Handicap und Gallen-Lap

6. März 2008
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Der Siegeszug der Spielkonsole Wii von Nintendo ist nicht mehr aufzuhalten: Nach Kinderzimmer, Wohnzimmer und Papas Büro hält das clevere Gerät jetzt auch im Krankenhaus Einzug: Denn Chirurgen, die spielen, operieren besser.

Sie kennen das Problem: Sie werden minimalinvasiv an der Galle operiert, und der Chirurg schneidet statt des Ductus cysticus versehentlich den Ductus choledochus durch. Muss nicht sein, wenn die Ausbildung stimmt. Neben anatomischen Grundkenntnissen kommt es in den operativen Fächern bekanntlich auf eine gewisse manuelle Geschicklichkeit an. Und die lässt sich nicht nur am Dummy üben, sondern auch am Simulator.

Lap-Zange statt Golfschläger

Der Haken an der Sache ist, dass Simulatoren in der Regel langweilig sind. Das fanden auch die Chirurgen der Klinikkette Banner Health im US-Bundesstaat Arizona. Sie schnappten sich einen biomedizinischen Informatiker der Arizona State University, fingen an zu überlegen und kamen – auf die Wii. Für Leser ohne Kinder: Die Wii ist Nintendos Antwort auf Sonys Playstation und Microsofts XBox. Es handelt sich um eine Spielkonsole, die zwar grafisch wenig hermacht und deswegen von der Konkurrenz anfangs auch verlacht wurde. Sie hat allerdings eine völlig neuartige Steuerung, die letztlich dazu führte, dass sie sich zu einem Verkaufsschlager ohne Gleichen entwickelte, der der Konkurrenz derzeit um Längen den Rang abläuft. Die Wii-Steuerung erlaubt beispielsweise, sich bei einem Golf-Simulator mitten ins Zimmer zu stellen, eine an den Controller gekoppelte Art Golf-Schläger in die Hand zu nehmen und tatsächlich Schwünge zu machen, sofern das Wohnzimmer dafür groß genug ist. Wer richtig schwingt, trifft das Loch. Wer nicht, schlägt daneben. Das macht Spaß. Fanden auch die Chirurgen. Sie sägten den Golf-Controller der Wii vorne ab, und der Bioinformatiker bastelte stattdessen ein laparoskopisches Werkzeug dran, mit dem nun Computerspiele auf der Wii absolviert werden konnten.

Neues Zertifikat: “Wii-trained surgeon”

Dann kam die Studie: Insgesamt 16 Chirurgie-Assistenten übten im Rahmen ihrer Ausbildung laparoskopische Eingriffe an einem klassischen Laparoskopie-Simulator. Die Hälfte durfte zusätzlich mit der chirurgisch aufgemotzten Wii-Konsole spielen, und zwar das Spiel Marble Mania. Es handelt sich dabei um ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem der Controller, also die Lap-Zange, benutzt wurde, um eine Murmel über einen Parcours zu lenken. Nach einigen Runden gingen dann alle 16 wieder an den klassischen Laparoskopie-Simulator, wo sie eine Gallenblase entfernen mussten. Das Resultat: Die Assistenten, die mit der Wii gespielt hatten, konnten ihre Performance am Simulator deutlich stärker verbessern als jene, die nicht spielen durften. Auf einem Standard-Score für das Abschneiden bei der Laparoskopie-Simulation erreichten die “Spieler” eine um 48 Prozent größere Verbesserung im Vergleich zur letzten Simulation als die Nicht-Spieler.

Wochenende in Gefahr!

Kanav Kahol, der Bioinformatiker, der den Chirurgentraum vom spielenden Lernen Wirklichkeit machte, weist im Wall Street Journal Health Blog darauf hin, dass nicht jedes Wii-Spiel gleich geeignet ist als Trainingseinheit für die laparoskopische Operation. Tennis beispielsweise helfe nicht so sehr: “Entscheidend ist, dass es feinmotorische Handbewegungen gibt”, so Kahol. Die kann Tennis nun in der Tat nicht liefern. Wegen des großen Erfolgs ihrer Pilotstudie wollen Kahol und seine Chirurgen jetzt einen echten Laparoskopie-Simulator auf Wii-Basis entwickeln. Spätestens dann wird die Wii wohl zum festen Bestandteil des OP-Katalogs. Es braucht allerdings auch nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, was dann in der typischen Chirurgenfamilie am dienstfreien Wochenende passiert. Während Junior sein neuestes Wii-Game spielen möchte, nutzt Papa jede Unaufmerksamkeit des Sprösslings, um die Lap-Zange zu montieren und virtuelle Gallenblasen im Wohnzimmer zu entfernen. Könnte schon sein, dass Sohnemann dann doch wieder auf die Playstation umsteigt…

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