Mutanten unter sich

10. Januar 2008
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Der Begriff Evolution verleitet, an längst vergangene Zeiten zu denken: Urmenschen, Steinzeit und primitives Leben. Steht der moderne Mensch da nicht am Ende dieser Entwicklung? Im Gegenteil, meint ein internationales Forscherteam, das das Ausmaß genetischer Veränderungen quantifizierte. Die menschliche Evolution schreitet sogar schneller voran als je zuvor.

Von den ersten einzelligen Lebewesen zum Menschen bestimmte die Evolution unser heutiges Menschsein. Während sich nach der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren einige wenige Millionen Menschen auf dem Globus verteilten, sind es heute über 6,5 Milliarden von modernen Menschen. Selbst Biologen gingen bislang davon aus, dass sich die Evolution des Menschen in den vergangenen Jahrtausenden nur gemächlich vollzieht.

Per definitionem ist die Evolution ein Prozess: Danach ist die biologische Evolution als Entwicklung der Stammesgeschichte in Abhängigkeit von Evolutionsfaktoren wie Mutation, Rekombination und Selektion zu begreifen.

Immer rasanter in die Zukunft

Unsere Gene heute verändern sich 100mal schneller als zu Zeiten der Steinzeit, rechneten nun der Professor für Anthropologie der Universität von Utah, Henry Harpending, und Kollegen aus. In ihrer in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichten Studie wird deutlich, dass bisherige Theorien einer eher langsamen menschlichen Differenzierung nicht richtig sind. Demnach verändern wir uns nicht nur immer schneller, sondern entwickeln uns auch trotz Globalisierung immer weiter auseinander. Den Forschungsergebnissen zugrunde liegt die Analyse von Daten des Internationalen HapMap-Projekts, in dem seit fünf Jahren genetische Merkmale von Menschen unterschiedlicher Abstammung katalogisiert werden. Das vorrangige Ziel von HapMap ist die Identifizierung von Genen, die mit Krankheiten assoziiert sind.

Veränderung von sieben Prozent der Gene ist jung

Im Mittelpunkt standen Untersuchungen von Veränderungen einzelner Basenpaare der DNA, dem Einzel-Nukleotid-Polymorphismus (SNP). Diese machen individuelle genetische Unterschiede sichtbar. Die Forscher nahmen fast 4 Millionen solcher SNPs von 270 Personen aus Asien, Afrika und Europa unter die Lupe und wiesen etwa 1.800 Gene nach, die sich erst in jüngster Zeit verändert haben. Dies entspricht sieben Prozent des menschlichen Erbguts. Ausschlaggebend für die rasant schnellen Veränderungen der Gene sind in hohem Maße die Umweltbedingungen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Klima, Krankheitserreger und Ernährung sorgen dafür, dass genetisch optimal angepasste Menschen die hierfür nötigen Gene weiter vererben und diese sich durchsetzen.

Du bist was du isst

Prägnantes Merkmal einer genetischen Veränderung aus jüngerer Zeit ist die vererbte Laktoseintoleranz bzw. -toleranz. Für die Milchzuckerverdauung ist das Enzym Laktase zuständig, das wir Nordeuropäer in der Regel bilden, nicht aber Bevölkerungsgruppen aus dem fernen Osten oder Afrika. Das Gen zur Produktion des zur Verdauung nötigen Enzyms verliert bei Völkern, die Milch nicht auf ihren Speiseplan haben, nach der Säuglingszeit die Funktion. Als Folge der Sesshaftigkeit und Entwicklung der Landwirtschaft in Nordeuropa und dem daraus entstehenden Selektionsdruck vor etwa 5.000 Jahren entwickelten Menschen hier das Laktasegen, das ihnen das Verdauen von Milch auch im Erwachsenenalter sicherte.

Weiteres Beispiel für eine genetische Auseinanderentwicklung von Bevölkerungsgruppen der Erde ist die Entwicklung von Resistenzen gegen Infektionskrankheiten wie Malaria und Cholera. So ist in Malariagebieten eine auffallend hohe Häufung der Sichelzellenanämie zu beobachten – an sich eigentlich selbst eine genetische Erkrankung; gleichzeitig aber in der heterozygoten Variante der beste Schutz vor Malaria. In manchen Regionen Afrikas ist bis zu einem Drittel der Bevölkerung von dieser Variante der Erkrankung betroffen, die sie bei einer eventuellen Epidemie schützt. In anderen Regionen der Welt kommt das Sichelzellenallel praktisch gar nicht vor.

Der Mensch als Mutant

Umweltbedingungen und Anwachsen von Bevölkerungsgruppen sind für die immer schnellere Entwicklung genetischer Veränderungen verantwortlich, so die Wissenschaftler. Menschen werden sich weiter verändern und entsprechend der Lebensbedingungen möglicherweise auch noch schneller als bislang, lässt sich vermuten. Angesichts von Klimaveränderung und sich neu entwickelnden Krankheiten wären entsprechende Mutationen in sehr kurzer Zeit denkbar, glauben Harpending und Kollegen. Das Überleben und die rasante Vergrößerung der Menschheit könnte also zu der Erkenntnis führen: Der Mensch ist ein Mutant – früher, heute und in aller Zukunft.

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