Health Care-Studie: Spritze, Skalpell, Social Media?

24. Oktober 2013
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Weißen Kitteln ging es gehörig an den Kragen: Masterstudierende der Hochschule der Medien Stuttgart wollten wissen, ob neben Spritze und Skalpell auch Social Media zum Handwerkszeug gehören. Unterstützt von DocCheck befragten sie Professionals und Patienten.

Haben Sie heute früh noch vor Kaffee und Croissant schnell Ihre Social-Media-Kanäle gecheckt? Das ist keinesfalls ungewöhnlich – Internet-User verbringen hier zu Lande zwei bis drei Stunden pro Tag in sozialen Netzwerken. An der Spitze steht einer repräsentativen Studie zufolge wenig überraschend Facebook. Rund 72 Prozent aller Befragten haben einen Account, und 77 Prozent der User sind mindestens ein Mal pro Tag aktiv. Dicht dahinter rangiert YouTube. Hier haben sich 39 Prozent der Studienteilnehmer angemeldet. Davon nutzen 42 Prozent YouTube einmal oder mehrmals täglich. Schön und gut, doch wie profitieren Dienstleister im Gesundheitswesen von Social Media?

Docs auf neuem Terrain

Zu diesem Thema liegen jetzt überraschende Zahlen aus der Health Care & Share-Studie vor: Von 129.179 Medizinern aus zehn unterschiedlichen Facharztgruppen arbeiten 545 mit einer Facebook-Präsenz – das sind lediglich 0,41 Prozent. Zahnärzte stehen an der Spitze, gefolgt von Gynäkologen, Orthopäden und Dermatologen. Oft handelt es sich um eigene Profile, selten um Fanpages – wie eigentlich vorgesehen. Ärzte posten meist Informationen für Patienten, etwa zur Praxis selbst, zu neuen Behandlungsmöglichkeiten oder zu Veranstaltungen. Im Gegensatz zur eigenen Homepage sind regelmäßige Meldungen wichtig. Bei recht seltenen Postings bleiben die Fanzahlen dauerhaft niedrig. Mindestens vier Infos im Monat bescheren Heilberuflern aber schnell 500 Fans oder mehr, die langfristig mit einer Praxis in Kontakt bleiben. Klare Argumente für Facebook, doch warum setzen erst wenige Kollegen auf entsprechende Präsenzen? Am Heilmittelwerbegesetz kann es schon lange nicht mehr liegen – Ärzte haben seit den letzten Novellierungen viele Möglichkeiten, Online-Medien in ihr Marketingkonzept einzubinden. Vielmehr sehen Autoren der Health Care & Share-Studie fehlendes Know-How und die weit verbreitete Ansicht, statische Webpräsenzen reichten schon aus, als Gründe. Den eigentlichen Mehrwert, mit Patienten direkt zu kommunizieren und mit viralem Marketing zu punkten, haben erst wenige Mediziner erkannt. Junge Kollegen, die gerade auf dem Sprung von der Klinik zur eigenen Praxis sind, werden in den nächsten Jahren das Bild sicher grundlegend revolutionieren.

Klinken auf dem Sprung

Krankenhäuser stehen kaum besser da. Zwar sprachen niederländische Forscher um Tom H. Van de Belt, Nijmegen, bereits 2012 von rasanten Wachstumstendenzen bei Social Media. Im Vergleich zu anderen Branchen ist das Engagement aber gering. Jetzt befragten Studierende der Hochschule der Medien (HdM) 270 User nach ihren Erwartungen – fast 70 Prozent sind auf Facebook, Twitter oder YouTube aktiv. Das bittere Erwachen: Sage und schreibe 79 Prozent wussten nicht einmal, ob ihre Klinik entsprechende Plattformen nutzt, und 18 Prozent verneinten dies. Auch waren 93 Prozent noch nie auf der – vermeintlichen – Social-Media-Page ihres Krankenhauses. Nur jeder 100. Umfrageteilnehmer hielt mehr Angebote in Zukunft für „sehr wichtig“. Die Health Care & Share-Studie nennt gleich mehrere Gründe: Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes und knappe Mittel, die besser für qualitativ hochwertige Behandlungen verwendet werden sollten. Eine gute Website sei zur Außendarstellung mehr als genug, so die landläufige Meinung. Hinsichtlich möglicher Angebote über Social Media wünschen sich Befragte vor allem Informationen (27 Prozent), Empfehlungen beziehungsweise Bewertungen (21 Prozent), genauere Einblicke in das Krankenhaus (17 Prozent) sowie regen Austausch mit anderen Betroffenen (13 Prozent). Ganz klar, mündigen Patienten gehört die Zukunft, und Kliniken werden sich der Herausforderung stellen müssen. Investitionen lohnen sich aber auch, um via Employer Branding guten Nachwuchs an Land zu ziehen und die Corporate Identity von teils heterogenen Klinikverbänden zu stärken.

