Krebs: Das maligne Wort

14. Oktober 2013
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Je drastischer die Wortwahl bei der Diagnose ist, umso eher stimmen Patienten aggressiven Therapien zu. Weil das Überbehandlungen nach sich ziehen kann, wollen Mediziner das Vokabular bei Krebserkrankungen ändern. Die Forderung klingt plausibel, hat aber Schwächen.

“Sie haben Krebs!” Allen Behandlungsmöglichkeiten zum Trotz hat diese Diagnose bis heute nichts von ihrem Schrecken verloren. Viele Patienten, die bei ihrem Arzt damit konfrontiert werden, fühlen sich existenziell bedroht, zumindest aber aus der Bahn geworfen. Da ist es nur allzu verständlich, wenn sie die bösartige Geschwulst in ihrem Körper unbedingt loswerden wollen – auch wenn man einfach nur abwarten könnte.

Letzteres ist etwa beim duktalen Karzinom in situ (DCIS) eine Alternative. Jede fünfte Frau mit neu festgestelltem Brustkrebs hat eigentlich diese Diagnose. In der Regel wird der Tumor chirurgisch entfernt oder bestrahlt. Allerdings ist das DCIS streng genommen kein richtiger Krebs, sondern eine Vorstufe. Und das Risiko, dass sich ein richtiger Krebs daraus entwickelt, wird bei niedrigmalignen Tumorzellen mit etwa 20 Prozent über einen Zeitraum von bis zu 40 Jahren angegeben. Anstelle einer Therapie kämen daher auch regelmäßige Kontrolluntersuchungen in Frage.

Der Krebs muss weg, die abnormalen Zellen nicht

Sobald jedoch erst einmal von Krebs die Rede ist, scheint es schwierig, sich auf diese Vorgehensweise einzulassen. Das jedenfalls schließen Forscher aus einer Untersuchung, in der sie 394 gesunden Frauen die fiktive Diagnose DCIS einmal als ‘nichtinvasiven Krebs’, einmal als ‘Brustläsion’ und einmal als ‘abnormale Zellen’ präsentierten. Die möglichen Folgen der Erkrankung wurden dabei identisch beschrieben. Anschließend sollten die Frauen wählen, welche von drei Therapiestrategien sie in den drei Szenarien bevorzugen würden: die chirurgische Entfernung des Tumors, eine Arzneitherapie oder ein aktives Überwachen.

Wurde das DCIS als ‘Brustkrebs’ beschrieben, entschieden sich 47 Prozent der Frauen für die Operation, beim Wort ‘Brustläsion’ waren es 34 Prozent und bei ‘abnormale Zellen’ nur noch 31 Prozent. Die Unterschiede waren signifikant. Umgekehrt stieg der Anteil derer, die lediglich eine aktive Überwachung wollten von 33 auf 48 Prozent, für die Arzneitherapie votierten jeweils um die 20 Prozent. Mit dem Dreh, den der Arzt seiner Diagnose gibt, verschiebt sich offenbar auch die Therapiepräferenz des Patienten.

Ein Mechanismus der Überversorgung?

Dieses Ergebnis scheint jene Ärzte zu bestätigen, die in der Wortwahl einen Mechanismus für Überbehandlungen sehen. Sie argumentieren, dass sich Tumoren heute in frühesten Stadien aufdecken lassen. Darunter befinden sich dann auch Krebsvorstufen und langsam wachsende Geschwülste, die die Patienten nie beeinträchtigen würden. So stehe das Wort ‘Krebs’ mittlerweile für ein breites Spektrum an Tumoren mit ganz unterschiedlichen Prognosen, während es in den Köpfen der Patienten eine lebensbedrohliche Erkrankung geblieben sei und die Therapiepräferenzen verzerrt. Betroffene würden so auch bei Tumoren mit niedrigem Risikopotenzial auf Behandlungen setzen, die das Leben um keinen Deut verlängern, aber mit teils erheblichen Risiken und Nebenwirkungen einhergehen.

Manche Ärzte fordern daher, dass künftig nur noch jene Tumoren als Krebs bezeichnet werden, die ohne Behandlung schnell wachsen. Für solche mit geringem Risikopotenzial – wie sie beispielsweise in der Brust, der Lunge, der Prostata und der Schilddrüse oft anzutreffen sind – solle man Begriffe finden, die weniger dramatisch klingen. Als Vorschläge kursieren Konstrukte wie ‘intraepitheliale Neoplasien‘, ‘epitheliale Tumoren mit geringer Malignität‘, oder ‘indolente Läsionen epithelialen Ursprungs’ (Englisch: ‘indolent lesion of epithelial origin IDLE’).

