Magna Doodle statt Lesezirkel

4. April 2008
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Ein Tablet-PC fürs Wartezimmer hält die Patienten bei Laune und liefert dem Arzt schon vorab Informationen zu Anamnese und Befinden. Das spart Zeit und lässt die Patienten nicht so schnell ungeduldig werden. Nebenbei lässt sich die Plattform auch für eine Darstellung der Praxis nutzen.

Schon klar, auch bei Ihnen in der Praxis dominieren im Wartezimmer Bunte, Frau im Spiegel und die ganze Lesezirkel-Palette. Aber muss das wirklich so sein? Nicht zwangsläufig. Zumindest in den USA stapeln sich seit Neuestem in immer mehr Arztpraxen Tablet-PC-Geräte auf den Beistelltischen der Patientenaufnahme. Sie sehen aus wie jene Magna Doodle-Spieltafeln, auf denen Kinder mit speziellen Stiften sorglos herum schmieren können, weil eine einfache Betätigung eines Magnetschiebers jedes noch so exzessive Geschmiere wie von Zauberhand wieder verschwinden lässt.

Check-in per WLAN-Doodler

Neinnein, auch in den USA gehen die Ärzte nicht in den Spielzeugladen und verlangen einen Zehnerpack Magna Doodle von Fisher-Price. Mittlerweile heißt das Ding ohnehin Doodle Pro, was beim Einkaufen nicht ganz so peinlich wäre, weil es ja doch irgendwie nach Praxis-EDV und professionellem Einsatz klingt. Nein, bei Ärzten kommt das Unternehmen Phreesia vorbei, das sich im Untertitel “The Patient Check-in Company” nennt und bringt seinen ebenfalls “Phreesia” getauften Magna Doodle-Klon kostenlos an den Mann. Was das soll? Nun ja, der Tablet-PC mit Touchscreen dient zur Erfassung eines strukturierten Patienteninterviews im Vorfeld des eigentlichen Arzt-Patienten-Gesprächs. Was genau bei diesem Interview abgefragt wird, ist natürlich von Praxis zu Praxis verschieden. Phreesia erlaubt hier die individuelle Erstellung einer beliebigen Zahl von Interviews, die die Patienten während ihrer Wartezeit ausfüllen.

Der ausgefüllte Bogen wird dann automatisch über eine ebenfalls mitgelieferte WLAN-Infrastruktur an einen Drucker geschickt. Der druckt ihn aus, sodass der Arzt die Infos beim Gespräch vor sich liegen hat. Laut Eigenwerbung des Unternehmens soll das Produkt zudem zumindest mit einem Teil der Informationssysteme von medizinischen Einrichtungen in den USA kompatibel sein oder gemacht werden, was dann eine gewisse Individualisierung der Fragebögen erlaubt. Es soll beispielsweise möglich sein, einen Patienten gezielt auf ein beim letzten Arztbesuch erwähntes Symptom hin anzusprechen. Was nicht heißt, der Arzt jetzt komplett aufhören soll zu reden.

Mindestens so schlau wie ich selbst: Mein Tablet-PC

Wie das Ganze in der Praxis aussieht, kann sich jeder auf der Webseite von Phreesia anhand von Kurzvideos ansehen. Zur Auswahl stehen eine Produkt-Demo und ein Zeichentrickfilm, der dann doch irgendwie wieder die Spielzeug-Assoziation in den Raum wirft. Wie auch immer, bei seinen Nutzern beziehungsweise den Ärzten scheint Phreesia-Doodle gut anzukommen: “Wir müssen unsere gewohnten Abläufe in keiner Weise ändern!”, jubelt beispielsweise Crystal Comer, Koordinator einer Praxis für Innere Medizin in Harrisburg, Philadelphia. “Phreesia verbessert die Patientenzufriedenheit, beschleunigt die Aufnahme und führt zu produktiveren Patientengesprächen”, schließt sich die Ärztin Alicia Andrews aus Tulsa, Oklahoma an. Und Dr. Raj Goyal aus Hudson, Florida, sieht in Phreesia sogar einen Geistesverwandten: “Ich kann meine Patientenversorgung verbessern mit Hilfe von Fragen, die mein Denken simulieren.”

Mit Frau im Spiegel kompatibel: Phreesia!

Die Sache ist, wie gesagt, kostenlos für den Arzt. Selbst wenn ein Gerät geklaut wird oder kaputt geht, fallen laut Unternehmen keine Kosten an. Finanziert wird das Ganze natürlich über Werbung, wofür es in den USA vermutlich andere Richtlinien gibt als bei uns. Dass Tablet-PC-Geräte in Wartezimmern noch zusätzliche Funktionen anbieten können, muss kaum erwähnt werden. Praxisbesonderheiten oder IGeL-Leistungen sind nur zwei Stichworte.

Ein paar Computerspiele dürften auch nicht schaden, gerade wenn die Wartezeiten länger sind. Im Endeffekt sparen Sie mit einer derartigen Lösung vielleicht sogar Geld: Denn weil Sie Ihre Patienten elektronisch bei Laune halten, können Sie Ihre Zeitschriften-Abos kündigen. Falls trotzdem Rückfragen kommen: Gegebenenfalls könnten Sie ja noch die Webseite von Frau im Spiegel fürs Wartezimmer frei schalten. Spätestens dann sind alle zufrieden…

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