Angststörungen: Bewältigung im Bett

22. Oktober 2013
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Erstmals ist es Wissenschaftlern gelungen, konkrete Ängste im Schlaf zu mildern. Dabei scheint die Länge des Schlafes eine wichtige Rolle zu spielen. Der neue Ansatz könnte bei der Behandlung von Phobien von Nutzen sein.

In zahlreichen Studien wurde bereits die Wirksamkeit der Konfrontationstherapie bei der Behandlung von Angststörungen belegt. Dabei wird der Patient unter Anleitung seines Therapeuten so lange einer angstbesetzten Situation ausgesetzt, bis sich die Angst aufgelöst hat. Als gesichert gilt außerdem, dass Schlaf ein wichtiger Prozess zur Konsolidierung des menschlichen Gedächtnisses ist. Beide Aspekte konnten Wissenschaftler der Northwestern University in Chicago, USA, nun zur Auflösung zuvor konditionierter Angst bei ihren Probanden erfolgreich einsetzen.

Angst mit Gerüchen verknüpft

In ihrer Studie, die sie kürzlich im renommierten Fachmagazin Nature Neuroscience veröffentlich hatten, generierten die Wissenschaftler Ängste, indem sie jedem der 15 Teilnehmer zwei Bilder von menschlichen Gesichtern zeigten und sie teilweise beim Betrachten der Bilder milden Elektroschocks aussetzten. Gleichzeitig verknüpften sie jedes Bild mit einem bestimmten Geruch wie beispielsweise dem nach Zitrone, Pfefferminz, neuen Turnschuhen, Gewürznelke oder Holz. Das Ausmaß der Angst maßen die Wissenschaftler über die elektrische Leitfähigkeit der Haut ihrer Probanden. Diese steht im direkten Zusammenhang mit der Schweißproduktion der Haut bei Angst. Parallel dazu registrierten die Forscher Veränderungen in Hirnregionen, die bei olfaktorischer Konditionierung aktiv sind.

Konfrontation: Riechen im Schlaf

Dann legten sich die Probanden zu einem kurzen Schläfchen von etwa einer Stunde hin. Während die Studienteilnehmer in die Tiefschlafphase drifteten, konfrontierten die Wissenschaftler jeden Probanden erneut mit dem Geruch, den er beim Betrachten eines der beiden Bilder wahrgenommen hatte.

Zunächst erhöhte sich dabei die elektrische Leitfähigkeit der Haut – ein Zeichen dafür, dass die Gerüche mit Angst verknüpfte Erinnerungen aktivierten. Mit der Zeit ließ die Schweißproduktion der Haut allerdings nach. Im Wachzustand hatten die Probanden beim Betrachten des entsprechenden Bildes weniger Angst als wenn sie das Bild ansahen, mit dessen Geruch sie während ihres Schlafes nicht konfrontiert worden waren. Hochauflösende funktionelle Magnetresonanzaufnahmen zeigten eine veränderte Aktivität der Amygdala, nachdem die Angst der Probanden aufgelöst war. Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, ist Teil des Limbischen Systems und maßgeblich an der Entstehung von Angst beteiligt. Der Schlaf schien dabei maßgeblich daran beteiligt zu sein, die erlernten Ängste wieder loszuwerden. Denn derselbe Versuchsaufbau zeigte keine angstabbauende Wirkung, wenn die Probanden anstatt eines kurzen Schlafs einen Natur-Dokumentarfilm ansahen.

Schlafdauer offenbar ausschlaggebend

Prof. Dr. Jan Born ist Neurobiologe an der Universität Tübingen und war nicht an der Studie beteiligt. Die Studienergebnisse seiner Kollegen aus Chicago bezeichnete der Leibniz Preisträger DocCheck gegenüber als völlig überraschend. “Die Studie ist so spannend, weil sie etwas gänzlich Unerwartetes präsentiert”, sagte er. Prof. Born und seine Kollegen hatten im Juli dieses Jahres die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlicht, in der sie untersucht hatten, wie gut sich Probanden an eine konditionierte angstauslösende Situation nach einer durchschlafenen oder einer durchwachten Nacht erinnern konnten. Probanden ohne Schlafentzug litten deutlich stärker unter ihren Ängsten als ihre Studienkollegen, denen der Schlaf verwehrt geblieben war – auf den ersten Blick ein konträres Ergebnis im Hinblick auf die aktuelle Studie. Prof. Borns Erklärung: “Dieser Effekt hängt wahrscheinlich mit der Verweildauer der Probanden in der REM-Schlafphase zusammen.” Kurze Schlafepisoden, wie in der Studie der Kollegen aus Chicago untersucht, hätten nur wenige oder gar keine REM-Phasen, von denen angenommen wird, dass sie emotionale Erinnerungen konsolidieren. Die Länge des Schlafs könnte also durchaus ausschlaggebend dafür sein, ob angstbehaftete Erinnerungen gelöscht oder verstärkt werden. “Ich vermute, dass der REM-Schlaf besonders wichtig ist, um ein Gedächtnis für Furcht dauerhaft auszuprägen”, so Prof. Born. Besonders interessant fände der Schlafforscher, die Studie der Kollegen mit einer Nachtschlafphase anstatt nur eines einstündigen Schläfchens zu wiederholen.

