Diabetes: Rettung für Zucker-Füße

6. März 2008
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Es klingt kurios, gilt aber weltweit als zukunftsträchtige Spezialtherapie: Ausgerechnet der Einsatz des Skalpells soll bei Diabetes-Patienten unter anderem die gefürchteten Amputationen verhindern. Die Klinik der Medizinischen Hochschule Hannover hat diesen Behandlungsansatz nun als eines der ersten Häuser Europas angewandt.

Die Prognosen sind mehr als düster. Wer Menschen mit Diabetes mellitus zu seinen Patienten zählt, weiß: Bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen entwickelt sich eine Neuropathie. Dass diese diabetische Nervenschädigung nach extremen Brennschmerzen und einer weitgehenden Asensibilität an Händen und Füssen schließlich den völligen Verlust der Schutzsensibilität verursacht, ist ebenfalls kein Novum – wohl aber die bislang kaum wirklich therapierbare Hauptursache für das diabetische Fußsyndrom, dem allein in Deutschland pro Jahr 25.000 Amputationen an Fuß, Unter- oder Oberschenkel zugerechnet werden. Dabei ist das noch nicht einmal das Ende der Horror-Prognose: Über 30 Prozent der Diabetiker sterben nach einer Unterschenkelamputation innerhalb von zwei Jahren.


Genau das könnte sich sehr bald ändern. Denn der an der in Baltimore angesiedelten Johns-Hopkins-Universität lehrende Professor für Plastische und Neurochirurgie A. Lee Dellon entwickelte eine geradezu sensationelle Behandlungsmethode. Der Clou: Immer dann, wenn der Amerikaner seinen Diabetes-Patienten die Amputation ersparen will, greift er zum Skalpell. Denn sein Therapieansatz basiert auf der vorsorglichen Entlastung der Bein-Nerven an gleich drei verschiedenen Engpässen: Wadenbeinköpfchen, Fußrücken sowie der Tarsaltunnel hinter dem Innenknöchel kommen auf diese Weise gezielt unters Messer.

Weltweiter Siegeszug

Voraussetzung für die Gliedmaßen rettende Operation ist der Nachweis einer Nervenkompression an Hand oder Bein als Ursache für eine Neuropathie – und die adäquate Blutzuckereinstellung und Beindurchblutung. Das Ausmaß der Neuropathie bestimmt ein eigens dazu entwickeltes Sensibilitätstestgerät (PSSD) anhand von Messungen der Berührungsschwelle und mit Hilfe der Zwei-Punkte-Diskrimination. Die OP als letzter Ausweg vor der Amputation – was lange Zeit als Hirngespinst galt, überzeugt mittlerweile Ärzte weltweit. Tatsächlich bewirken Dellons messerscharfe Freilegungen und Nervenlösungen eine deutliche Schmerzlinderung und Wiederkehr der Schutzsensibilität. Folge der ultimativen Eingriffe: Sowohl Ulzera, als auch Amputationen lassen sich vermeiden.

"Bisher wurden in den USA schon mehr als 1000 Patienten operiert, in mehr als 80 Prozent der Fälle besserten sich die oft kaum erträglichen Schmerzen deutlich und die Sensibilität kehrte soweit zurück, dass bei keinem danach ein Ulkus entstand oder eine Amputation notwendig war", schwärmt auch der Arzt Andreas Gohritz von der MHH-Klinik für Plastische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie in Hannover. Dass sich die MHH zu den ersten Kliniken in Europa gesellte, die das amerikanische Therapiekonzept anwenden wollen, zeigt wie groß das Potenzial der Methode wirklich ist. Die chirurgische Nervenentlastung "kann Schmerzen, Fußgeschwüre und Amputationen bei Diabetikern verhindern", teilte die medizinische Hochschule in Hannover mit – und bietet die "neuartige Therapie bei Nervenschädigungen in Folge eines Diabetes mellitus an".

Ökonomisch reizvoll

Noch gilt – bis auf wenige Ausnahmen – in der Republik die alte Lehrmeinung, wonach sich eine diabetische Nervenschädigung durch Medikamente zwar verlangsamen lässt, ansonsten aber selbst bei guter Blutzuckereinstellung unumkehrbar fortschreitet. "Es ist aber tierexperimentell und klinisch eindeutig bewiesen, dass die diabetische Neuropathie auch durch lang andauernde Nerveneinengung verursacht sein kann und hier ist ein wirksamer Therapieansatz möglich", erklärt Professor Dr. Peter Vogt, Leiter der anwendenden Klinik. "Es kommt an anatomisch vorgegebenen Engstellen, etwa im Verlauf nahe von Knochen oder in Bindegewebssepten, zu einer chronischen Druckschädigung des diabetischen Nerven." In solchen Fällen läge eine Therapie nah.

Die Therapie-Avancen der Niedersachsen fußen womöglich auf einem soliden Fundament mit ökonomisch reizvollen Perspektiven. Mehr als vier Millionen Menschen leiden allein in Deutschland an Diabetes mellitus.

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