Kuhhandel im Pharmamarkt

7. Februar 2008
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"Risk-Share" heißt das neue Zauberwort für die erwünschte Kostendämpfung bei teuren Arzneimitteln. Ob sich der Verkauf von teuren Originalpräparaten mit Geld-Zurück-Garantie wirklich rechnet, müssen die ersten Versuchsballons aber noch beweisen.

250 000 US-Dollar für 2 Jahre Leben oder 500 für 11 Monate? Diese Zahlen stellt Leonard Saltz vom Sloan-Kettering Cancer Research Center in den Raum, um beim Kolonkarzinom zu veranschaulichen, wie teuer die medizinische Versorgung inzwischen geworden ist. 1996 konnten Patienten mit fortgeschrittenem Darmkrebs mit den damaligen Medikamenten für 500 Dollar rund 11 Monate weiterleben, die neuen Wirkstoffe steigern die Überlebenszeit um 13 Monate und den Aufwand um rund eine viertel Million pro Patient. Damit den Krankenkassen ob dieser Zahlen nicht der Kollaps und den Firmen nicht die Patienten ausgehen, gibt es neben den erprobten Rabattverträgen auch neue Modelle, um den Absatz zu garantieren: Medikamente mit Funktionsgarantie, im Fachjargon "Risk-Sharing-Abkommen" zwischen Kasse und Hersteller.

Geld zurück bei Knochenbruch

Auch auf dem deutschen Markt explodieren die Kosten für aufwändige Therapien gegen Tumoren, Diabetes und einige andere Krankheiten. Bei Krebs betrug die Steigerung rund 285 Prozent in den letzten fünf Jahren, rechnete kürzlich Ingo Kailuweit von der Kaufmännischen Krankenkasse zusammen mit dem ARD-Magazin Report-Mainz vor. In Großbritannien weigerten sich die Kostenträger des National Health Service, die Behandlung mit Bortezomib (Velcade) zu übernehmen, einem teuren aber wirkungsvollen Medikament bei Multiplem Myelom. Nach weiteren Verhandlungen einigte man sich auf einen Deal: Bei Patienten mit fehlgeschlagenen anderen Therapien übernimmt das staatliche Gesundheitssystem die Kosten von 24 000 Pfund – aber nur, wenn die Blutwerte eindeutig anzeigen, dass das Medikament wirkt.

Fast zur gleichen Zeit schlossen auch die ersten Kassen in Deutschland solche "Risk-Sharing"-Verträge ab. Hier heißen die Partner der ersten Abkommen mit Risikoschutz Novartis, DAK und Barmer. Im Oktober verkündete die DAK für ihre Kunden den "Zugang zu besonders wirksamen und hochinnovativen Originalpräparaten" bei Osteoporose und bei der Immunsuppression nach einer Nierentransplantation. Stößt der Empfänger die Niere unter einem von drei Novartis-Immunsuppressiva ab, gibts das Geld zurück. Ebenso bei Knochenbruch trotz Behandlung mit dem frisch zugelassenen neuen Bisphosphonat Zoledronsäure (Aclasta). Dieser attraktiven Knochenbruch-Garantie schloss sich auch die Barmer Versicherung an.

Günstige Generika und teure Nebenwirkungen

Im Kampf um den heißen deutschen Pharma-Markt erhoffen sich dabei sowohl Kasse als auch Hersteller Vorteile. Zum einen sichert sich Novartis eine Absatzgarantie, denn die DAK versucht ihre Kunden auf das teure neue Originalpräparat umzustellen, zum anderen können beide Kassen mit dem Versprechen für erfolgreiche Arzneimittel bei ihren Kunden im Wettbewerb der Krankenversicherungen punkten. Ob sich "Risk-Sharing" finanziell lohnt, ist allerdings ungewiss. Nach Berechnungen des Arznei-Telegramms müsste Novartis rund 16 000 Euro pro Jahr und 1000 DAK-Patienten zurückzahlen, die die jährliche Aclasta-Injektion bekommen. Denn bei der Zulassungsstudie erlitten 8,4 Prozent aller Patienten eine Fraktur innerhalb drei Jahren. Die Gesamtausgaben für die Versicherung betragen damit etwa 550 000 Euro. Generika in dieser Wirkstoffklasse sind rund 40% günstiger. Ob das neu eingeführte Medikament wirklich wirksamer als andere, dazu gibt es nach Angaben des Arznei-Telegramms noch keine Daten. Vielmehr warnte vor einigen Wochen die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA vor starken Muskelschmerzen, die als Nebenwirkung einer Bisphosphonat-Behandlung auftreten könnten, ebenso untersucht die Behörde zur Zeit die Fälle von Vohofflimmern, die zusammen mit dem Gebrauch von dieser Wirkstoffe auftraten. Kürzlich berichtete das Fachblatt der amerikanischen Zahnärzte auch über häufige Kiefernekrosen bei intravenös verabreichten Bisphosphonaten.

Patienten-Picking

Bei der Immunsuppression nach Transplantation oder bei Osteoporose machen es klare Marker möglich, den Erfolg der Behandlung leicht zu messen. Dagegen wird es bei anderen Krankheiten schwieriger. So muss sich der Arzt, der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) bei depressiven Patienten verordnet, nur auf den Bericht seines Patienten verlassen. Bei diesen Krankheiten werden wohl Risk-sharing-Verträge die Ausnahme bleiben.

Für den Patienten könnten sich Verträge mit Bezahlung für eine geglückte Therapie auf lange Sicht auszahlen. Denn sie zwingen Pharmafirmen, sich immer genauer auf jene Patienten zu konzentrieren, bei denen ihre Produkte wirken. Eine Diagnostik, die den Erfolg oder Misserfolg einer Behandlung immer genauer vorhersagen kann, sollte dabei den Verhandlungspartnern von Kasse und Arzneimittelvertrieb helfen. Möglicherweise weist die Strategie auch einen neuen Weg, wie sich Medikamente einen Markt erobern können. Mit Qualitätsgarantie statt Milliarden-Marketing.

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Kassen, Politik Wirtschaft

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