Oxytocin: Das Schmusehormon rudert zurück

1. Oktober 2012
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Ein paar Atemzüge Hormonkonzentrat und schon wird aus einer zufälligen Begegnung eine Liebesaffäre voller Sympathie. Die Marketingparolen für Oxytocin-Wässerchen sind nicht nur falsch - Oxytocin wirkt wohl auch nur in bestimmten Fällen.

Wenn das Wort „Liebes-Hormon“ fällt, wissen viele, was damit gemeint ist. Oxytocin ist viel effektiver als große Alkoholmengen, sein Gegenüber im besten Licht erscheinen zu lassen. Ein bisschen von der fabelhaften Substanz in die Nase und schon haben wir mehr Vertrauen selbst zu Unbekannten. Doccheck berichtete 2010 von einer Studie, in der das Aerosol Männern ein Einfühlungsvermögen verlieh, wie man es sonst nur bei Frauen kennt. Wer das Netz durchstöbert, findet schnell dubiose Quellen, die den wundersamen Stoff nicht gerade billig versenden. „Liquid Trust“ – Flüssiges Vertrauen für Frauen und Männer, so steht es in der Werbung.

Forscher wissen es besser

Kann die Medizin Oxytocin für Problemfälle kontaktscheuer Menschen und Verhaltensstörungen im Sozialverhalten nutzen? Schön wäre es, wenn es so einfach wie in der Internetwerbung ginge – und in den Wunschvorstellungen mancher Oxytocinforscher noch vor wenigen Jahren. „Oxytocin ist nicht das Wundermittel, das jeden glücklich und kontaktfreudig macht“ sagt einer, der wohl mehr als die meisten anderen darüber weiß. Markus Heinrichs von der Universität Freiburg erforscht seit mehr als zehn Jahren das Neuropeptid. Er kennt auch die dunkle Seite, die in bisherigen Studien kaum erwähnt – und vielleicht auch nicht beachtet – wurde.

Unerwartete Wirkung: Neid und Schadenfreude

2009 tauchte im „Journal of Biological Psychiatry“ ein Bericht von Simone Shamay-Tsoory von der Universität Haifa auf. Beim Spielen steigerte eine Prise Hormon den Neid auf den Sieger beim Spiel um Geld genauso wie die Schadenfreude beim Sieg. Aber das war nur einer der ersten Berichte, die das Vertrauen in den Hormon-Star erschütterten. Jennifer Bartz von der Mount Sinai School of Medicine in New York fand heraus, dass Oxytocin genau das Gegenteil der erwünschten Wirkung bei besonders ängstlichen und sozial-sensiblen hervorbrachte: Es verringerte deren Vertrauen und Bereitschaft zur Zusammenarbeit.

Noch kein Konsens gefunden

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Carolyn de Clerck von der Universität Antwerpen. Vertrauen und Kooperationsbereitschaft steigen mit Oxytocin nur dann, wenn wir zumindest einen Grundstock an Wissen über unseren Partner in spe haben. Anonyme Fremde können vom „Sympathie-Enhancement“ nicht profitieren. Das geht sogar soweit, dass Carsten de Dreu von der Amsterdamer Universität glaubt, mit Oxytocin nationalistische Charaktereigenschaften hervorrufen zu können. Namen gleicher Nationalität erschienen sympathischer, dafür aber deutsche oder orientalische den holländischen Studienteilnehmern eher widerwärtiger. Allerdings stellten andere Forscher die weitreichenden Schlüsse der Amsterdamer Gruppe in Frage. Nach einem weiteren „Science“-Paper der de Dreu-Gruppe scheint es jedoch wirklich so zu sein, dass Oxytocin das Vertrauen innerhalb einer Gruppe stärkt, aber zu Außenseitern eher vermindert.

Vom Kontaktscheuen zum Sozialprofi?

