Völlig losgelöst – Aufstieg der Weltraummedizin

7. Februar 2008
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Umfragen in Japan, Deutschland und den USA belegen, dass ca. 60 Prozent der unter 50-jährigen ins All reisen würden. Damit kommerzieller Weltraumtourismus aber klappt, muss die Medizin heute schon reagieren: Raumfahrt-Docs arbeiten weltweit in der Forschung - mit beeindruckenden Ergebnissen - was oft ganz und gar irdische Anwendungen generiert.

An die 11. DLR-Parabelflugkampagne vom 20. bis 30. November vergangenen Jahres erinnern sich nicht nur Mediziner noch heute. Unter dem kryptischen Namen “Zero-G” wollten Forscher um Hanns-Christian Gunga, Professor am Institut für Physiologie an der Charité Berlin und Sprecher des Zentrums für Weltraummedizin, an Bord eines Airbus A-300 herausfinden, wie es um den Einfluss von kurzzeitiger realer Mikrogravitation auf den menschlichen Organismus steht. Dazu setzte das Team ein nichtinvasives Sensoren-Messsystems ein, das neben Veränderungen in der Thermoregulation des Körpers auch Daten des Herz-Kreislaufsystem aufzeichnete. Drei Flugtage und 30 Mikrogravitations-Parabeln später hatten die sechs Probanden ihren Job im Dienste der Medizin verrichtet. Schon im April 2008 soll es mit den Messungen weitergehen, auch ein Experiment des Instituts für Klinische Pharmakologie und Toxikologie der Charité ist für dieses Jahr eingeplant.

60 Tage Zwangspause

Tatsächlich gehören Experimente wie diese zum Alltag der Weltraummedizin, das Gebiet erfreut sich zunehmender Beliebtheit – nicht nur bei Freaks. Die Berliner Charité etwa suchte unlängst “Probanden im Raum Berlin und Brandenburg”, die bereit waren, gegen Bares immerhin 60 Tage im Bett zu verbringen. Der Rubel rollte im Dienste des Zentrums für Muskel- und Knochenforschung (ZMK) an der Charité – Universitätsmedizin Berlin am Campus Benjamin Franklin im Rahmen der sogenannten zweiten Berliner BedRest Studie (BBR 2). Das von der European Space Agency (ESA) und vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) initiierte Vorhaben wiederum ist Teil des Weltraumprogramms zur Vorbereitung auf die Marsflüge im Jahre 2027.

Dass Knochen und Muskeln in der Schwerelosigkeit abbauen ist altbekannt. Doch mit Beginn des neuen Millenniums scheinen Europas Weltraumforscher das Potenzial der bodenständigen Klinikforschung neu entdeckt zu haben. So sollte auch die verordnete, 60-tägige Bettruhe zunächst jene Schwerelosigkeit simulieren, die Kosmonauten im All auf lange Sicht sämtliche Muskeln erschlappen ließe. Ein spezielles Vibrations- Traininggerät, der Space – Galileo, stoppt den Abbau von Muskeln, nur: Was haben Erdenmediziner von derart fernen Erkenntnissen?

“Die Ergebnisse der Studie sollen auch Antworten für Krankheiten auf der Erde liefern, wie Diabetes, chronische Rückenschmerzen, Osteoporose und Muskelschwäche”, erklärte die Charité im Mai 2007 die Notwendigkeit der spaceigen Forschungsavancen – und hat damit Recht.

Mit den Beinen voran

Denn die Testergebnisse und Entwicklungen der Weltraumforschung bringen einen konkreten Nutzen für Ärzte und Medizintechniker auch auf den blauen Planeten. So entwickelte beispielsweise das Institut für Biomedizinische Probleme (IMBP) den Rehabilitationsanzug “Regent”. Die in blau gehaltene Textilie ist eine “Mischung aus Sportlerdress, Hot Pants und Klettergurtzeug”, wie es bei der ESA anlässlich der Vorstellung dieses Novums auf der MEDICA 2005 dazu hieß. Der Clou: Das vom IMBP entwickelte Kleidungsstück lässt sich bei Epilepsie-, Parkinson- und Schlaganfallpatienten einsetzen.

Ebenfalls für Aufsehen sorgte vor fünf Jahren eine Entwicklung der in Düren ansässigen Weyergans High Care AG. Die auf futuristische Therapien eingestellte Firma präsentierte eine “Gefäßpumpe gegen Durchblutungsstörungen und venöse Stauungen in den Beinen”. Bei dieser Therapieform befindet sich der Patient “bis zum Abdomen in der Behandlungsröhre”. Die unteren Extremitäten werden anschließend abwechselnd mit Druck und Unterdruck behandelt – die Gefäßpumpe funktioniere “wie ein 'externes Herz' für die untere Körperhälfte”, schwärmten die Medizintechniker. Tatsächlich ließ sich nicht nur eine deutlich verbesserte Durchblutung beobachten – auch venös bedingte Schwellungen und Krampfadern bildeten sich zurück.

Dass von der technischen Umsetzung von Space-Know-How vor allem Ärzte im Alltag profitieren, zeigte der Mediziner Siegfried Schink an der Rehabilitationsklinik Fallingbostel. Über 100 Patienten mit Durchblutungsstörungen ließen sich mit den Beinen voran in eine Röhre schieben, in der ebenfalls Unterdruck und Normaldruck in rhythmischen Intervallen erzeugt wurde. Erstaunlicher Effekt der aus der Weltraummedizin stammenden Methode: Sowohl Zirkulation, als auch Durchblutung der Probanden nahmen zu – für Diabetiker auf Mutter Erde scheint das Verfahren besonders gut geeignet.

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Pharmakologie

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