Körperdysmorphe Störung: Das Hässl-Ich

25. Oktober 2013
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Das DSM-V-Entwicklungsteam schlug jüngst vor, die Körperdysmorphe Störung (KDS) nicht länger den somatoformen Störungen, sondern den Zwangsstörungen zuzuordnen. Wie sich die KDS von weiteren Störungen wie der sozialen Phobie abgrenzen lässt, untersuchten nun Forscher.

Auch wenn Patienten mit einer Körperdysmorphen Störung (englisch: Body Dysmorphic Disorder, BDD) aus Sicht der anderen noch so gut aussehen, beschäftigen sie sich unentwegt mit ihren subjektiv empfundenen Makeln. Die Betroffenen haben große Angst davor, dass ihr Körper entstellt sein könnte. Die größte Sorge gilt dem Gesicht und dem Kopf: Jede Falte, jeder Pickel ist eine Katastrophe. Mit Nase, Augen und Ohren sind die Patienten nur selten zufrieden, was sie dazu verleitet, sich zwanghaft immer wieder im Spiegel zu betrachten. Das soziale und berufliche Leben der Betroffenen ist deutlich eingeschränkt. Etwa 2% (60% Frauen und 40% Männer) der deutschen Allgemeinbevölkerung sind betroffen. Einheitliche Behandlungsleitlinien zur KDS gibt es bisher nicht, allerdings zeigen Untersuchungen, dass die kognitiv-behaviorale Therapie wirksam ist.

Körperdysmorphe Störung und Soziale Phobie

Menschen mit einer Körperdysmorphen Störung beschäftigten sich sehr damit, wie sie auf andere wirken und was andere von ihnen denken könnten. Sie befürchten ihre Kritik. Ängste wie diese sind auch Kennzeichen der Sozialen Phobie vor. Wie sich die Soziale Phobie von der KDS abgrenzen lässt, untersuchten die Psychologin Anja Grocholewski et al., Universität Bielefeld. Sie führten eine Studie mit 43 Teilnehmern durch: 23 Patienten litten an einer KDS und 20 Patienten an einer Sozialen Phobie. Die Wissenschaftler nutzten folgende Befragungsinstrumente:

  • das Beck-Depressions-Inventar (BDI)
  • das Brief Symptom Inventory (BSI)
  • die Social Phobia Scale (SPS)
  • die Social Interaction Anxiety Scale (SIAS)
  • die Rosenberg Self Esteem Schale (RSE)
  • das Appearance Schemas Inventory-Revised (ASI-R)
  • die KDS-modifizierte Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (BDD-YBOCS)

Die Forscher stellten fest, dass die Patienten mit einer KDS und diejenigen mit einer Sozialen Phobie in gleichem Maße an einem verminderten Selbstwertgefühl und an depressiven Symptomen leiden. In sozialen Interaktionssituationen zeigen Patienten mit einer Sozialen Phobie jedoch deutlich mehr Furcht als Patienten mit einer KDS. Bei der Körperdysmorphen Störung stehen die auf das Aussehen bezogenen Zwangsgedanken deutlich im Vordergrund: Die KDS konnte mithilfe des BDD-YBOCS zu 96% und mit dem ASI-R zu 86% korrekt identifiziert werden. Die SIAS eignet sich allerdings nicht zur Differenzialdiagnose.

Gesicht oder Bauch? Die Unterschiede von KDS und Essstörungen

Stark mit dem Körper und ihrem Äußeren sind auch Patienten mit einer Essstörung beschäftigt. Die Psychologin Ines Kollei und Kollegen der Universität Erlangen arbeiteten die Unterschiede zwischen KDS und Essstörungen heraus. Sie befragten und interviewten 31 Patienten mit KDS, 32 Patienten mit Anorexia nervosa, 34 Patienten mit Bulimie sowie 33 Gesunde. Sowohl Patienten mit einer KDS als auch Patienten mit einer Essstörung sind enorm unzufrieden mit ihrem Körper und haben ein Körperbild, das sich mit der Auffassung Außenstehender nicht deckt. Häufig treten Schamgefühle auf. Patienten mit einer KDS sorgten sich jedoch seltener um ihr Gewicht, um ihre Brust und ihr Gesäß. Essgestörte Patienten hingegen sind sehr stark mit diesen Körperregionen beschäftigt.

Zwangsgedanken um den Körper lassen psychische Konflikte verblassen

Das psychodynamische Erklärungsmodell geht davon aus, dass Patienten mit einer Körperdysmorphen Störung ein niedriges Selbstwertgefühl und zumeist unsichere Bindungen haben. Geraten die Betroffenen in einen Konflikt, z.B. indem sie sich unglücklich verlieben, kann das der Auslöser dafür sein, dass sie sich in zwanghafte Gedanken um ihr Äußeres “flüchten”. Die Betroffenen setzen sich nicht mehr mit ihren ambivalenten Gefühlen auseinander, sondern sie kreisen gedanklich um ihr Äußeres. Häufig kommen enorme Scham- und Schuldgefühle sowie auch Ekel gegenüber sich selbst hinzu. Der Psychosomatiker Uwe Gieler, Universität Gießen-Marburg, beschreibt in einer Fallvignette einer 42-jährigen Patientin, wie eine 12-wöchige psychodynamische Behandlung die Beschwerden der Patientin lindern konnte (Gieler 2004).

Operationen oft zwecklos

Viele Patienten kommen mit der dringenden Bitte zum Arzt, die aus ihrer Sicht entstellten Körperteile zu operieren. Doch Wissenschaftler um Katharine Phillips (Brown University, Providence, Rhode Island, USA) wiesen bereits 2001 in einer Studie mit 250 Erwachsenen und 39 Jugendlichen nach, dass sich die Körperdysmorphe Störung mithilfe der Operation nur selten beheben lässt. Die meisten Patienten mit einer KDS erhielten eine nicht-psychiatrische Behandlung wie z.B. Hautbehandlungen oder Operationen, obwohl das Outcome schlecht sei, so Katharine Phillips et al. Verstehen und psychotherapeutisch behandeln ist wahrscheinlich die bessere Lösung.

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1 Kommentar:

Was m.E. unberücksichtigt erscheint ist die verblüffende Nähe bestimmter KDS und der Essstörungen zur anästhetischen Schizophrenie. Die Dissoziationsstörungen vergehen ja meist, die Essstörungen z.B. nur in Ausnahmefällen. Beruhen sie nicht vielleicht auf einer Schizophrenie als Grundkrankheit ?

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