Wer den anderen kennt, schaut ihm mithilfe von Oxytocin wohl noch genauer in die Augen und kann seine Gefühle dort ablesen. Davon ist Jennifer Bartz überzeugt. Für Kontaktscheue ist Oxytocin wohl eher nicht der Weg zum Sozialprofi. Zumal da auch noch Faktoren mitspielen, die durch die Erbmasse vorbestimmt und nur bedingt zu beeinflussen sind. Denn der Oxytocin-Rezeptor ist polymorph. Eine Punktmutation bestimmt die Funktion des Vertrauensförderers. In Stresssituationen, so fanden Markus Heinrichs und sein Team heraus, senkte sich der Cortisollevel bei Probanden mit der A-Rezeptor-Variante trotz Hormonhilfe nicht ab. Genau diese Gruppe hatte in anderen Studien im Vergleich zu „G“ auch mehr Probleme mit Einfühlungsvermögen und eine eher pessimistische Lebensanschauung. Wenn notwendig, sind Menschen, die ein „G“ an der richtigen Stelle im Rezeptor besitzen, eher bereit, sich bei Problemen ihren Freunden zuzuwenden.

Geschlechtschromosom als weiterer Einflussfaktor

Und noch ein gewichtiger Unterschied bei der Gen-Ausstattung beeinflusst die Hormon-Wirkung: Das Y-Chromosom. Die Reaktion auf eine Bedrohung in Form einer entsprechenden Grimasse steuert Oxytocin je nach Geschlecht in ganz unterschiedliche Richtungen. Bei Männern verringert es die Aktivität der Amygdala, unseres „Gefühlsbewertungszentrums“, bei Frauen steigert sie deren Aktivität. Damit hätte Oxytocin besonders bei ihnen die Funktion eines Vorwarnsignals für Gefahren. Aber auch bei Konflikten in einer Partnerschaft reagieren die Geschlechter unterschiedlich auf einen Hormonstoß: Bei Frauen sinkt der α-Amylasespiegel als Maß für die Aktivität des sympathischen Nervensystems, bei Männern steigt gleichzeitig mit dem Enzympegel die Neigung zu Gefühlsausbrüchen, aber auch positivem Verhalten im Paarstreit.

Eine Funktion, viele Anwendungen

Das eher einfach gebaute Neuropeptid ist – evolutionsgeschichtlich gesehen – uralt und kommt beispielsweise auch im wirbellosen Oktopus vor. Die ersten Erkenntnisse über dessen Funktion lieferten aber Wühlmäuse. Prärie-Wühlmäuse sind lebenslang monogam und kümmern sich gemeinsam um den Nachwuchs. Keine Überraschung ist daher die hohe Hormon-Rezeptor-Expression im Belohnungszentrum ihres Gehirns. Ihre Verwandten aus dem Gebirge haben es dagegen nicht so mit einer festen Bindung und der Aufgabenteilung bei der Kindererziehung. Ihr Spiegel liegt deutlich unter dem ihrer Verwandten. Mit einer Rezeptorblockade lässt sich aber leicht aus der Prärie- eine Bergwühlmaus machen – zumindest charakterlich.

Oxytocin spielt eine große Rolle beim Höhepunkt im Geschlechtsverkehr, genauso wie beim Milcheinschuss zum Stillen oder beim Einsetzen der Geburtswehen. Es scheint, dass das Hormon im Lauf seiner Entwicklungsgeschichte viele Funktionen erworben hat. Die Basis beruht jedoch wohl immer auf der Stärkung der sozialen Bindung im Umkreis und dem Aufbau von Vertrauen – wahrscheinlich per Einfluss im Mandelkern.

Mittel gegen Autismus und Depression?

Ob dieser Effekt auch Patienten mit Autismus oder den verwandten Krankheitsspektren helfen kann, daran forschen im Moment etliche Wissenschaftler. Auch Patienten mit Depressionen und Borderline-Syndrom haben die Wissenschaftler in Freiburg im Visier, klinische Studien dazu haben bereits begonnen. „Aber aus den frühen Daten“ berichtet Markus Heinrichs, „können wir klar erkennen, dass Oxytocin allein nichts ausrichtet“. Nur zusammen mit einer Psychotherapie könnte die neue Strategie eine echte Alternative zu den bisherigen Antidepressiva bieten – denn anders als die bisherigen Wirkstoffe greift Oxytocin direkt an der Ursache der Störungen an.

