Die stille Treppe

8. Januar 2008
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Im Leben gibt es lästige Dinge, an die man nicht denken will. Rechnungen, ungeliebte Verwandte, Zahnarztbesuche, Krankheiten und Tod. Doch tausende Studierende in Deutschland leben mit Behinderungen und haben ganz andere Probleme: Wie komme ich die Treppe rauf zu meiner Vorlesung?

Rund 350.000 der gut 1,76 Millionen Studierenden an deutschen Hochschulen geben an, an einer Behinderung oder chronischen Krankheit zu leiden – mit etwa 19 Prozent nicht gerade ein geringer Anteil. Eine zentrale Anlaufstelle für diese Studenten ist die Informations- und Beratungsstelle für Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks, die im Dezember 2007 ihr 25-jähriges Jubiläum feierte.

Seit 1982, auf Beschluss des Bundestages gegründet, setzt man sich dort für die vielfältigen Anliegen von Studierenden mit Behinderung ein und liefert Antworten auf die zahlreichen Fragen zu diesem Thema. Aber wie genau könnten diese Anliegen und Bedürfnisse aussehen? Was erschwert diesen Studenten ihren Studienalltag?

Meist sind es die scheinbaren Kleinigkeiten, die sich für Studierende mit einer Behinderung in größere Probleme auswachsen können; etwa ein achtlos am Fuß der Treppe angekettetes Fahrrad. "So bleibt mir der Zugang zum Geländer versperrt. Ohne das kann ich aber keine Treppe überwinden" sagt Mario*, der an einer neurologischen Erbkrankheit und einer damit einhergehenden Stand- und Gangataxie leidet. "Bisweilen werden auch Sitzgelegenheiten einfach beseitigt ohne dass für adäquaten Ersatz gesorgt wird". Schwierigkeiten, an die niemand denkt, die aber, einmal angesprochen, ohne großen Aufwand zu beheben wären.

Für solche Angelegenheiten gibt es inzwischen fast an jeder Hochschule Beauftragte für Behindertenfragen, die in solchen Fällen und anderen wichtigen Fragen unterstützend eingreifen können. So ist es in den letzten zwanzig Jahren vielerorts gelungen, den Studienbetrieb behindertengerecht zu gestalten, zum Beispiel durch neu geschaffene Zugänge zu Gebäuden und Räumen für Rollstuhlfahrer oder auch hochmoderne PC-Arbeitsplätze für sehbehinderte Studierende.

Auch für eine Anpassung von Prüfungsmodalitäten kann sich hier eingesetzt werden, wobei man sich auch ohne Beauftragte als Mittelsmann direkt an Professoren wenden kann: "Hinsichtlich Verständnis, Hilfsbereitschaft und Entgegenkommen seitens der Dozenten, die mir zum Beispiel aufgrund meiner beeinträchtigten Schreibfähigkeit längere Schreibzeit bei Klausuren gewähren, gibt es nichts zu beanstanden", sagt Mario. Auch von seinen Kommilitonen fühlt er sich akzeptiert: "Man tritt mir vorurteilsfrei gegenüber, was nicht selbstverständlich ist, wenn man auf der Straße von achtzig Prozent der Passanten für betrunken gehalten wird, und ich fühle mich gut integriert".

Klar ist dennoch, dass sich sein Studentenleben von dem anderer Studierender unterscheidet. "Bei Veranstaltungen wie Studentenpartys bin ich weniger, eigentlich nie, anzutreffen. Auch gestaltet sich alles schwieriger und ist anstrengender, wenn zum Teil Vorlesungen und Seminare in unterschiedlichen Stadtteilen stattfinden und ich viel pendeln muss".

Wohnen kann Mario noch zuhause bei seinen Eltern, auch wenn ihm das auch wieder eine tägliche Fahrt von eineinhalb Stunden für Hin- und Rückweg beschert. Doch viele Studierende müssen einen Umzug in Kauf nehmen, um ihr Wunschstudium beginnen zu können. Die Suche nach einer Bleibe auf dem freien Wohnungsmarkt wird für Studierende mit Behinderung zu einer besonders kniffeligen Aufgabe, denn nur wenige Wohnungen werden den speziellen Anforderungen gerecht. Aber auch hier können die Studentenwerke Abhilfe schaffen. In vielen Studentenwohnheimen stehen bereits behindertengerechte Zimmer oder Apartments zur Verfügung. Ab einer Behinderung von fünfzig Prozent können Studierende dort meist ohne Verzögerung, oft sogar noch vor eigentlichem Semesterbeginn, einziehen. Wird Hilfe im Alltag, wie etwa im Haushalt, benötigt, sind oft Sozialdienste zur Hand, die die entsprechenden Helfer vermitteln.

Insgesamt haben sich dank der Arbeit solcher Organisationen wie der Informations- und Beratungsstelle des Studentenwerks die Bedingungen und Möglichkeiten für Studierende mit Behinderung in den letzten zwanzig Jahren im Sinne des Leitbildes einer "Hochschule für alle" gebessert. Und im Hinblick auf technische Fortschritte werden sicherlich auch in Zukunft weitere Schritte in Richtung Nachteilsausgleich und Chancengleichheit möglich sein.

Trotzdem gibt es von Seiten Betroffener noch andere Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge: "Ich finde schon, dass es mehr Ansprechstellen geben sollte, was aber wahrscheinlich durch das relativ kleine Klientel von behinderten Studierenden verhindert wird", sagt zum Beispiel Mario.

Es bleibt also noch genug zu tun für die nächsten 25 Jahre! So lange gibt es nämlich die Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung des Deutschen Studentenwerks schon. Herzlichen Glückwunsch und weiter so!

* : Name von der Redaktion geändert; Vielen Dank an unseren Interview-Partner für seine offenen und ehrlichen Antworten!

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