Knoblauch am Pranger

18. April 2008
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Nach dem vor kurzem beschlossenen Aus für Kava-Kava nimmt das BfArM jetzt auch noch die Knoblauchkapseln ins Visier. Grund sind Wechselwirkungen mit einem gängigen HIV-Therapeutikum. Brisant dabei: Knoblauch ist ein sehr beliebtes Co-Medikament bei HIV-Infizierten.

Die Natur hat es nicht leicht in diesem Jahr, zumindest bei den Behörden und Instituten des deutschen Gesundheitswesens. Erst verfügten Deutschlands oberste Pillenwächter beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) das weitgehende Aus für die einst so populären Kava-Kava-Präparate. Dann kam das IQWIG und meldete – wenn auch verklausuliert – erhebliche Zweifel am Nutzen von Ginkgo biloba bei der Alzheimer-Demenz an. Und jetzt bekommt auch noch der Knofel eins auf die Zehen, wieder vom BfArM.

Zwei Knoblauchzehen am Tag machen halb so viel Wirkung

Der Schlag gegen den kulinarischen Inbegriff der deutschen Italiensehnsucht fällt freilich nicht ganz so kraftvoll aus wie die Angriffe auf Kava-Kava und Ginkgo. Deletäre Auswirkungen auf die Nachfrage nach Knoblauchpräparaten in Apotheken sind vorerst nicht zu befürchten. Konkret geht es um eine Veränderung der Packungsbeilage für alle Zubereitungen aus Allium sativum (Knoblauch), die als maximale Tagesdosis (!) mehr Knoblauch-Äquivalent enthalten, als es 0,8 Gramm frischen Pflanzenmaterials entspricht, knapp eine halbe Zehe also. Die Hersteller der entsprechenden Präparate – betroffen ist ein Großteil der auf dem deutschen Markt erhältlichen Knoblauchpräparate – müssen gemäß dem Anfang April veröffentlichten Bescheid ihre Kunden künftig darüber informieren, dass es beim Knoblauchkonsum zu Wechselwirkungen mit dem Protease-Hemmstoff Saquinavir kommen kann. Das ist ein häufig eingesetztes antiretrovirales Medikament in der HIV-Therapie. Konkret besteht die Gefahr, dass der Plasmaspiegel von Saquinavir nach Knoblauchkonsum dramatisch absackt, was die Wirksamkeit der antiretroviralen Therapie gefährden kann. Dem BfArM-Verdikt zugrunde liegt eine Studie, die interessanterweise bereits im Jahr 2002 publiziert wurde. Die Mühlen der Arzneimittelbehörden mahlen langsam. In dieser in der Zeitschrift Clinical Infectious Diseases publizierten Studie nahmen neun Probanden drei Wochen lang Saquinavir und eine Knoblauchzubereitung ein. Die Tagesäquivalenzdosis lag bei etwa vier Gramm frischem Pflanzematerial, umgerechnet etwa zwei Knoblauchzehen. Es zeigte sich, dass die minimale Konzentration an Saquinavir acht Stunden nach Einnahme des Knoblauchpräparats reproduzierbar um im Mittel 49 Prozent fiel, die maximale Konzentration sogar um 54 Prozent.

BfArM an Hersteller: Nur kritisieren reicht nicht!

Dem BfArM-Bescheid ist zu entnehmen, dass sich zumindest einige Hersteller von Knoblauchpräparaten gegen die Anordnung mit Händen und Füßen gewehrt haben. Das Argument ist immer dasselbe, und es ist so auch schon bei anderen Naturpräparaten angebracht worden: Es sei ja nicht bewiesen, dass die beobachtete Interaktion klinisch ein Problem darstelle. Das BfArM fährt diesem Argument deutlich in die Parade: “Unter Bezugnahme auf entsprechende Argumente in den eingereichten Stellungnahmen der pharmazeutischen Unternehmer weisen wir darauf hin, dass nach den arzneimittelrechtlichen Bestimmungen ein Risiko nicht belegt sein muss, um Risiko mindernde Maßnahmen ergreifen zu können”, so die Gutachter. Zwei Sätze weiter folgt dann der Seitenhieb, den sich auch schon die Produzenten von Kava-Kava-Präparaten anhören mussten: “Da entkräftende Untersuchungen mit in Deutschland handelsüblichen Knoblauchzwiebelzubereitungen wie getrocknetes beziehungsweise schonend getrocknetes Pulver aus Knoblauchzwiebeln fehlen, halten wir das oben beschriebene Risiko (…) für gegeben.”

Fortsetzung folgt?

Eine wichtige Rolle dürfte gespielt haben, dass Interaktionen ausgerechnet mit der antiretroviralen Therapie potenziell lebensgefährlich sein können. Außerdem spricht einiges dafür, dass Knoblauchpräparate unter HIV-Patienten eine erhebliche Verbreitung genießen. Zahlen aus Deutschland fehlen, aber Studien in den USA deuten darauf hin, dass noch im Jahr 2006 jeder dritte AIDS-Patient Knoblauch-Präparate eingenommen hat – zu einem Zeitpunkt also, an dem die Interaktion mit Saquinavir bereits seit vier Jahren beschrieben war. Dass Knoblauch gerade für HIV-Patienten attraktiv ist, wundert nicht. Es gilt als anti-arteriosklerotisch, und Arteriosklerose gehört zu den Langzeitfolgen der antiretroviralen Therapie. Auch gab es immer wieder Diskussionen über angebliche direkt HIV hemmende Effekte von Knoblauch, mal mit, mal ohne Rote Beete. Das alles hat zum Image des Knoblauch als “grundgutem” Naturpräparat beigetragen. Bleibt abzuwarten, welche Medikamente uns in den nächsten Jahren noch mit Knoblauch-Interaktionen überraschen…

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