Nicht effektiv genug

„Die Wirkungen in Heinrichs‘ Studien erkläre ich mir damit, dass Oxytocin auch im restlichen Körper an Rezeptoren andockt und dort die Darmtätigkeit herabsetzt, den Blutdruck leicht steigert und den Cortisolspiegel vermindert. Damit fühlen sich die Probanden entspannter und zeigen mehr soziale Verhaltensweisen.“ Valerie Grinevich vom Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg zweifelt daran, ob das Oxytocin per Spray überhaupt den Weg ins Gehirn findet. Denn Versuche bei Ratten deuten für sie darauf hin, dass Oxytocin in mehreren Gehirnregionen nur dann wirkt, wenn das Original von den Nervenzellen der Umgebung stammt.

Sicher ist jedenfalls, dass die noch kürzlich hochgelobte Wunderdroge nicht jeden glücklich, beziehungsfähig und vertrauensselig macht. Die Wirkung hängt von den bisherigen Erfahrungen des Probanden, seinem Umfeld und nicht zuletzt seiner genetischen Ausstattung ab.

Markus Heinrichs drückt es drastisch-realistisch aus: „Wenn Du mit mit einer sozialen Phobie zu Hause sitzt und jemand verschreibt Dir Oxytocin – ich wette, der einzige Effekt, den Du spürst, ist eine laufende Nase“.

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Medizin

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11 Kommentare:

Leider finden meine Erkenntnisse in der wissenschaftlichen Medizin keine Beachtung. Dabei spielt eine Rezeptorenblokade bei Oxytocin eine nicht zu unterschätzende Rolle. In der Geburtshilfe stellt die Behandlung einer vorzeitigen Wehentätigkeit mit Frühgeburtlichkeit immer noch ein nur schwer beherrschbares Problem dar.Dabei dürfte das in Verruf geratene Thalidomid (Contergan) ein kaum zu übertreffender Oxytocin-Rezeptorenblocker sein.Was sollte Geburtshelfer daran hindern, Contergan unter diesem Gesichtspunkt nach Abschluß der Embryogenese einzusetzen ?!
Meinetwegen darf man mich für die Aussage steinigen, daß Contergan selbst nicht das Dysmelie-Syndrom verursachte, sondern durch Thalidomid eine frühzeitige sonst natürliche Abstoßung (Frühabort)einer fehlentwickelten Frucht verhindert wurde.
Mir selbst ist noch erinnerlich, als Frauen unter dem Verdacht auf Extrauteringravidität mit starken (wehenartigen) Schmerzen zur Klinikaufnahme kamen und unter der Verordnung nur 1 Tabl. Contergan vollständig beschwerdefrei wurden. Jedoch zur termingerechten Geburt ereilte sie das Schicksal eines “Contergan”geschädigten Kindes.
Zu jener Zeit gab es noch nicht den Begriff der Rezeptorenblockade, somit auch nicht die Vorstellung, daß auch Contergan möglicherweise ein Oxytocin-Rezeptorenblocker sein könnte.

#11 |
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Um in den Genuss eines grossen Philharmonieochesters zu gelangen reicht es nie ein einziges Instrument hervorzuheben bzw. ihm den Alleingang zu lassen. Es ist immer das grosse Zusammenspiel was zum Höhrgenuss führt.
Selbes gilt für alle Hormone und Neurotransmitter die unsere Gefühlswelt im Gesamten darstellen.
Da könnte auch jeder Opiatabhaengige behaupten dass das Glück über den mü-Rezeptor bestimmt wird, doch das dem nicht so ist muss hier ja nicht erwaehnt werden.

