eHealth in den Startlöchern

1. Februar 2008
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Der Kongress ist erst für September 2008 terminiert - und gilt unter Fachleuten bereits heute als Pflichtveranstaltung. Denn das, was auf dem Schweizer eHealthcare Kongress in Nottwil Wissenschaftler, Mediziner und Vertreter der Regierung besprechen wollen, ist Zukunft pur: Es geht um erste Erfahrungen bei der Umsetzung des vernetzten Medizinzeitalters, kurzum: das Projekt eHealth Schweiz.

Rund 50 Milliarden Franken macht der Gesundheitsmarkt aus, die jährlichen Wachstumsraten liegen bei etwa vier Prozent. Doch für Gesundheitsökonomen und Industrie steht fest: Auf lange Sicht lässt sich auch das Schweizer Gesundheitssystem nur dann erhalten, wenn die Umsetzung und Verwaltung aller medizinischen Prozesse optimiert werden kann.

Eine Studie des IBM Swiss Innovation Outlook zeigt nämlich auf, dass allein das Rechnungswesen im Gesundheitsbereich Unsummen verschlingt. Danach kursieren pro Jahr rund 62 Millionen Rechnungen zwischen dem Leistungserbringern und den Versicherungen der Patienten. In administrativen Kosten ausgedrückt liest sich das in der Analyse so: "Mit knapp einer halben Milliarde Franken macht die Abwicklung der Leistungsbelege den größten Posten der Verwaltungskosten aus (45 Prozent)".

Selbst ist der Schweizer

Hinzu kommen weitere Schwächen des bisherigen Systems. So werden heute auf Grund der schwierigen Erfassung deutlich zu viele Leistungen abgerechnet. Nach einer Schätzung von santésuisse, die auf einer Umfrage bei den größten Krankenversicherern basierte, ließen sich jedes Jahr vermutlich über 1,5 Milliarden Franken einsparen. Wenn die Abrechnungen "akkurater erfolgen würden", wie die IBM-Experten in ihrem Bericht attestieren.

Noch muss jeder Schweizer seine Gesundheit selbst managen, Kosten und Risiken inklusive. Ob Arztbesuch, Therapie oder Rezept, kaum ein Bereich der Versorgung ist mit der anderen vernetzt. Zudem macht die liberale Struktur des Gesundheitssystems Ökonomen und Ärzten zu schaffen. Denn die finanziellen Zuständigkeiten verteilen sich je nach Gebiet auf den Bund, 26 Kantone und rund 3000 Gemeinden. Was ein Doktor in Zürich verschreibt kann sein Kollege in Bern nicht wissen – muss aber womöglich den Patienten dennoch während der Dienstreise oder eines Umzugs behandeln. So weit, so klar die Schwachpunkte, nur: Was tun?

High-Tech und eHealth sollen bis 2015 die Schweiz in Punkto Medizinversorgung zum Musterland avancieren lassen. Geht es nach Willen des BAG – Bundesamtes für Gesundheitswesen, könnte die Strategie eHealth Schweiz tatsächlich greifen.

Warten auf das Grande Finale

Zunächst soll die für 2009 vorgesehene Versicherungskarte den Weg für weitere Dienste ebnen. Danach könnten E-Abrechnungen, E-Rezepte, und E-Überweisungen samt Telemedizin und Online-Informationsportale für wissensdurstige Patienten Einzug ins Schweizer Gesundheitssystem halten. Das Grande Finale schließlich, so hofft der Gesetzgeber, erfolgt dann im Jahr 2015 und dürfte am Ende der Kette die Ärzte im Lande erfreuen: Das elektronische Patientendossier macht Schluss mit fehlenden Daten und therapeutischen Informationslücken. Wer als Arzt behandelt, kann sich ab 2015 auf eine lückenlose Dokumentation verlassen.

Der Vorstoß des ehrgeizigen Vorhabens "Strategie eHealth Schweiz", den Adrian Schmid als Leiter des Projekts im Bundesamt für Gesundheit sorgsam verfolgt, vollzieht sich unmerklich, aber konstant. Kantonale Pilotprojekte laufen derzeit unter anderem in Tessin, Genf, Zürich, Bern, Basel und St. Gallen. Vor allem Universitätsspitäler sind die Vorreiter der neuen Zeit. So sollen beispielsweise die medizinischen Leistungen durch die Einführung von Qualitätsindikatoren verbessert werden – ein Novum. Dazu hat das Bundesamt für Gesundheit ein Pilotprojekt im Spitalbereich gestartet, das Mitte dieses Jahres zu ersten Ergebnissen führen könnte.

Röntgenbilder das geringste Problem

Die Idee ist einfach. In einem ersten Schritt werden sowohl Fallzahlen als auch Mortalitätsraten für 25 verschiedene Krankheitsgruppen pro Spital ausgewertet. Die Umsetzung der Qualitätsindikatoren schließlich erfolgt laut BAG "nach dem in der deutschen Privatklinikgruppe HELIOS Kliniken GmbH entwickelten System". Auf diese Weise können die Experten auf die in den Spitälern bereits vorhandenen Daten zurückgreifen. Der Clou: Bei den Daten handelt es sich um jene medizinische Statistik der Krankenhäuser, die ohnehin vom Bundesamt für Statistik (BFS) erhoben wird. Diese Vernetzung zwischen Daten und Behörden scheint zu funktionieren. Auch die Bereitschaft der Spitäler ist gegeben: Im Jahr 2007 hat das Universitätsspital Basel als eine der ersten Institutionen in der Schweiz seine Qualitätskennzahlen offen gelegt.

Was kaum jemand weiß: Vom kommenden eHealth-Boom profitieren Ärzte im Praxisalltag bereits heute, wie eingeladene Fachleute im IBM Forschungslabor Rüschlikon Mitte 2007 erfuhren. Rund 30 Prozent aller Schweizer Rechnungen lassen sich heuer elektronisch bearbeiten, weil entsprechende XML-Standards etabliert sind. Was die Herzen der Mediziner zudem zusätzlich höher schlagen lassen dürfte: 300.000 Röntgenbilder pro Jahr werden derzeit digital gespeichert und ausgetauscht – und ließen sich eines Tages dem künftigen Patientendossier des eHealth Schweiz – Systems mühelos beifügen.

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