Polizei meets Pharmazie

20. Februar 2008
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In einer ungewöhnlichen Gemeinschaftsaktion haben britische Pharmazeuten, chinesische Behörden und Interpol einen Pillenfälscher-Ring in China ausgehoben. Vor allem gefälschte Antimalariamittel florieren im Reich der Mitte.

Um den Handel mit gefälschten Arzneimitteln einzudämmen, lassen sich Pharmakonzerne immer raffiniertere Konzepte einfallen. Der Einsatz von RFID-Funkchips oder die Markierung der Packungen und Blister mit genetischer Information sind nur zwei spektakuläre Strategien unter vielen. Das Problem: Derart teure Verfahren lohnen sich nur für sehr teure Präparate. Gefälscht aber werden auch andere.

Operation Jupiter

Zum Beispiel das Anti-Malaria-Mittel Artesunat. Die Substanz ist keines jener Präparate, die westliche Touristen klassischerweise als Standby-Medikation mit sich führen, wenn sie in Malaria-Regionen reisen. Vielen hier zu Lande dürfte es unbekannt sein. Trotzdem hat es als wirksame und vor allem kostengünstige Therapieoption hohe Bedeutung in zahlreichen Ländern mit Malaria. “Als Teil von Artemisin-basierten Kombinationstherapien ist Artesunat unverzichtbar in der Malaria-Therapie. Es ist eine der effektivsten Waffen gegen diese furchtbare Geißel”, betont Dr. Paul Newton vom Tropenmedizinischen Forschungsprogramm Südostasien an der Wellcome Trust Universität Oxford. Und eine gerne gefälschte. Das konnte jetzt im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts gezeigt werden, an dem die International Criminal Police Organisation (Interpol), das WHO Regionalbüro West-Pazifik und die Wellcome Trust Universität mit mehreren pharmazeutischen Labors beteiligt waren. Die ungewöhnliche Zusammenarbeit brauchte natürlich auch einen ungewöhnlichen Namen. Das Joint Venture hörte auf den Codenamen “Operation Jupiter”. Der wissenschaftliche Teil der Untersuchungen wurde jetzt in der Fachzeitschrift PLoS Medicine veröffentlicht und ist frei im Internet einsehbar.

Alles gefälscht!

Zu den wichtigen Ergebnissen des Kooperationsprojekts gehören detaillierte Zahlen über das Ausmaß von Artesunat-Fälschungen in Südostasien. Mit Hilfe pharmazeutisch-chemischer Untersuchungen konnten die Wissenschaftler nachweisen, dass in Teilen Myanmars, der Volksrepublik Laos, Kambodschas und Vietnams bis zu fünfzig Prozent aller Artesunat-Tabletten gefälscht sind. Die meisten dieser im Rahmen der Operation Jupiter untersuchten Fälschungen enthielten einfach überhaupt kein Artesunat. Zum Teil waren ganz andere Substanzen enthalten. Zum Teil waren es aber auch viel zu geringe Mengen der Substanz, gerade so viel, dass die betreffenden Pillen bei Standard-Screeningtests im Rahmen von Qualitätskontrollen nicht auffallen. “Diejenigen, die diese gefälschten Anti-Malaria-Medikamente hergestellt haben, bringen Menschen also auf zweierlei Weise um: Direkt, indem sie ein Medikament herstellen, das nicht wirkt, und indirekt, indem sie dazu beitragen, dass sich Resistenzen rascher ausbreiten”, so Newton.

Auf der Spur der Pollen

Bis zu diesem Punkt ist Operation Jupiter ein ganz normales wissenschaftliches Forschungsprojekt. Dazu hätte es Interpol nicht gebraucht. Doch es ging weiter. Untersucht wurde nämlich nicht nur der Gehalt an Artesunat, sondern auch noch Verunreinigungen. Und darunter fanden sich unter anderem Pflanzenpollen sowie das Mineral Kalzit, was darauf hindeutete, dass zumindest ein Teil der gefälschten Pillen aus Südchina kam. Spätestens an dieser Stelle kommt dann der Pharmazeut alleine nicht mehr weiter. Ausgestattet mit den von den Wissenschaftlern angehäuften Indizien wandte sich Interpol an die chinesischen Behörden. Die verhafteten daraufhin Verdächtige in der südchinesischen Provinz Yunnan, die immerhin eine Viertelmillion Packungen gefälschten Artesunats unters Volk gebracht hatten. Nur etwa ein Zehntel davon konnte sichergestellt werden. Der Rest nahm seinen Weg durch Südostasien wahrscheinlich über Myanmar, das direkt an Yunnan angrenzt.

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