Landkarte durchs Ich

20. März 2008
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IBM-Forscher im Schweizer Rüschlikon haben den ersten Prototyp einer neuartigen Visualisierungssoftware für elektronische Patienteninformationen entwickelt. Der Clou: Ein Avatar liefert dem Doc die wichtigsten virtuellen Daten zum real existierenden Patienten.

Der Blick auf den 3D-Avatar ist nur wenige Klicks vom Laptop des Hausarztes entfernt, nach nur wenigen Sekunden erkennt der Arzt die Leiden der Patienten: Erst setzte eine Mononucleose der Frau zu, dann wiederum, nach zwei Jahren und an einem ganz anderen Wohnort, hatte die junge Frau mit zu hohen Cholesterinwerten und zunehmenden Wirkstoffallergien zu kämpfen: Penicillin und Paracetamol machten das Leben der 1972 geborenen Klientin zur Qual. Ob Diagnosen und Prognosen, alles was Ärzte zu ihren Patienten zu vermerken haben lässt sich in Zukunft in Farbe und 3D auf immer speichern – quasi weltweit verfügbar in Form des Patienten-Avatars.

Was wie eine freakige Erfindung der Second Life Community aussieht, stammt in Wirklichkeit aus der Feder der Programmierelite im Schweizer Rüschlikon. Dort nämlich entwickelten IBM-Forscher die so genannte Anatomic Symbolic Mapper Engine (ASME), und die hat es in sich: Sie führt Patienteninformationen in einer völlig neuen Art und Weise zusammen. Tatsächlich werden nahezu sämtliche elektronischen Gesundheitsdaten mit einem speziellen, dreidimensionalen anatomischen Modell des menschlichen Organismus verknüpft. Der Clou: Ärzte können mit Hilfe des Avatars durch den menschlichen Körper ihre Patienten surfen – welche Körperteile bereits zuvor behandelt wurden, lässt sich ebenso leicht detektieren wie das Vorhandensein zusammenhängender Gebrechen.

Von allen Seiten betrachten

Was simpel klingt dürfte den Alltag der Mediziner nachhaltig verändern. “So lassen sich etwa per Mausklick auf eine bestimmte Körperstelle sämtliche Informationen über diese abrufen”, schreibt IBM und: “Mussten sich Ärzte bisher durch Stapel von verschiedenen Notizen, Laborberichten und Testresultaten kämpfen, so könnte ihnen fortan der 3D-Avatar einen umfassenden Überblick über den Gesundheitszustand des zu behandelnden Patienten geben”.

In der Praxis sieht das konkret so aus: Wenn der behandelte über Rückenschmerzen klagt, liefert der ASME 3D-Avatars auf Mausklick alle verfügbaren Informationen zur Wirbelsäule des Patienten: Laborresultate, Röntgen- und Tomographieaufnahmen, verschriebene Rezepte oder Therapieberichte gehören dabei zum Repertoire des virtuellen Gegenübers. Damit nicht genug. Ausschnitte des Avataren-Organismus lassen sich bei Bedarf mit einer virtuellen Lupe vergrößern, auch können verschiedene Ansichten wie Kreislauf- oder des Muskelsystem vom Arzt frei gewählt werden.

Per Chat zum Austausch

Dass die Technologie nahezu praxisreif ist, demonstrierten die IBM-Forscher auf der CeBit in Hannover. Erstmals konnten IT-Freaks bestaunen, wie sich Ärzte in Zukunft an ihre virtuellen Patienten herantasten werden: Eine Integration von ASME in den Lotus Notes 8 Client ermöglich die Echtzeit-Abfrage der Daten von anderen Kollegen. “Web-Besprechung/Chatsession” heißt die dazu gehörige Funktion des Avatar-Systems, selbst die gemeinsame Aktivität zur weiteren Behandlung ist damit möglich.

Der Softwareprototyp soll vor allem der eHealth zu Gute kommen. ASME wurde nämlich auch als eine Komponente der eHealth-Plattform von IBM, des so genannten “Medical Information Hub”, entwickelt. Damit können nicht nur Ärzte untereinander, sondern auch Kliniken und Gesundheitspraxen in Echtzeit Patientendaten austauschen. Das System soll vorerst Ärzten vorbehalten sein, während die Daten Eigentum des Patienten bleiben.

Bei Zoom wird alles anders

Damit aber die exakte Verknüpfung der verschiedenen elektronischen Patientendaten mit der dreidimensionalen Darstellung überhaupt gelingt, mussten die Wissenschaftler tief in die IT-Trickkiste greifen. ASME greift auf die systematisierte Nomenklatur der Medizin (SNOMED) zu, die nicht weniger als 300.000 medizinische Begriffe enthält. “Eine der kniffeligsten und gleichsam spannendsten Aufgaben bei der Entwicklung bestand in der Definition der kontextuellen Suche”, heißt es dazu bei IBM. Im Klartext: Zoomt der Arzt auf einen bestimmten Körperteil, benutzt das System genau diese Abfrage, um den Algorithmus der Informationssuche entsprechend zu ändern.

Schlichte, aber funktionierende künstliche Logik des Avatars: Wer etwas über einen Nagel wissen möchte und dazu mit dem PC-Pfeil über die Handknochen fährt, erhält tatsächlich die Infos über Fingernägel – “und nicht über Fussnägel”, wie IBM auf seiner Homepage zum Avatar erklärt.

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