Wash and Go bei Niereninsuffizienz

10. April 2008
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Wissenschaftler in Kalifornien haben eine tragbare künstliche Niere entwickelt. Sie könnte schon bald Patienten mit chronischem Nierenversagen stundenlange Behandlungen in Dialysezentren ersparen. In einem ersten Test wurde das Gerät nun an Betroffenen auf seine Alltagstauglichkeit erprobt.

Viele Menschen, die unter dauerhaftem Nierenversagen leiden, bleiben unfreiwillig ihrem Wohnort treu. Ihre Mobilität ist erheblich eingeschränkt, da sie sich meist dreimal pro Woche für mehrere Stunden in eine spezialisierte Einrichtung zur Blutwäsche begeben müssen. Eine in den USA entwickelte tragbare künstliche Niere soll den Betroffenen wieder mehr Bewegungsspielraum bieten. In Großbritannien wurde das Gerät jetzt erstmals an Patienten erprobt. Dabei erwies es sich zwar als weitgehend sicher, war jedoch weniger effektiv als die Hämodialyse mit einem stationären Apparat.

Gerät wird um die Hüften getragen

Acht Patienten mit chronischem Nierenversagen testeten jeweils ein einziges Mal am Londoner University College Hospital das etwa fünf Kilogramm schwere Gerät, das von der Firma Xcorporeal in Los Angeles entwickelt wurde. Es wird in einem breiten Gürtel um die Hüften getragen und enthält neben der Dialysekammer mehrere Sicherungssysteme, die Probleme anzeigen. Sie melden zum Beispiel, ob sich Blasen oder Blutgerinnsel gebildet haben. Eine von einer Neun-Volt-Batterie angetriebene Pumpe befördert Blut in die Kammer und wieder zurück in den Körper.

Die Patienten reinigten ihr Blut vier bis acht Stunden lang mithilfe des Geräts. Wie die Wissenschaftler um Andrew Davenport in der Fachzeitschrift The Lancet berichten, blieben während der Behandlung bei allen Patienten Blutdruck, Puls, Herzfrequenz, Säure-Base-Gehalt und die Menge an Elektrolyten im Blut stabil. Alle Testpersonen waren mit der Behandlung zufrieden und würden das Gerät anderen Patienten weiter empfehlen.

Die Effizienz des tragbaren Geräts ist jedoch nicht sehr hoch: Es pumpt das Blut fünfmal langsamer als herkömmliche Geräte und kann deshalb nicht so schnell wie diese Schadstoffe und Flüssigkeit aus dem Blut entfernen. Dennoch äußern die Autoren die Hoffnung, dass die Neuentwicklung unter dem Strich effizienter als herkömmliche Geräte sein kann – falls Patienten es zukünftig tagtäglich mehrere Stunden lang benutzen.

Effizienz noch nicht ausreichend

Experten hierzulande sind eher skeptisch: “Das mobile Gerät in seiner jetzigen Form kann nicht die normale Blutwäsche an stationären Geräten ersetzen”, sagt Jan Galle, Pressesprecher der Gesellschaft für Nephrologie und Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid. “Im Moment reicht die Effizienz einfach nicht aus, um eine komplette Entgiftung zu erreichen.” Es könne aber in bestimmten Fällen die bisherige Blutwäsche ergänzen. Galle: “Unter den Dialysepatienten gibt es einige, die noch ihren Beruf ausüben. Sie könnten mit dem tragbaren Gerät auf eine mehrtägige Geschäftsreise gehen und würden dadurch an Mobilität gewinnen.”

In Deutschland sind rund 60 000 Menschen auf die künstliche Blutwäsche angewiesen. Eine Hämodialyse kann die Funktion der Niere bislang nur unvollständig ersetzen. Da das Blut in der Regel nur dreimal pro Woche entwässert und entgiftet wird, leiden die Patienten vor allem an Gewichts- und Bluthochdruckschwankungen, die den Körper enorm belasten. Nach vielen Jahren kommt es zu Schäden wie Gefäßverkalkungen, Herzerkrankungen, Knochen- und Gelenkschäden.

Tägliche Blutwäsche mindert Spätschäden

Um die Spätfolgen zu reduzieren wäre es daher sinnvoll, das Blut täglich zu reinigen – so wie das gesunde Nieren tun. Eine tägliche mehrstündige Dialyse mit stationären Geräten würde es den Patienten völlig unmöglich machen, ein normales Leben zu führen. Nur ein mobiles System wie das Gerät von Xcorporeal, das die Patienten zu Hause oder während der Arbeit tragen, könnte die tägliche Blutwäsche alltagstauglich machen.

Doch bevor diese Vision Realität wird, haben die Ingenieure der Firma noch Einiges zu tun. Denn das tragbare Dialysegerät erwies sich in der Studie als anfällig für technische Defekte: Bei zwei Patienten störten Kohlendioxidbläschen, die bei der Zersetzung von Harnstoff entstehen, die Zirkulation der Dialyseflüssigkeit. Bei zwei anderen Testpersonen bildeten sich Blutgerinnsel im Zugang zu den Blutgefäßen, und bei einem Patienten löste sich eine Nadel und der Blutfluss wurde unterbrochen. Gravierende Folgen hatten die Pannen nicht – die eingebauten Sicherungssysteme schalteten bei allen Zwischenfällen die Pumpe sofort aus.

Neue Studie mit mehr Patienten geplant

“Für einen regulären Einsatz ist die Fehlerhäufigkeit eindeutig zu hoch”, urteilt der deutsche Experte Galle. Victor Gura, Wissenschaftsvorstand von Xcorporeal und Erfinder des Geräts, ist jedoch zuversichtlich, dass die Defektanfälligkeit des Geräts behoben werden kann: “Wir sind gerade dabei, den Prototypen zu einer marktreifen Version weiterzuentwickeln. Deren Sicherheit und Wirksamkeit wollen wir noch in diesem Jahr an einer größeren Anzahl an Patienten über einen längeren Zeitraum hinweg testen.”

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