Rückenschmerzen: Starr vor Angst

24. Oktober 2013
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Menschen mit Rückenschmerzen bewegen sich anders als solche ohne Beschwerden. Aber nicht nur die Schmerzen, sondern auch die Angst davor wirken sich auf die Bewegungen aus. Dies erklärt teilweise, warum gewisse Rückenleiden chronisch werden.

Statistiken zufolge leiden in den Industrieländern nur 20 Prozent der Menschen nach eigenen Angaben nie an Rückenschmerzen. Die meisten Menschen verspüren mindestens einmal im Leben Schmerzen im Kreuz. Das Tragen von schweren Gegenständen, eine schlechte Körperhaltung, Stress oder Bewegungsmangel gelten als die üblichen Ursachen dieser Erkrankung.

Die meisten Patienten erholen sich in der Regel in sechs bis zwölf Wochen wieder. Doch bei einigen wird die Krankheit chronisch, die Gründe dafür sind genauso unbekannt wie die Heilungsaussichten. Die Behandlungskosten dieser Patienten machen etwa 85 Prozent der durch Rückenschmerzen verursachten Kosten aus.

Yves Henchoz und seine Kollegen von der Universität Québec in Trois-Rivières, Kanada, wollten wissen, welche Rolle die Angst beim Übergang zu einem chronischen Krankheitsbild spielt: Beeinflusst die Angst die Rumpfmuskulatur und die Bewegungsausführung? Sie baten 22 gesunde Personen und 22 Patienten mit chronischen Rückenschmerzen, den Oberkörper nach vorne zu beugen und sich anschliessend wieder aufzurichten. Dabei haben sie ihnen im unteren Rückenbereich Temperaturreize in verschiedenen Intensitäten verabreicht, von schmerzlos, über leicht schmerzhaft bis schmerzhaft. Vor jedem Hitzereiz haben sie den Teilnehmern mitgeteilt, wie stark der Schmerz sein würde.

Teufelskreis

Während des Experiments haben die Forscher die Rumpfbewegungen und die Muskelaktivität im Lendenwirbelbereich gemessen. Die Ergebnisse haben sie überrascht. Den größten Einfluss verübte die Angst vor dem Schmerz auf gesunde Personen: je höher die zu erwartende Schmerzintensität, desto stärker die Anspannung der Muskeln. Bei Patienten mit chronischen Rückenschmerzen löste der erwartete Schmerz weniger neuromuskuläre Veränderungen aus. Den Wissenschaftlern zufolge liegt dies daran, dass diese Patienten auch mit schmerzlosem Hitzereiz Schmerzen empfinden. Ihre Bewegungsstrategie ist festgefahren, und sie passen sich weniger an die Umwelt an. Somit sind sie in einem Teufelskreis gefangen: Sie fürchten den mit der Bewegung verbundenen Schmerz, schränken dadurch ihre Beweglichkeit ein und verhindern, dass die Schmerzen je nachlassen.

Die Erwartungen beeinflussen

Bei sechs von den 27 Rumpfbeuge- und -streckübungen haben die Forscher mit falschen Informationen die Erwartungen der Teilnehmer beeinflusst: Auf die Ankündigung eines geringen Hitzegrades ließen sie einen schmerzhaften Hitzereiz folgen. Sowohl die gesunden als auch die unter Rückenschmerzen leidenden Probanden empfanden den Hitzereiz dadurch weniger schmerzhaft. Es scheint also ratsam, eine erste Dosis an Schmerzmitteln in Form von beruhigenden Worten zu verabreichen, in der Hoffnung dass sich die Rückenschmerzen nicht verstetigen.

Originalpublikation:

Effects of noxious stimulation and pain expectations on neuromuscular control of the spine in patients with chronic low back pain
Yves Henchoz et al.; The Spine Journal online, 
doi:10.1016/j.spinee.2013.07.452
; 2013

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