Impfkritik im Web 2.0

31. Januar 2008
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Eine kanadische Untersuchung hat für Unruhe in der englischsprachigen Impf-Szene gesorgt: Ist das Videoportal Youtube eine Brutstätte der Impfkritik? Eine Stichprobe in Deutschland zeigt, dass das Problem noch nicht über den Atlantik geschwappt ist.

Pünktlich zur Wintersaison haben Wissenschaftler des Department of Public Health Sciences der Universität Toronto die Ergebnisse einer Untersuchung vorgestellt, die allen Fans von Grippeimpfung und Co mächtig auf den Magen schlagen dürfte. Die Gruppe um Dr. Jennifer Keelan hat sich hingesetzt und 153 Videos ausgewertet, die Internetnutzer auf dem englischen Videoportal YouTube.com zum Thema Impfen eingestellt haben.

Video gucken für die Wissenschaft

Das Ergebnis ist relativ deprimierend: Mehr als die Hälfte der Videos hatte einen negativen Tenor, entweder gegenüber spezifischen Impfungen wie beispielsweise der HPV-Impfung oder aber ganz pauschal gegenüber allen Impfungen. Von diesen eher negativen Videos enthielten 45 Prozent, also insgesamt rund ein Viertel aller Impfvideos, Aussagen oder Empfehlungen, die im Widerspruch zu den Empfehlungen des Canadian Immunization Guide standen, eine nationale Leitlinie nach Art der deutschen STIKO-Empfehlungen. Keelan und Kollegen halten ihre Ergebnisse für hoch brisant: “YouTube wird immer mehr zu einer Informationsquelle für Internetnutzer, auch in Sachen Gesundheit und Impfungen. Deswegen ist es aus einer Public Health-Perspektive heraus problematisch, dass ein signifikanter Anteil der dort zum Thema Impfungen publizierten Videos der medizinisch-wissenschaftlichen Lehrmeinung widerspricht.” Dabei ist es nicht nur die schiere Zahl der skeptischen oder negativen Videos, die die Wissenschaftler nachdenklich stimmt. Es ist auch so, dass negative Videos häufiger angesehen werden als solche, deren Ziel es ist, die Bevölkerung verstärkt zur Nutzung von Impfungen zu bewegen. “Ärzte sollten sich in jedem Fall darüber bewusst sein, dass diese Videos existieren und dass ihre Patienten YouTube als Informationsquelle nutzen könnten”, forderte Studienleiter Professor Kumanan Wilson. Er regt auch an, dass im Bereich Public Health aktive Institutionen verstärkt darüber nachdenken, wie sie Videoportale zur Verbreitung der eigenen Botschaften effektiv einsetzen können.

Kleiner Nils will gegen Falten impfen

Für DocCheck war die kanadische Untersuchung Anlass genug, sich einmal auf den einschlägigen deutschsprachigen Videoportalen umzusehen. Fazit: Weder bei der deutschen YouTube noch bei MyVideo.de steht das Thema Impfen derzeit sonderlich hoch auf der Agenda. Bei YouTube liefert das Stichwort Impfen 14 und das Stichwort Impfung 18 Beiträge, bei MyVideo.de sind es nur einige wenige. Die Mehrheit sind jeweils Nonsens-Filme, die das Thema Impfen eher albern angehen, etwa wenn ein Held des Alltags sich unter Anleitung seiner Mutter selbst eine intramuskuläre Impfung verpasst. Auch durchaus nette Filmchen sind dabei, wie ein alter DDR-Werbefilm für Impfungen oder ein Radiobeitrag, in dem “Der kleine Nils”, eine Figur von 104.6 RTL, eine Tierärztin zu überzeugen versucht, in seinem Kindergarten zu impfen, und zwar “gegen Schnupfen, Heuschnupfen und Falten”.

Deutsche Impfkritik steht noch nicht auf bewegte Bilder

So richtig ernsthaft mit dem Thema Impfen beschäftigt sich auf den deutschsprachigen Videoportalen derzeit kaum ein Film, und das ist vielleicht das eigentlich bemerkenswerte. Deutsche, so scheint es, nutzen die Videoportale bisher weder zur Aufklärung noch zum Ausfechten ideologischer Grabenkämpfe. Es gibt, Stand Dezember 2007, unter den Suchbegriffen “Impfen” und “Impfung(en)” eine einzige Ausnahme, und das ist ein hübsch gemachtes Video der Deutschen Krebshilfe zum Thema HPV-Impfung, das auf YouTube eingestellt wurde. Jungen Mädchen wird hier in sachlichem Ton und mit süßen kleinen Figuren die HPV-Impfung nahe gebracht. In der Kommentarspalte zu diesem Filmchen findet sich dann auch ein Impfkritiker, der acht Einwände vorbringt. Zumindest teilweise werden die vorliegenden Daten darin grob verzerrt, was aber bisher noch niemanden zu einem Widerspruch animiert hat.

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