Böse Viren, gute Viren

20. März 2008
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Bakterien, die sich dauerhaft bei uns einnisten, schützen uns vor pathogenen Erregern. Nun häufen sich Forschungsergebnisse, die einen solchen Schutz auch für Viren zeigen. Fazit: Nicht alle Viren sind immer schlecht - einige "harmlose" Exemplare können vor weitaus Schlimmerem schützen.

Ein geschwächtes Immunsystem öffnet vielen Eindringlingen die Tür. So war es für Paolo Lusso keine Überraschung, im Lymphgewebe von HIV-infizierten Patienten zuweilen auch das humane Herpesvirus 6 zu finden. Da die beiden aber anscheinend im Zusammenspiel die AIDS-Erkrankung beschleunigten, wandte sich der Mailänder Virologe vom San Raffaele Scientific Research Center an seinen amerikanischen Kollegen Leonid Margolis vom National Institute of Child Health and Human Development, um gemeinsam eine Lösung auf die Frage zu finden, was den Krankheitsverlauf bei Patienten mit dem Herpesvirus schneller fortschreiten lässt.

Als das amerikanische Team dann Lymphgewebe sowohl mit Herpesviren als auch mit HIV infizierte, machte es eine Entdeckung, mit der niemand gerechnet hatte. Das Herpesvirus hemmte die Vermehrung von HIV. In einem Artikel in Nature Medicine im Jahr 2001 berichten die Forscher, dass HHV-6 im Menschen die Produktion des Chemokins RANTES anregt. RANTES aber bindet an den gleichen Rezeptor, der auch den “frühen”, weniger aggressiven AIDS Viren als Eingangstür in die Zelle dient, CCR-5.

Nobelpreis für die Malariatherapie

Lusso und Margolis hatten bei viralen Infektionen etwas gefunden, was bei Bakterien und Parasiten schon länger bekannt war: Dass die Besiedlung eines vermeintlich harmlosen Virus eine Vermehrung eines anderen pathogenen Erregers verhindern kann. Schon 1917 behandelte der Österreichische Neurologe Julius Wagner-Jauregg Patienten mit Neurolues nach einer Treponemen-Infektion erfolgreich, indem er ihnen Malariaerreger spritzte. Zehn Jahre später belohnte das Nobelpreis-Kommittee diese Arbeit.

Die Zusammenarbeit verschiedener Mikroorganismen-Spezies ermöglicht uns eine gute Verdauung und schützt die Vagina vor bösartigen Angreifern. In der aktuellen Ausgabe des JASN, dem Organ der amerikanischen Nephrologen, beschreibt David Kaufman vom Bostoner Slone Epidemiology Center den Schutz vor Nierensteinen durch Oxalobakterien. In der Studie fand er bei Nierenstein-Patienten nur in jedem sechsten solche Bakterien, in der Kontrollgruppe dagegen in vier von zehn Probanden. Möglicherweise, so seine Theorie, baut das Bakterium Oxalat ab, aus dem sich die meisten Steine zusammensetzen.

Dass Viren auch gegen Bakterien schützen, zeigen Versuche an Mäusen, die eine Arbeitsgruppe aus dem amerikanischen St. Louis im Mai letzten Jahres in Nature veröffentlichte. Tiere, die Eric Barton mit Herpesviren infizierte, überstanden einen Angriff mit tödlichen Listerien oder Yersinia pestis unbeschadet. Über den Mechanismus spekuliert der renommierte Immunologe Emil Unanue in einem Artikel für das New England Journal of Medicine. Bei der Konfrontation mit den Viren setzt das Immunsystem gamma-Interferon frei. Im Körper baut sich so ein Gleichgewicht zwischen Immunabwehr und Virusvermehrung auf. Die ständig aktivierten Makrophagen schützen dann zuverlässig gegen die bakterielle Bedrohung.

Mit Herpes-, Flavi- und Pockenviren gegen HIV

Herpesviren und HIV kommen sich an mehreren Stellen des menschlichen Stoffwechsels ins Gehege. Denn auch das humane Herpesvirus 7 (HHV-7) hemmt das AIDS-Virus. Im Gegensatz zum anfangs erwähnten HHV-6, so die Mitteilung der Margolis’schen Arbeitsgruppe im Januar 2007, beeinflusst es nicht den Chemokinrezeptor, sondern das CD4-Molekül auf der Zellüberfläche, das den Hi-Viren als Ankerpunkt dient. Auch Flaviviren wie GBV-C inhibieren die Vermehrung von HIV. Der Mechanismus ist in diesem Fall jedoch noch nicht völlig klar. In der Gewebekultur mit Lymphgewebe laßt sich HIV sogar mit dem Vaccinia-Virus hemmen.

Versuche wie bei Mäusen, mit scheinbar ungefährlichen Viren eine gefährliche Infektion zu verhindern oder gar zu stoppen, verbieten sich beim Menschen. “Denn”, so HIV-Entdecker Roberto Gallo, “jedes Virus, das keine Krankheit hervorruft, hat die Möglichkeit, eine Krankheit auszulösen.” Rund acht Prozent des menschlichen Genoms besteht aus DNA-Sequenzen, die von Viren abstammen. Kühnere Schätzungen gehen bis zur Hälfte. Und wie unterschiedliche Viren im Menschen miteinander reagieren, ist erst an wenigen Beispielen erforscht.

Im Alltag scheint aber das Mit- und Gegeneinander der mikrobiellen Flora in unserem Inneren spürbare Konsequenzen für jeden zu haben. Entsprechend der “Hygienehypopthese” schützt uns der frühe Kontakt mit Erregern aller Art vor späteren Allergien. Er “sorgt für ein großes Antigenspektrum, einschließlich Molekülen, die in das Immunsystem eingreifen”, so Emil Unanue. “Eine solche Abwehr ist entsprechend gereift und besser auf zukünftige Antigen-Angriffe gerüstet”.

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