OTC-Produkte: Grün ist in

18. April 2008
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Selbst zahlen hin oder her: Von einem Zusammenbruch des OTC-Markts kann anno 2008 keine Rede sein. Eine Umfrage belegt, dass die Selbstmedikation bei Ärzten eine hohe Akzeptanz genießt. Trotzdem wird manchmal zu Lasten der Kassen aus dem grünen ein weißes Rezept.

Bei der Frage nach den Auswirkungen des GKV-Modernisierungsgesetzes (GMG) auf die Selbstmedikation ist die Wahrheit weder schwarz noch weiß. Der befürchtete Zusammenbruch des OTC-Markts durch die Herausnahme eines Großteils der nicht-rezeptpflichtigen Medikamente aus dem Erstattungskatalog der Gesetzlichen Krankenversicherung ist ausgeblieben. Von einem durch die Politik gerne beschworenen Trend zu mehr Eigenverantwortung und Gesundheitsfürsorge ist allerdings auch noch nicht so richtig viel zu spüren – zumindest dort, wo Selbstzahlerleistungen rezeptiert werden. Denn der Anteil der per Grünem Rezept verordneten Arzneimittel zeigt wenig Dynamik.

Bei jeder vierten Verordnung sehen (Haus-)Ärzte grün

Grund genug für den Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie, den Ärzten in einer Umfrage einmal etwas genauer auf den Kugelschreiber zu schauen. Der Verband beauftragte die Meinungsforscher von TNS Healthcare Ende Februar damit, insgesamt 200 niedergelassene Allgemeinmediziner, Praktiker und Internisten zu befragen, die hinsichtlich Geschlecht, Alter und Region einigermaßen repräsentativ für den Bundesdurchschnitt sind. Dabei zeigt sich zunächst einmal eine durchaus hohe Akzeptanz bei der Selbstmedikation. Rund 27 Prozent aller Verordnungen oder Empfehlungen entfallen demnach auf apothekenpflichtige rezeptfreie Arzneimittel. Davon wiederum wurde etwa die Hälfte per Grünem Rezept oder Privatrezept verordnet. Ein Drittel entfiel auf Kassenrezepte bei schwerwiegend erkrankten Patienten oder bei Kindern, und das restliche knappe Fünftel sind mündliche Empfehlungen ohne Rezept. 96 Prozent der Ärzte gaben an, dass rezeptfreie Medikamente bei leichten Gesundheitsbeschwerden medizinisch und therapeutisch sinnvoll seien. 82 Prozent sehen das auch noch bei mittelschweren Beschwerden so. Erst bei starken Gesundheitsstörungen fällt die Zustimmungsquote zum Einsatz apothekenpflichtiger rezeptfreier Arzneimittel auf ein Drittel. Immerhin 86 Prozent der Ärzte sind überzeugt, dass es Erkrankungen gibt, bei denen die rezeptfreien Präparate den rezeptpflichtigen mindestens ebenbürtig sind. Genannt wurden hier in erster Linie generalisierte Virusinfektionen, Magen-Darm-Infekte, Erkältungskrankheiten und Schmerzen.

Aus grün wird weiß – es liegt am Preis!

Wenn die Ärzte dem Grünen Rezept gegenüber also aufgeschlossen sind, wie sieht es dann mit den Patienten aus? Zumindest aus Ärztesicht ist hier die Welt auch einigermaßen in Ordnung. Nur vier Prozent der Ärzte gaben an, Patienten zu haben, die das Grüne Rezept konsequent ablehnen. Die große Mehrheit der Patienten akzeptiert das Grüne beziehungsweise Privat-Rezept demnach – zum Teil mit, zum Teil ohne weitere Nachfrage. Trotzdem gaben 94 Prozent der Ärzte an, sich an Patienten im vergangenen Quartal erinnern zu können, denen sie statt eines gleichwertigen rezeptfreien Präparats ein rezeptpflichtiges Präparat verordnet haben. Im Durchschnitt errechneten die Statistiker aus diesen allerdings auf Schätzungen beruhenden Angaben, dass etwa 14 Prozent aller Verordnungen für verschreibungspflichtige Arzneimittel durch rezeptfreie Verordnungen ersetzt werden könnten und dass das den verordneten Ärzten durchaus bewusst ist. Bei den Gründen für diese aus “OTC-Sicht” unbefriedigende Situation wird kein Blatt vor den Mund genommen. 52 Prozent der Ärzte gaben an, sie täten das, um den Patienten die Kosten für rezeptfreie Produkte zu ersparen, 34 Prozent wollen Diskussionen mit den Patienten vermeiden und 20 Prozent fürchten, sonst Patienten zu verlieren. 48 Prozent gaben zumindest auch medizinische Gründe an.

Wie wichtig ist die Wirtschaft?

Der Vorsitzende der Fachabteilung Selbstmedikation des BPI, Manfred Kreisch, wundert sich über diese Zahlen nicht: “Dies bestätigt unsere Annahme, dass oft nicht die medizinisch geeigneteste Arzneimitteltherapie zur Anwendung kommt, sondern wirtschaftliche Faktoren zum großen Teil die Therapieentscheidungen des Arztes beeinflussen.” So ganz kann man diese Interpretation freilich nicht aus den Zahlen ziehen. Da müsste schon etwas genauer untersucht werden, was durch was ersetzt wird – denn genauso wenig wie jedes rezeptfreie Medikament zwangsläufig weniger wirksam ist als ein rezeptpflichtiges, ist es auch nicht zwangsläufig besser verträglich. Die Pauschalinterpretation mag also als Tribut an die BPI-Mitgliedsunternehmen gelten, die zu einem großen Prozentsatz im Selbstzahlerbereich verortet sind…

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