Patienten gehen lieber auf Nummer sicher

Auch wenn der Ansatz nachvollziehbar erscheint, er hat doch seine Schwächen. So können Ärzte bislang kaum abschätzen, wie sich ein niedrigmaligner Tumor im Einzelfall entwickeln wird. Genau das sei aber die Voraussetzung, bevor man an der Semantik feilt, so die Kritiker. Abgesehen davon geht eine Relativierung der Risiken möglicherweise an den Bedürfnissen von Patienten vorbei. So gaben Teilnehmerinnen einer Studie zum britischen Brustkrebs-Screeningprogramm an, lieber die Nachteile einer Überversorgung als die einer Unterversorgung in Kauf zu nehmen.

Ein neues Wording für Krebsdiagnosen mag also durchaus sinnvoll sein, es müsste aber von weiteren Maßnahmen flankiert werden. Dazu gehört unter anderem, eine Diagnose mit allen ihren Konsequenzen bestmöglich zu erklären – egal, ob nun der Terminus ‘indolente Läsion epithelialen Ursprungs’ gewählt oder schlicht von Krebs gesprochen wird. Ob Ärzte sich der Macht ihrer Wörter in jeder Situation bewusst sind, bleibt für den Moment offen.

148 Wertungen (4.22 ø)

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17 Kommentare:

Naturwissenschaftler

Hallo Kolleginnen und Kollegen,
Hallo liebe Freunde,

ich schließe meine Meinung dem der Meinung vom Herrn Dr. Christoph Neuwirth voll & ganz.

Wissenschaft- und Medizinsprache soll vielleicht für Fachveranstaltung, Tagungen, Konvergenzen, Forschung….etc…lassen
MfG

#17 |
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HP Christiane Ferrang
HP Christiane Ferrang

Sehr geehrte/r Frau/Herr Drandt,
vielleicht haben Sie überlesen, dass ich eher eine Vernetzung mit Unterstützung von naturheilkundlichen Maßnahmen bevorzuge und beides zum Wohle des Patienten zusammenfinden sollte. In obigem Artikel ging es um OP oder Abwarten, wobei Abwarten für mich keine Option darstellt – hier ist die Stärkung des Systems angesagt.

#16 |
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Was soll eine Patientin mit dem Begriff “indolente Läsion epithelialen Ursprungs” oder “intraepitheliale Neoplasien” bitte schön anfangen? Das ist doch für Laien verbal unangemessener und erschreckender Blödsinn… Mit Begriffen wie “beginnend krebsartig oder Vorstufe zum Krebs” könnten diese vermutlich mehr anfangen und sich entsprechend dann entscheiden…

#15 |
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Heilpraktiker

Sehr geehrte Frau Drandt #13,

ein Zitat aus flexikon.doccheck:
“Bei Diagnosestellung ist bei nur 15-20% der Patienten eine kurative Operabilität gegeben. Die operative Letalität liegt in Schwerpunktzentren bei unter 5%. Die 5-Jahres-Überlebensrate nach kurativer chirurgischer Resektion beträgt 20%. Die Gesamt 5-Jahres-Überlebensrate liegt aktuell (2005) bei 5%. Die mittlere Überlebensrate bei palliativen Maßnahmen beträgt 6-9 Monate.”

Wie es Steve Jobs ergangen wäre, hätte er sich sofort in schulmedizinische Hände begeben, ist rein hypothetisch.

Krebs ist und bleibt nun mal eine sehr ernste Erkrankung, die Therapie aufgrund der Multikausalität nicht minder schwierig.

#14 |
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D. Drandt
D. Drandt

Sehr geehrte Frau Ferrang,

die Erfolge der von ihnen so emphatisch gelobten Alternativmedizin sind bei malignen Tumoren doch sehr bescheiden. Das beste Beispiel ist Steve Jobs, der zunächst auch versuchte sein Pankreas-Ca “alternativ” zu behandeln. Der Ausgang ist bekannt. Man sollte jedem Heilpraktiker flugs die Zulassung entziehen, der mit solchem Unsinn eine notwendige Tumortherapie verzögert.

#13 |
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HP Christiane Ferrang
HP Christiane Ferrang

Aus diesem Artikel geht fälschlicherweise hervor, dass es anscheinend nur 2 Möglichkeiten gibt, auf eine Krebserkrankung zu reagieren: Das komplette Programm mit OP, Chemo und Bestrahlung oder Abwarten. Würde man mehr noch anerkennen, dass es andere Methoden gibt, die den Organismus so unterstützen, dass sich eine Geschwulst nicht weiter entwickelt oder zurückbildet, kämen gute Alternativen zu den genannten Maßnahmen im Artikel (OP oder Warten) in Frage – nämlich das System zu stärken über alternativen Heilmethoden. Es braucht wahrscheinlich noch eine geraume Zeit, bis beides zum Wohle des Patienten zusammenfindet.
Verharmlost man nun die Wortwahl, ist vielen Menschen nicht bewusst, dass Handlungsbedarf besteht. Doch in erster Linie sollte doch das System Mensch stabilisiert werden, mit allen Aspekten unseres Seins.

