Kälteschock für Tumorzellen (Banner rectangle)

28. Januar 2008
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Die Erfolge sind noch wenig beachtet, doch unter Fachleuten gelten sie als spektakulär: Die sogenannte Kryoablation erweist sich nicht nur bei Patienten mit Nierenkrebs als vielversprechende Alternative zu bisherigen Therapien - das Verfahren könnte sogar die Palliativmedizin verändern.

Die Nachricht kam ausgerechnet am Totensonntag vollkommen unspektakulärdaher – und hätte aus Sicht der meisten Krebsforscher weitaus mehrBeachtung verdient. Auf einer knappen Seite teilte die inRochester/Minnesota angesiedelte Mayo Clinicmit, dass Nierenkrebspatienten, die sich vor zweieinhalb Jahren einerKälteschocktherapie unterzogen hatten, immer noch lebten. WasStudienleiter Thomas Atwell anschließend auf der Jahresversammlung der Radiological Society of North Americain Chicago hinzufügte, liest sich wie eine unglaubliche Geschichte: 89von insgesamt 91 Tumoren ließen sich mit Hilfe der Kryoablationeffektiv therapieren. Dabei schien die Größe der Krebsgeschwürenebensächlich – zwischen 1,5 und immerhin 7,3 Zentimeter betrug derDurchmesser. Der "Durchschnittstumor", erklärte Atwell dem erstauntenFachpublikum in Chicago, habe gar 3,4 Zentimeter ausgemacht.


So what? 62 Patienten gelten heute, rund 30 Monate nach der frostigenAttacke auf den Tumor, als krebsfrei – eine Sensation. Tatsächlich giltdas Verfahren, bei dem mit Hilfe einer hohlen Spezialnadel das EdelgasArgon den Tumor vereist, als vielversprechende Methode gegen bösartigeZellen. Dabei können Ärzte perkutan und CT-gesteuert, endoskopisch oderoffen operativ vorgehen – doch immer verbleibt der anvisierte Tumor inder Niere, auch das Organ selbst wird nicht entfernt. Was jenseits desAtlantik zunächst in Studien verblüfft könnte im Falle des nachhaltigenErfolgs hierzulande etlichen Tausend Patienten zu Gute kommen. Rund17.000 Menschen, darunter 10.300 Männer und 6.400 Frauen, erkrankenalljährlich an Nierenkrebs. In 90 Prozent der Fälle handelt es sich umNierenzellkarzinomfälle, der Rest leidet an Tumoren der ableitendenHarnwege.

Kardiologie als Ideengeber

Kälte zu medizinischen Zwecken einzusetzen ist als Idee keinesfallsneu, nur: Bislang fiel die Methode eher in der Kardiologie auf. DieTechnologie eignet sich dort nämlich zur Arrythmiebehandlung. Dabeiwird das verantwortliche Herzmuskelgewebe unterkühlt, die sogenannteminimalinvasive Katheterablation gehört zu den gängigen Verfahren. DerClou: Die Spitze des Katheters entzieht dem umliegenden Gewebe dieWärme. Je nach Katheter bringt die Katheterspitze Temperaturen vonunter -75°C hervor. Dass Krebsmediziner auf die bekannten Erfolge derKardiologie aufsatteln würden schien daher lediglich eine Frage derZeit.

Die Ende November in Chicago vorgestellten Studienergebnisse freilichübertreffen die Erwartungen der kühnsten Optimisten – und kommendennoch nicht ganz überraschend. So startete zum Beispiel dasUS-amerikanische National Cancer Institute(NCI) unlängst eine randomisierte Studie, die erstmals die Kryoablationmit der klassischen Strahlungstherapie vergleichen soll.

Schmerzlinderung: Kälte statt Strahlentherapie

Auf einen weiteren Segen des High-Tech-verabreichten Kälteschocksstießen neben Atwell auch andere Mediziner an der Mayo Clinic. 34Patienten, bei denen verschiedene Krebsformen bereits zu extremschmerzhaften Metastasen in den Knochen geführt hatten, berichteten 24Wochen nach der durchgeführten Kryoablation über erheblich wenigerSchmerzen – das Verfahren könnte sich dadurch, so die Hoffnung des MayoClinic Radiologen Matthew Callstrom, sogar als palliatives Mitteletablieren. Die in Wien ansässige Cardiovascular and Interventional Radiological Society of Europe(CIRSE) wiederum weist auf ein weiteres Einsatzgebiet des Kälteschockshin: als Behandlungstool bei Patienten mit Leberkrebs. SchlichteZusammenfassung der Experten: "Um die Nadel bildet sich eine ArtEisball, der sich ausdehnt und die Tumorzellen abtötet".

Nachhaltig erfolgreich – und kostensenkend dazu

Dass Kryoablationen den Alltag der Medizin erobern werden scheint daher keine Frage des Ob, sondern des Wann. Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft(DKG) stand jedenfalls bereits in einem im Jahr 2005 erstelltenGutachten der DRG-Research Group fest, dass im kardiovaskulären Bereichdie Kryoablation zunehmend an Bedeutung gewinnt, und sich ökonomischrechnet. Zwar schlagen Ablationen bei Herzoperationen, zu denen auchdie Kältevariante zählt, mit Zusatzkosten von rund 2000 Euro pro OP undPatient zu Buche. Doch die Kosten amortisieren sich laut DKG-Studiebereits im poststationären Bereich, wei ein Beispiel belegt. Bei 80Prozent jener Patienten mit Vorhofflimmern, bei denen Ablationenangewendet werden, sind die Eingriffe "kurativ erfolgreich", wie dasGutachten attestiert. Erfreuliche Folge: Folgekosten fallen nicht mehran.

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