Ärzte: Stümper oder Superhelden?

28. März 2008
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Wer bei Ebay mitsteigert, kennt das System: Nur positive Bewertungen des Verkäufers von über 90% garantieren gute Geschäfte. Im Netz werden inzwischen Handwerker ebenso wie Lehrer bewertet. Im letzten Jahr tauchte plötzlich ein halbes Dutzend Websites auf, die auf Ärzte und Therapeuten zielen. Arztbewertungen sind en vogue und versprechen gute Geschäfte. Doch objektiv sind sie vorerst nicht.

Wer gerade den Umzug hinter sich hat und sich einen neuen Arzt, einen Zahnarzt oder einen Heilpraktiker sucht, verlässt sich gern auf Empfehlungen anderer. Dass auch die Gegenseite diese Tipps zu schätzen wissen, zeigt die Statistik: In einer Umfrage der Stiftung Gesundheit glauben immerhin 78 Prozent aller befragten Mediziner, dass solche Empfehlungslisten den Erfolg ihres Berufsstandes stärkt. Fast alle sind der Meinung, dass Patienten sehr viel von solchen Empfehlungen halten.

Recht auf freie Meinungsäußerung

Allerdings müssen auch einige der Niedergelassenen damit rechnen, dass die Portale nicht nur als erlaubte Werbeträger für ihre Praxis dienen. Denn mitunter lässt der Patient darin auch seinen Frust los, wenn sich der Arzt wieder einmal nicht viel Zeit für ihn genommen hat oder die Sprechstundenhilfe etwas weniger herzlich war. Meinungsäußerung, auch negative, ist statthaft, entschied vor kurzem das Landgericht Köln in einer Klage einer Lehrerin gegen das Bewertungsportal “Spickmich”, die von den Ärztekritikern gern zitiert wird. Um einen Ausgleich zwischen wohlwollender Empfehlung, nützlichen Hinweisen und Kritik zu finden, steuern die einzelnen Portale ganz unterschiedliche Strategien.

Helpster.de, das zur Holtzbrinck-Verlagsgruppe gehört, und Imedo haben ihre Arztbewertung in eine Patienten-Community eingebettet, in dem sich Patienten über ihre Erfahrungen und Befindlichkeiten austauschen können. Um den persönlichen Charakter herauszustreichen, geben Helpster.de, Topmedic und Docinsider den Nutzern eine Mischung von Freitext für ihre individuelle Beschreibung und ein Punktesystem für Behandlung und Praxisatmosphäre vor. Dagegen vertrauen Jameda und Patienten-empfehlen-Aerzte.de auf die reine Punktewertung, um abwertenden und klageträchtigen Bemerkungen aus dem Weg zu gehen. Imedo legt zudem besonderen Wert darauf, kein Bewertungs- sondern nur ein “Empfehlungsportal” zu sein, “und dies nur hinsichtlich der von Patienten beurteilbaren Kriterien wie Pünktlichkeit oder Freundlichkeit des Personals”, so Pressesprecher Jörg Zimmermann.

Strategien gegen den Missbrauch

Neben den größeren Portalen, die sich zum Teil mit finanzkräftigen Investoren zusammengetan haben, gibt es auch noch kleinere Plattformen wie zum Beispiel das der Selbsthilfegruppe www.psoriasis-netz.de, die auch eine Bewertung ihrer Spezialisten zulässt. Bei vielgenutzten Sites wächst jedoch die Gefahr eines Missbrauchs. Sei es, dass der unzufriedene Patient den Arzt mit ungerechtfertiger Schmähkritik bewirft oder dass sich einzelne Ärzte ihr Zeugnis selber ausstellen. Verschiedene Techniken sollen das verhindern. So gibt es zum Beispiel eine Blacklist verbotener Wörter für die Freitexteingabe oder eine Begrenzung der Bewertungen pro Nutzer für einen bestimmten Zeitraum. Topmedic gibt die Beiträge gar erst nach der Prüfung durch die Redaktion frei. Nicht umsonst wird soviel Aufwand gegen Wut und Schwindel getrieben. Eine der ältesten Arzt-Bewertungsseiten, Checkthedoc.de hat nach öffentlichen Zweifeln an seiner Seriosität den Betrieb eingestellt.

Dennoch werden die Seiten zunehmend populärer. Mit Healthpool.de soll eine weitere Website in den nächsten Tagen an den Start gehen. “Die meisten Ärzte begreifen Bewertungen als (Marketing)Chance”, glaubt Christoph Hausel von Helpster.de. So fordern Ärzte ihre Patienten schon einmal auf, ihre Zufriedenheit per Klick im Netz zu hinterlassen. Bei etwa der Hälfte der Portale bietet den Ärzten an, sich über Kommentare seiner Patienten informieren zu lassen. Dass die Bewertung der ärztlichen Leistung immer subjektiv bleibt, darin sind sich die Arzt-Bewerter einig. Eine unabhängige Einschätzung wollen andere Organisationen erreichen, die sich um eine Qualitätssicherung bemühen. “Praxissiegel“, eine Stiftungstochter der Bertelsmann-Stiftung vergibt genauso wie die KBV Zertifikate für geprüfte Arztpraxen. Imedo hat diese Zertifikate auch schon in seine Datenbank integriert.

Wer sich die Ärzteverzeichnisse genauer ansieht, sucht oft recht lange nach Bewertungen in seiner engeren Umgebung. Die Zahlen reichen von ein paar hundert und ca. 30.000 Bewertungen entsprechend den Angaben von Imedo. Nur ganz wenige Ärzte haben bisher mehr als ein Feedback von ihren Patienten. Vorerst ist damit wohl der Nutzen begrenzt. Denn wer möchte sich denn schon auf den Kommentar “Johnny” oder “Spitzmaus” verlassen, wenn es um die eigene Gesundheit geht. Dann doch lieber eine Empfehlung aus dem eigenen Bekanntenkreis.

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Zahnmedizin

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