Möglicher Therapieansatz für Phobiker

Studienleiterin Dr. Katherina Hauner von der Feinberg School of Medicine der Northwestern University sieht in ihren Studienergebnissen Potential für künftige Therapiestrategien in Kombination mit Konfrontationsansätzen bei Phobien. Sie vermutet, dass sich die Konfrontationstherapie durch spezielle Aktionen im Schlaf der Patienten möglicherweise verstärken lässt. Doch so weit sind die Forscher noch nicht. In dieser Studie wurden angstbesetzte Erinnerungen nämlich innerhalb kurzer Zeit generiert und wieder ausgelöscht, geben die Autoren zu bedenken. Das entspricht nicht unbedingt der Realität, mit der Patienten mit phobischen Erkrankungen konfrontiert sind. Derartige Störungen entwickeln sich oft über viele Jahre bis sie erkannt und dann eventuell behandelt werden. Ob bereits für längere Zeit existierende Erinnerungen auf die gleiche Weise geschwächt werden können wie in dieser Studie, wird daher Gegenstand künftiger Forschungsarbeiten sein.

136 Wertungen (3.89 ø)

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10 Kommentare:

beide studien sind nicht vergleichbar, da es nur bei hauner et al. zu einer re-exposition mit dem konditionierten, olfaktorischen reiz kam.

#10 |
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Kristina Walker
Kristina Walker

Das mit der Geruchswahrnehmung halte ich für Blödsinn. Wir haben im Studium gelernt, dass der Olfactorius sympathisch funktioniert und man nicht von einem Geruch aus dem Schlaf geweckt werden kann. Das Paradebeispiel waren die Hausbrand-Opfer, die nicht vom Brandgeruch gewarnt und geweckt werden können, da der Parasympathikus im Schlaf die Regie übernimmt.

K. Walker, Ärztin

#9 |
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W. Dams
W. Dams

@ W. Schulz: So so. Ein bisschen auf der Handfläche rumdrücken und schon ist die Phobie weg. Wollen Sie diese modifizierte Handleser-Methode hier wirklich als Phobie-Therapie verkaufen? Schade, dass man HPs nicht die Approbation entziehen kann. Ach ja: Sie haben ja gar keine.

#8 |
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Stimme Jan Hermann zu. Insbesondere als HP sind mir schon viele “drollige” Therapiemethoden “warm als Herz gelegt” worden. Klar, googeln hilft, aber “informativ” kenne ich anders. Warum habe ich eigentlich viele Jahre studiert, wenn ich doch einfach eine Behandlungmethode mal eben für viel Geld erlernen kann um dann alle meine Angstpatienten in Null-Komma-Nix zu heilen. Da habe ich wohl im Studium geschlafen als diese Methoden angesprochen wurden. So ein Pech aber auch. Aber wer heilt, hat ja bekanntlich Recht. Warum nur gibt es dennoch soooo viele Angstpatienten?
Mit den besten Grüßen
Dr. R. Radke, HP und Dipl.- Psych.

#7 |
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Heilpraktiker

zu Jan Hermann
Das sind doch keine Geheimnisse. Schon goggeln hilft mehr zu wissen. Und es gibt genügend HPs die das mit Erfolg anwenden. Aber vielleicht doch noch zu wenige…

#6 |
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Marc Waesche
Marc Waesche

Hmmm. Ganz neu ist diese Erkenntnis aber nicht. Zumindest habe ich vor mehreren Jahren schon einmal gelesen, dass Schlafentzug, direkt folgend auf dramatische Erlebnisse (Tod von Partner etc.) , das Erlebte deutlich schwächer ausgeprägt im Gedächtnis abspeichert. Insbesondere bezogen auf emotionale Assoziationen.

#5 |
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Medizinisch-Technischer Assistent

@JW Schulz

Erstaunlich, dass es dann überhaupt noch Phobien auf der Welt gibt, wenn die Therapie doch so einfach ist. Oder kennen nur Sie das Geheimnis? Lassen sie doch die Welt teilhaben.

#4 |
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Tina Multhaupt
Tina Multhaupt

Schlafdauer ausschlaggebend- wie immer.
Warum schafft man nicht erst einmal einen geruhsamen Schlaf für Phobiker, bevor man andere Thera- Methoden antestest?

#3 |
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Heilpraktiker

Phobien lassen sich mit der Moshe-Zwang-Methode in 10 Minuten dauerhaft auskurieren.
Alternativ kann auch die Yes-Set-Methode in tiefer Trance angewendet werden. 1-2 Sitzungen und die Phobie ist geheilt.
!!

#2 |
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Heidrun Fehrl
Heidrun Fehrl

Wieso unerwartet? Im Schlaf (wie in der aktiven Entspannung vor allem durch tiefe, langsame Zwerchfellatmung) wird die Funktion des Parasympathikus gestärkt, Sympathikusaktivierungen verringern sich = Entspannung = bessere Sauerstoffversorgung = bessere Organleistungen = bessere Bewältigungsmodi.

#1 |
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