#10 |
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Da gehört vielleicht noch etwas mehr dazu als dieses Hormon zu riechen oder zu sich zunehmen.
Natürlich führt es zu Wohlbefinden, aber nur dann wenn es auch auf natürlichem Wege zustande gekommen ist, nämlich durch liebevolle Berührung.

Im Übrigen kann ich auch Dr.Thomas Krüger zustimmen.

Den Satz
¿Wenn Du mit mit einer sozialen Phobie zu Hause sitzt und jemand verschreibt Dir Oxytocin – ich wette, der einzige Effekt, den Du spürst, ist eine laufende Nase¿.
sollten sich alle “Chemiker” unter den Psychiatern hinter die Ohren Schreiben.
Dies gilt nicht nur bei Sozialer Phobie sondern bei allen psychischen Problemen.

#9 |
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Naturwissenschaftler

Lieber Herr Lederer,

besten Dank für die prompte Reaktion und den interessanten Literaturhinweis. Beste Grüße, S. Bruhn

#8 |
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Endlich hat sich der übertribene ” Rummel ” um Oxytocin etwas geklärt.

#7 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Danke für den guten Beitrag. In der Natur ist eben selten etwas einfach, weder in Struktur noch in Korrelationen.

#6 |
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Medizinjournalist

Sehr geehrter Dr. Bruhn,
Enge Bindung zwischen Mutter und Kind spiegelt sich wohl im Oxytocin-Pegel wider. Ein neuerer Bericht in ¿Hormones an Behaviour¿ beschreibt auch einen Zusammenhang zwischen mütterlichem Temperament und Oxytocin bei der Mutter-Kind-Bindung; Gefühlsbetonte Mütter haben höhere Spiegel. Allerdings ist der Einfluss nicht so stark, dass sich allein aus dem Charakter der Mutter auf den Hormonspiegel schließen lässt: Aus dem Abstract des Artikels¿ : ¿ The trait measure of adult temperament emerged as a significant predictor of oxytocin response. Two out of four Adult Temperament Questionnaire factor scales were independently associated with oxytocin response: Effortful Control was negatively associated, whereas Orienting Sensitivity was positively associated.

No state measure significantly predicted oxytocin response.

The results indicate that mothers who show an increased oxytocin response when interacting with their infants are more sensitive of moods, emotions and physical sensations; and less compulsive, schedule driven and task oriented. These findings link differences in individual temperament in new mothers with the peripheral oxytocin response, which may have implications in the pharmacologic treatment of disorders such as maternal neglect, post-partum depression and maternal addiction.”

Übrigens die entsprechende Ausgabe des Hefts ist ein ¿Oxytocin-Special¿. Zu erreichen (Volltext kostenpflichtig!) unter http://www.sciencedirect.com/science/journal/0018506X/61/3

#5 |
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Naturwissenschaftler

Kuschel-Hormon mal anders, O.K. Was ich in dem Beitrag dennoch vermisse, ist die eminente Bedeutung des Oxytocins für den Aufbau der Mutter-Kind-Bindung nach der Geburt. Gibt es hierzu auch neue Erkenntnisse?

#4 |
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Matthias Wutz-Ströhlein
Matthias Wutz-Ströhlein

Schlecht recherchiert, wesentliche Ergebnisse bleiben unerwähnt

#3 |
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Uwe Niese
Uwe Niese

Danke für die fundierte Zusammenfassung.

Männer! Von Frauen lernen heißt siegen lernen.(So sie liebesfähig sind).

Wir sind nicht Knechte der Hormone – das ist unser Auftrag.

#2 |
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Die Suche nach der Wunderdroge ist immer die Suche nach DEM einen Hebel, der uns ein extrem multifaktoriell bestimmtes System beliebig steuern läßt. Aber diese Suche ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Gut, daß jetzt etwas die Luft aus dem Oxytocin-Hype herausgelassen wird. Daß diese simple Molekül eine große Rolle spielt, ist sicher unbestritten, aber um die ganzen Zusammenhänge zu verstehen, wird noch viel, sehr viel Forschungsarbeit zu leisten sein.

#1 |
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