Krebstherapie: Hilfe aus Fernost

18. April 2008
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Lange Zeit galt sie als freakige, vor allem aber als die große Unbekannte in der klassischen Krebstherapie: Die Traditionelle Chinesische Medizin. Nun entdeckt die Elite der Deutschen Krebsforscher die Potenziale einer 5000 Jahre alten Kultur - das DKFZ nimmt sich chinesischen Heilpflanzen an, und berichtet erstmals über erstaunliche Ergebnisse beim Aderhautmelanom.

Schon die Diagnose bringt dem Patienten die bittere Erkenntnis, dass er seine Lebenszeit im Grunde hinter sich hat: Nur noch drei bis fünf Monate leben Menschen mit einem Aderhautmelanom nach Feststellung des aggressiven Krebses – normalerweise. Für zwei Betroffene indes brachten Wirkstoffe der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eine deutliche Besserung: Der eine überlebte 24 Monate, während der andere vier Jahre nach der speziellen “Kräutertherapie” beschwerdefrei wurde und den Krebs offenbar besiegte.

Die Nachricht in die Kategorie unseriöser Berichterstattung einzuordnen wäre unangebracht – sie stammt ausgerechnet aus dem Olymp heimischer Onkologen, dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg.

Tatsächlich setzte DKFZ-Molekularbiologe Thomas Efferth gemeinsam mit seinen Kollegen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen bei zwei Aderhautmelanom-Patienten die Substanz Artesunate ein. Das Derivat des in der TCM verwendeten Wirkstoffs Artemisinin verfügt nämlich über eine ganz besondere Eigenschaft: Es tötet in Zellkulturen isolierte Krebszellen ab. Was zunächst wie das Versprechen eines Wunderheilers klingt, hat handfeste molekularbiologische Hintergründe.

Sprengstoff für den Tumor

Der im Beifuss enthaltene Wirkstoff Artemisinin reagiert in einem ersten Schritt mit jenem Eisen, das sich in den wuchernden Krebszellen ansammelt. Dieser Schritt würde bei den Behandelten freilich keine einzige Minute an Lebensverlängerung bewirken. Erst die einsetzende Folgereaktion entpuppt sich als mächtige Waffe gegen den Krebs, wie Molekularbiologe Efferth in der DKFZ-eigenen Zeitschrift “Einblick” zu berichten weiß: “Wenn Artemisinin auf Eisen trifft, kommt es zu einer chemischen Reaktion, durch die aktive freie Radikale entstehen”. Diese Sauerstoffpartikel heften sich offensichtlich an die Zellmembran des Tumors und brechen sie auf diese Weise auf. Artemisinin wirke “wie Sprengstoff für den Tumor”, folgert Efferth.

Die Substanz ist kein Einzelfall. Mehr als 6000 Heilpflanzen zählt die chinesische Medizin zu ihrem Repertoire, global betrachtet stünden Medizinern sogar über 250.000 therapeutisch wirkende Pflanzenarten zur Verfügung – wenn man nur wüsste, welcher Inhaltsstoff eigentlich was bewirkt.

Genau diese Wissenslücke zu schließen wollen Forscher wie Efferth hierzulande – und Wissenschaftler im Mutterland der TCM. Dort setzen die Chinesen da an, wo ihre Vorfahren schon vor Jahrtausenden die Grundlagen des heutigen Wissens lieferten. So entwickelten chinesische Biotechnologen am Anfang unseres Millenniums eine Datenbank, die nach Fertigstellung in der Lage sein wird, die traditionelle chinesische Medizin (TCM) mit den Methoden der modernen Gentechnologie zu verbinden. Wie sich dabei das Denken der alten Kultur auf die Vorgehensweise unserer High-Tech-Welt übertragen lässt zeigte der Direktor des chinesischen Humangenom-Centers, Chen Zhu, der die Datenbank in Shanghai vorstellte. Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts durch die entsprechende Gentechnologie könne man auch dazu nutzen, um die “geheimnisvollen” Effekte der traditionellen chinesischen Medizin zu verstehen.

Onkologisch gesehen sexy

Wie einst erfreuen sich die führenden Wissenschaftseinrichtungen Chinas auch heute der Gunst der Herrschenden. Massive staatliche Unterstützungen gehören zum Technik-Vorstoße der Volksrepublik. So flossen allein zwischen 1996 und 2002 rund 180 Millionen US-Dollar aus staatlichen Kassen allein in chinesische Biotech-Projekte, zu denen auch die Erforschung von TCM-Wirkstoffen zählen. Noch gewaltiger ist der Trend, den westliche Experten mittlerweile ausmachten. Schätzungen zufolge könnte sich die Summe der Fördergelder für das zukunftsträchtige Segment der Lebenswissenschaften, zu denen neben Medizin und Gentechnologie auch die Biotechnologie zählt, nahezu vervierfacht haben.

Von derart hohen Finanzspritzen können deutsche Medizinforscher nur träumen. Doch immerhin: Mittel zur Erforschung des enormen TCM-Wirkstoffpotenzials fließen mittlerweile auch hierzulande. So konnte eine Forschergruppe am DKFZ Substanzen aus chinesischen Heilkräutern identifizieren, mit denen die so genannte Chemo-Resistenz von Krebszellen überwunden werden kann. Der Clou: Die pflanzlichen Substanzen Wogonin und Rocaglamid greifen in andere Signalwege ein als herkömmliche Chemotherapeutika und scheinen auch Tumore zu zerstören, bei denen eine klassische Chemotherapie versagt. Ein weiterer Vorteil dieser potentiellen Medikamente: Gesunde Zellen werden nach bisherigen Ergebnissen nicht oder nur geringfügig geschädigt. Mit immerhin 418.000 Euro fördert die Deutsche Krebshilfe das Forschungsprojekt. “Wirkstoffe, die aus den chinesischen Heilkräutern isoliert wurden, könnten in solchen Fällen neue Hoffnung geben: Sie machen die Krebszellen wieder empfindlich für das Zelltod-Signal”, erklärt Professor Peter Krammer, Projektleiter und Sprecher des Forschungsschwerpunkts Tumorimmunologie am DKFZ.

Jetzt will die Arbeitsgruppe entartete Zellen des Abwehrsystems, die Leukämien und bösartige Tumoren des Lymphsystems verursachen, unter die Lupe nehmen. Was die Sache aber aus onkologischer Forschungssicht wirklich sexy macht, fasst die Deutsche Krebshilfe in einem Satz zusammen: “Die Wirkstoffe wären prinzipiell auch gegen andere Tumoren anwendbar”.

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