#12 |
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Sehr geehrter Herr Mette #3, sehr geehrter Herr Dr. Schammann #1,

ich kann Ihre Kritik nicht ganz verstehen. Die Links führen direkt zu den verwendeten Quellen, was bei Doccheck Usus ist. Ein Klick und man ist dort, man kann das auch als Service betrachten. Aus meinen Formulierungen geht eindeutig hervor, dass die wissenschaftlichen Leistungen nicht von mir sind, sondern von Studienärzten, und dass zu einem Thema in mehr als einem Medium Beiträge erscheinen, ist bei relevanten Themen nicht ungewöhnlich. Abgesehen davon hatte ich meinen Artikel zum Zeitpunkt als der Focus erschien, bereits an die Redaktion geschickt.

Mit freundlichen Grüßen
Günter Löffelmann

#11 |
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Dr. med dent. Matthias Pfeiffer
Dr. med dent. Matthias Pfeiffer

Sehr guter Artikel. Wie oft sind die Folgen der Op. schlimmer als der Tumor vorher , bzw. das Leiden nach Op. durch die Therapie. Aber: Das Problem der Wortwahl trifft alle Gesellschftsbereiche ( Finanzwesen, Polikik etc.)-> Alternativlos als Wort z.B..

#10 |
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Norbert Manteuffel
Norbert Manteuffel

Ja,Ja – mit der Angst läßt sich Geld verdienen…

#9 |
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Welch ein Unsinn!
Statt sich einem begrifflichen und inhaltlichen Durcheinander ziemlich verschiedener Beispiele aus der Tumorbiologie und -pathologie zu bedienen, hätte ein intensiverer Blick in die sehr ausführlich vorhandenen S3-Leitlinien genügt, um zu erkennen, dass es im Einzelfall eben bis dato nicht möglich ist, das individuelle Risiko auch scheinbar weniger gefährlicher Tumorformen einzuschätzen, woraus sich die durchaus abgestuften Therapieempfehlungen ableiten. Wie im Artikel aufgeführt, ein DCIS der Mamma allein medikamentös oder mit Bestrahlung behandeln zu wollen oder es gar einfach zu überwachen (wie denn?!), ist eben nicht lege artis!
Hier mit Neologismen dem Patienten vorzugaukeln, dass man alles im Griff habe, ist unseriös.

#8 |
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Heilpraktiker

Ein empathischer Umgang mit dem Patienten ermöglicht die nötige Individualisierung auch in der Kommunikation. Das kann auch mal der “Hammer vor den Kopf” sein, wenn’s dem Patienten dient.
Letztlich ist es die primäre Aufgabe, den Patenten umfassend und in ihm verständlicher Weise so zu umfassend informieren, dass er eine kompetente, eigene, möglichtst freie Entscheidung treffen kann und diese dann mit ihm durch zu tragen.

#7 |
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Weitere medizinische Berufe

Sehr geehrter Herr Dr. med. Markus Schammann, sehr geehrte Herr
Walter Mette,
ich finde Ihre Kritik nicht nachvollziehbar, zumal Sie mit diesen Einwänden zum eigentliche Thema keinen Beitrag leisten. Wichtig ist, daß diese Thematik überhaupt einmal in den Fokus gerückt wird (je mehr Medien daran beteiligt sind umso besser). Dabei denke ich allerdings an andere, meines Erachtens vernünftigere und menschlichere Lösungen des Problems. Wenn der Arzt sich genügend Zeit nimmt und ein persönliches/freundschaftliches Verhältnis zu seinem Patienten aufbaut (doch, solche Ärzte gibt es), dann dürfte die Wortwahl bei der Diagnosevermittlung zweitrangig sein. Ich kann einem Patienten mit der knallharten Diagnose Krebs voll auf die “Bläss kloppen” – habe allerdings auch die Möglichkeit dem Patienten vor Eröffnung der Diagnose das notwendige Wissen zu vermitteln so daß er weiß ich habe einen Tumor aber ein harmloser (gut behandelbarer) und wenn ich mich als mündiger Patient verhalte und mit dem Arzt/Heilpraktiker mitarbeite werde ich wieder gesund. Dann handelt es sich um ein Spiel mit offenen Karten – und das dürfte immer das richtige Spiel sein. Ich hätte zu dieser Thematik einen interessanten Fallbericht (Stichwort Hautkrebs) aber wahrscheinlich würde es in diesem Rahmen zu weit führen. Bin aber gerne bereit diesen interessanten „Fallbericht“ (anonymisiert) publik zu machen. Im Übrigen schließe ich mich den Ausführungen des Herrn Robert Wagner #4 völlig an.

