benedetti suchte sich 40 Freizeitsportler im Alter um 25 und ließ sie in vier Teams im simulierten Wettkampf gegeneinander antreten. Es ging darum, sich zu quälen und Schmerzen so lange wie möglich auszuhalten. Dazu unterbrach er die Durchblutung des Oberarms des Patienten mit einem Stauschlauch. So lange wie möglich sollte der Testsportler nun Federhanteln drücken. Der Ischämie-induzierte Schmerz steigt dabei stark an und wird nach etwa 14 Minuten unerträglich. Dem “Wettkampf” ging ein dreiwöchiges Training voraus, mit jeweils einem Testdrücken pro Woche. Zwei Teams erhielten in dieser Vorbereitungsphase Morphin, das ihre Schmerztoleranz von rund 14 Minuten auf 23 Minuten verlängerte. Für den eigentlichen Wettkampf änderte Benedetti das Behandlungsprotokoll. Nur Gruppe 1 musste genauso wie im Training den Wettkampf ohne Spritze bestreiten. Die übrigen Teams erhielten eine Injektion. Ihnen wurde eingeredet, dass es sich dabei um Morphin zur Steigerung ihrer Toleranz handle. In Wirklichkeit bekam eine der beiden Morphin-trainierten Gruppen Naloxon, ein Opioid-Antidot. Die beiden übrigen Gruppen erhielten Placebo-Injektionen mit 0,9-prozentiger Salinelösung.

Alle Gruppen konnten durch das Training ihre Schmerztoleranz steigern. Besonders deutlich zeigte sich der Placebo-Effekt bei jener Gruppe, deren Belastungsgrenze durch das Schmerzmittel im Training nach oben geschoben worden war. Sie erreichten eine Steigerung um rund sechs Minuten im Vergleich zum Beginn zum Beginn des Trainings. Aber auch die Teilnehmer ohne Morphin-Unterstützung in den Wochen zuvor steigerten mit dem vermeintlichen Schmerzblocker ihre Ausdauer um rund zwei Minuten gegenüber der Vorbereitung. Dagegen erreichte die Gruppe mit dem Antidot nur in etwa die Zeit jener Gruppe ohne Unterstützung von Morphin oder Placebo.

Placebo-Doping: legal und nicht nachzuweisen

Bereits in früheren Versuchen hatte Benedetti herausgefunden, dass sich seine Probanden bei Schmerzen mit mehrmaliger Gabe von Opiaten derart beeinflussen lassen, dass ein Placebo im Ernstfall deren Wirkung ersetzen kann. Bei diesem Test konnte er einen solchen Placebo-Effekt bereits mit zwei Gaben im Abstand von einer Woche hervorrufen.

Zur Vorbereitung auf Radrennen oder andere Wettkämpfe, bei denen es auf die Überwindung des Schmerz-Schweinehunds im Körper ankommt, wäre ein solches “Placebo-Doping” legal und im Wettkampf nicht nachzuweisen, da Morphin eine sehr kurze Halbwertszeit im Körper aufweist. Auch die Dopingagentur WADA beschäftigt sich inzwischen mit dem Thema. Dessen Chefmediziner Alain Garnier kommentierte im New Scientist: “Das ist kein einfaches Problem.” Möglicherweise kommt in Zukunft bei der Dopingprobe zum Urinröhrchen der Lügendetektor für den Radrennfahrer, dem Zuckerpillen und Kochsalzlösung zum gelben Trikot verhelfen.

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