Bei Facebook rein, Spender sein

Andere Institutionen im Gesundheitsbereich sind deutlich weiter als Kliniken oder Ärzte. Auf der Jagd nach neuen Zielgruppen arbeitet die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) schon lange mit Facebook. Über diese Plattform halten Kommunikationsteams Kontakt zu potenziellen, noch unentschlossenen Spendern, aber auch zu Menschen, die eine Typisierung hinter sich gebracht haben. Sie informieren über Aktionen, geben TV- und Buchtipps, und personalisieren das Thema. Statt trockener Fakten erreicht Content in Form persönlicher Erfahrungen von Transplantationsempfängern mögliche Zielgruppen punktgenau. Ein schönes Resultat: Mit ihren Angeboten gehört die DKMS im Social-Media-Ranking aller NGOs zu den Top Five.

Organspende auf Abwegen

Von derartigen Erfolgen kann die Konkurrenz gerade beim Thema Organspende nur träumen, wie jetzt klar wurde. An einer nicht repräsentativen Umfrage der HdM nahmen 533 Menschen zwischen 17 und 56 Jahren teil. Rund 58 Prozent kritisierten, das Thema sei allgemein in den Medien nur schwach vertreten – schließlich gab es auch Zeiten vor dem Transplantationsskandal. Nur zwei Prozent stießen in der Welt von Social Media auf interessante Beiträge, und 80 Prozent schätzen die Relevanz ohnehin als gering bis mittel ein. Ganz klar, hier bestehen eklatante Defizite. Zwar sind Facebook, Twitter, YouTube und Co. bei einem derart sensiblen Thema nicht unbedingt erste Anlaufstellen. Trotzdem liegt der Mehrwert auf der Hand: Über entsprechende Kanäle findet informatives Filmmaterial auch schnell Abnehmer. Statt großem Kino zählen vielmehr authentische, glaubwürdige Reportagen. Patienten oder Spendenwillige tauschen sich aus, berichten von Erfahrungen und räumen im besten Falle landläufige Fehlmeinungen besser aus als so manche Kampagne, dank viraler Effekte. Beispielsweise befürchten immer noch viele Bürger, Ärzte würden sich bei schwer verletzten Organspendern weniger Mühe geben, um an das begehrte Material zu gelangen: ein Fall für Social Media.

Jetzt aber ran!

Mit der Health Care & Share-Studie 2013 wird klar: Social Media gehört die Zukunft, auch im Gesundheitsbereich. Einerseits haben Ärzte selbst gewaltige Möglichkeiten, um professionelle Netzwerke aufzubauen und sich mit Kollegen auszutauschen. Andererseits hinterfragen mündige Patienten Empfehlungen ihrer Docs immer stärker. Auf der Suche nach Fachärzten oder Kliniken wollen sie sich mit Leidensgenossen austauschen und von deren Erfahrung profitieren.

21 Wertungen (4.33 ø)

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2 Kommentare:

Man muss einfach nur so viel “Psychologie” lernen,
um den kranken Patienten glaubhaft verständlich zu machen,
dass für die eigentlich notwendige Behandlung das Geld fehlt,
warum auch immer,
und sie dann trotzdem glücklich sind.

mfG

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Dr. Uwe Fuhrmann
Dr. Uwe Fuhrmann

Solange facebook und Co. derat schludrig mit den persönlichen Daten umgehen und bundesdeutsches Datenrecht im Internet kaum präsent ist (wäre also lediglich Xing als Alternative denkbar), solange kriegt mich auch keiner als User zu facebook und Konsorten. Wenn ich damit asozial erscheine, der S I N N dieser “Social Media Grütze” erschließt sich mir sowieso nicht … °_° außer das es kräftig für den Kommerz missbraucht wird.

#1 |
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