#6 |
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Biologisch- / Chemisch- / Physikalisch-technischer Assistent

Solche Worte wie: “intraepitheliale Neoplasien” würden für den Leien trotzdem schwer zu verstehen sein. Da müssen schon einfach zu verstehende “Neologismen” her.

#5 |
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Heilpraktiker

Es würde häufig schon reichen, statt dem Wrt Krebs nur Tumor zu sagen, denn da weiß der Patient, daß ein Tumor durchaus unterschiedliche Gefährdungsstufen haben kann. Mit dem Wort Krebs dagegen verbindet er etwas ganz anderes. Der Krebs frißt mich auf, das ist fremd, gehört nicht zu mir, das muß weg.
Wenn mir auch die Bezeichnug Heilungskrise für einen womöglich hoch aggressiven Tumor zu verniedlichend ist, rein diagnostisch ist die Sichtweise nach Dr. Hamer mitunter sehr hilfreich, den dahinter steht etwas Wichtiges, was in der Schulmedizin häufig zu kurz kommt, nämlich, daß der Patient nach erfolgter Therapie nicht allein gelassen wird, sondern in dem Wissen, das die Umstände und persönlichen Stressfaktoren zu diesem Geschehen geführt haben und daraus eine Änderung derselben notwendig, bzw. unabdingbar ist für eine endgültige Heilung.

#4 |
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Nichtmedizinische Berufe

Wenn es wirklich so ist, hat Herr Dr. Markus Schammann recht. Um dieses Wissen auch bei Doccheck publik zu machen, kann man doch die Herkunft seines Wissen nennen.

#3 |
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Endlich wird darüber nachgedacht!
Das Wort “Krebs” wird immer noch mit dem nahenden unabänderlichen Tod verknüpft! Wenn man bedenkt, daß alle Krankheien im Kopf also im Geist beginnen …. knn mit diesem Hammer geradezu das Krebsgeschehen im bekannten Wortsinn eingeleitet werden, anstsatt wie Dr. Hamer es sieht den Tumor als Heilungskriese einer psychisch-philosophischen Erkrankung zu sehen.
Wittgenstein sagte: “Die Menschen haben eine philosophische Erkrankung und benötigen deshalb eine philosophische Therapie”. Wie Recht er doch hat! Unsere offizielle Staatsmedizin ignoriert Geist und Seele und kennt nur die Materie also den Körper: ein Konglomerat aus ca 70 Liter Wasser und einigen Chemikalien!
Wenn wir uns jedoch als GEISTIGE WESEN oder ENERGIEBÜNDEL in einem kosmischen Energiefeld befreifen, dann tun sich Heilungschancen auf, die unserer Pharmagesteuerten Welt völlig unversatändlich sind!
Mir ist es gelungen durch energetischenVerfahren sog. austherapierte Krebspatienten zur Selbsatheilung zubewegen!
Außerdem ducht Chemnotherapei und Strahlenthrapie werden TUMORSTAMMZELLEN ERZEUGT; die ihrerseits gegen die übliche Therapieansätze resistent sind.
Aber aus Gewinngier der Pharmaindustrie dsürfen solche “alternativen Methoden” gar nicht erwähnt werden.
Unser Krankenversicherungssystem bezahlt für die Ermordung eines Tumorpatienten ohne weiteres 500,000 bis 1.000.000, € und belastet damit unser Gesundheitswesen bis zm Zerbrechen! Abgesehen von dem Leid und den Schmerzenm, die den Patienten und IhrenAngehörigen zugefügt werden. Aber bei Milliardengewinnen kennt die Pharmaindustrie keine Gnade!

#2 |
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Dr. med. Markus Schammann
Dr. med. Markus Schammann

Lieber Herr Löffelmann,
wenn Sie schon die Ideen eines aktuellen Journal-Artikels (JAMA) hier verwerten, dann wäre es doch mehr als angebracht, diese Quelle am Ende Ihres Beitrags auch ordentlich anzugeben und nicht nur als Link hinter Stichworten im Text zu verstecken!
Wenn Sie irgendwo geistigen Input leisten, wäre es Ihnen sicher auch nicht recht, wenn andere dies verschleiern und mehr oder weniger als eigene Kreation ausgeben würden?!!
Übrigens: Im aktuellen Focus (Nr. 42/ 2013, S. 116 ff.) ist das identische Thema seit gestern (Sonntag) auch schon zu lesen.

Viele Grüße,
M. Schammann

#1 |
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